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PARIS/ Opéra Bastille: PIQUE DAME

30.01.2012 | KRITIKEN, Oper

Paris: „PIQUE DAME“ – Opéra National de Paris Bastille 29.1.2012

„Das Leben gleicht dem Spiel: Geld oder Liebe“


Schlussbild. Vladimir Galouzine. Foto: E. Mahoudeau

 Dem Publikum muss es so wie unserem Antihelden Hermann in dieser seit 1999 zum dritten Mal an der Bastille wieder aufgenommenen Produktion des sibirischen Regisseurs Lev Dodin ergangen sein. Hin und her gerissen zwischen der hingebungsvollen Liebe zum Werk und dem immer wieder Oberhand gewinnenden „Geist der Verneinung“. Zuerst der Weigerung anzuerkennen, dass der Ansatz des vom Schauspiel kommenden Regisseurs den Qualitäten des Librettos und der Partitur Pjotr Iljitsch Tschaikowskys gerecht wird. Die Idee einer Übertragung des gesamten Geschehens ins Irrenhaus könnte allenfalls für die literarische Vorlage Puschkins und damit in einer Sprechtheaterversion noch einen Funken Gültigkeit in sich tragen. Für die Opernbühne sieht das anders aus. Wo in der Musik des St. Petersburger Komponisten die Vielfalt der Naturbilder und -gewalten hörbar zu klingenden Metaphern für die Leidenschaften der Protagonisten werden, zeigen das Bühnenbild des David Borovsky und die Kostüme der Chloé Obolensky nichts mehr als die Banalität einer ärmlichen Irrenanstalt in einem heruntergekommenen Palais. Kein Sturm, kein Regen, kein Sonnenuntergang und keine Nacht dringen in das hermetische Weiß des Krankenzimmers.

Die Personenführung verschärft das Unbehagen noch: Ausgenommen dem auch szenisch besten Hermann unserer Tage, Vladimir Galouzine, bleiben alle anderen Figuren in einem unentschiedenen Patt quasi in der Luft hängen. Was beim Männerquintett Graf Tomski, Fürst Jeletzki, Tschekalinski, Surin und Tschaplitzki nicht extrem stört, sind diese doch bei aller herrlichen Musik, die sie singen, im Grunde genommen nur Stichwortgeber für den total seiner nihilistischen Spiel-Leidenschaft ergebenen Hermann. Für die beiden weiblichen Protagonistinnen Lisa und Gräfin ist das Regie-Konzept freilich fatal. Unbeachtet der für den Zuseher unlösbaren Frage, ob die beiden Frauen den Gehirngespinsten Hermanns entsprungen sind oder dem Spitalpersonal angehören (beide Varianten wären schrecklich abgestandene Regietheaterkalauer), sind Lisa und die alte Gräfin nicht Akteure der Liebe, des Geheimnisses, der Reminiszenzen an alte Zeiten und des Todes, sondern höchstens deren Requisiten. Noch nie habe ich das Entreißen des Geheimnisses der drei Karten so dramaturgisch verschenkt und spannungslos empfunden wie hier. Besonders störend: Lisa ist auch nach Ertrinken in der Newa nicht tot, sondern tanzt munter in der letzten Szene mit den Offizieren auf der Bühne herum. Diese Liste an szenischen Ungereimtheiten ließe sich beliebig fortsetzen. Ich will es hiermit jedoch bewenden lassen: Wie es Heimito von Doderer mit seiner Fini in den Dämonen macht, befördere ich hiermit diese Produktion aus dem Kopf und mit einem Fußtritt auf den Müllhaufen der Operngeschichte.

Um die musikalische Umsetzung ist es jedoch wesentlich besser bestellt. Vladimir Galouzine, der an der Bastille schon die Premiere und die Wiederaufnahme 2004 gesungen hat, gelingt selbst in dem kahlen Ambiente als zutiefst menschlicher in sich zerrissener Hermann zu berühren. Ihm ist die Sympathie des Publikums sicher. Und noch mehr: Durch solch einen Interpreten wird Oper zur moralischen Anstalt: Man kann nicht umhin, in sich selbst der Frage nachspüren, wie sehr letztendlich ein fataler Charakterzug, eine blinde Leidenschaft über Glück oder Unglück einer Handlung bzw. eines Schicksals bestimmen. Tschaikowsky dürfte in Hermanns Außenseitertum ihm verwandten Charakterzügen nachgespürt haben. Mit dieser von Ehrgeiz und Berechnung getriebenen Figur teilte der Komponist das subjektive Gefühl, einem übermächtigen Schicksal ausgeliefert und in der ihm umgebenden Gesellschaft isoliert zu sein.

Rein stimmlich ist Galouzine auf dem Zenit seiner Möglichkeiten, die Gebrochenheit, der Wankelmut des „gefallenen Engels“, aber auch die mächtigen Leidenschaften teilen sich mit jeder gesungenen Silbe auf das Intensivste mit. Grandios! Als sein Freund und Widersacher um die Gunst Lisas hat der Prinz Jeletzki des Ludovic Tézier rein stimmlich alles, um das Herz des Publikums oder zumindest das finale Spiel zu gewinnen. Als Figur bleibt er seltsam schemenhaft und unbeteiligt. Der blendend aussehende Evgeny Nikitin als Graf Tomski veredelt die Erzählung der „Venus von Moskau“ mit seinen schwarzen Bass, im höheren Register bleibt allerdings ein „Erdenrest“. 2012 wird er in Bayreuth sein Debut in Richard Wagners Fliegenden Holländer geben. Hervorheben möchte ich den Bastille-Debutanten Martin Mühle als Tschekalinski. Der Deutsch-Brasilianer besitzt einen perfekt sitzenden Charaktertenor mit heldischem Aplomb, der ihn sicher für größere Aufgaben prädestiniert. Selbst ein Hermann oder gar Otello von morgen? Tadellos die Sangesleistungen der Herren Balint Szabo als Surin, Fernando Velasquez als Tschaplizki und Yves Cochois als Namurov. Vokal weniger beeindruckend waren die Sängerinnen der Lisa, Gräfin und Paulina. Olga Guryakova als Lisa verfügt über einen üppigen russischen lirico spinto, mit prononciertem Tremolo. Ihre Interpretation ist dynamisch wenig differenziert, die Intonation im vorletzten Bild, und insbesondere der große „Newa-Arie“ getrübt. Hoffentlich nur eine vorübergehende Tagesverfassung der sonst sympathischen Sängerin. Die Gräfin der Larissa Diadkova wirkt viel zu jugendlich, um auch nur annähernd als Lisas Großmutter glaubwürdig zu sein. Weiterer Einwand: Eine funktionierende große Altstimme allein reicht für diese emblematische Opernfigur nicht aus. Das Geheimnis der Gräfin, dieser Inkarnation des 18. Jhdts., die Fatalität der drei Karten und damit ihre Rolle als Todesbotin für Hermann wird durch reine Stimmkraft ohne Charisma nicht greifbar. Die große Szene der Gräfin „Je crains de lui parler la nuit“ ist nicht das letzte unendlich traurige Aufflackern einer versunkenen Welt wie bei Martha Mödl. Frau Diadkova singt das halt wie ein beliebiges nettes Gutenachtlied. Dass das nicht nur ich so empfunden habe, ist aus der verhaltenen Reaktion des Publikums beim Solovorhang zu schließen. Was die weiblichen Rollen betrifft ist noch anzumerken, dass die Mascha der formidablen Nona Javakhide mehr Stimme hatte als die blasse Paulina der Varduhi Abrahamyan.

Dirigiert wurde die Aufführung von Dmitri Jurowski. Der in Moskau gebürtige Dirigent setzt die wohl genialste Opernpartitur Tschaikowskis kraftvoll und emotionsgeladen um. Ich hätte mir aber ein Quentchen mehr an elegischer Geschmeidigkeit im Gesamtduktus und rhythmischer Präzision bei den Chorszenen (Einstudierung: Alessandro di Stefano) gewünscht. Finaler Trost: Die Schlussszene des Hermann hat den Sonntagnachmittag doch noch zu einem echten Erlebnis werden lassen.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

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