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PARIS/ TCE: MEDÈE von Luigi Cherubini. Neuinszenierung

15.12.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Ich widme die Besprechung von Médée in wertschätzender Erinnerung dem langjährigen „Merker“ und Freund Willy Guschlbauer, der heute in St. Emilion begraben wurde. Das TCE und seinen ehemaligen Direktor, Dominique Meyer, hat Willy ganz besonders geschätzt. Das größte Bedauern, das er mir gegenüber im letzten Telefonat geäußert hat, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Rienzi in Bordeaux sehen konnte, eine szenische Aufführung, auf die er 50 Jahre lang gewartet hat. Seine Begeisterung und intellektuelle Redlichkeit werden mir immer Richtschnur bleiben. Sein Zuspruch und seine Kommentare zu meinen Berichten werden mir vehement fehlen. In großem Respekt und Dankbarkeit! Dein Opernfreund Ingo Waltenberger

 

PARIS „MÉDÉE“ Théâtre des Champs Elysée (TCE), 14.12.2012

 Heftigste Emotionen nach einem wilden Theaterabend: Nadja Michael als Médée schreibt mit ihrer Darbietung Operngeschichte


Nadja Michael. Foto: Maarten van den Abeele

Médée von Luigi Cherubini ist für mich eine Novität auf der Bühne. Eine in der Anlage immens moderne Oper à la Stravinsky, ein wildes Pasticcio aus 18. Jhdt., Klassizismus und unerhört subtil geschichteten Zwischentönen (Vorspiel 3. Akt), die Alban Berg erahnen lassen, werden durch das Genie des Regisseurs Krzysztof Warlikowski zu einem lodernden Theaterabend. Auch wenn das einigen Spießern aus dem Publikum nicht passt. Die Premiere am 10.12. der aus dem Jahr 2008 stammenden Produktion aus dem Théâtre Royal de la Monnaie konnte nur durch einen wagemutigen Appell des Vincent Le Texier von Randalierern gerettet werden. Das wäre nicht der erste Publikumsskandal, durch den das TCE berühmt geworden ist: Jeder kennt die Zwischenfälle der Uraufführung von Le Sacre du Printemps am 29. Mai 1913. Es kam zu Handgreiflichkeiten, Ohrfeigen und Beleidigungen. Laut Cocteau spielte das Publikum die ihm zugedachte Rolle, es lachte, spuckte, pfiff und ahmte Tierlaute nach. Der Lärm degenerierte zum Handgemenge. So wild war es diesmal nicht, vor allem aber, weil die musikalische Seite auch konservative Gemüter mehr als befriedigen konnte.

 Der weltberühmte Cembalist und Alte Musik Spezialist Christophe Rousset hat mit seinem fabulösen Orchester Les Talents Lyriques und dem Leading Team die frz. „opéra-comique“ Version mit gesprochenen Dialogen erarbeitet. Die 15. Oper des ewig mürrischen Cherubini, 1797 in Paris aus der Taufe gehoben, ist eine Synthese aus Sturm und Drang eines Philip Emanuel Bach, der Noblesse Glucks, des letzten Mozart (Requiem) bis hin zu den wundersamen Exzentrizitäten eines Berlioz. Seinem Originalklangensemble entlockt Rousset eine ungemein durchsichtige, moderne und kammermusikalisch delikate Lesart des Stücks ohne veristischen Schluchzer. Drängend und ungeduldig, verzagt und traurig, in der Resignation aufbegehrend, voller Wut und mörderischer Zerrissenheit. Wie die Médée der Nadja Michael. Als Amy Winehouse nachempfundene Pop-Ikone stapft sie in die glatte bürgerliche Idylle von Hochzeit und schönem Schein am Hofe des Créon. Nur blöd, dass gerade der Vater ihrer beider Kinder Jason die Königstochter Glauce heiraten soll. Blendend visualisiert wird dieser „idyllische Wahnsinn“ durch das Videokonzept Denis Gueguins, der selbst gedrehte Familienfeste der 50er Jahre auf die golden metallene Feuerwand projizieren lässt. Unheimlich wie der handgedrehte Dogma95 Film Festen des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg. Der großen aus der Region Leipzig stammenden Singschauspielerin Nadja Michael stehen als ehemaligen Fotomodell nicht nur die optischen Attribute einer Femme fatal und mächtigen Zauberin in einem Universum sexueller Hörigkeit und kalkuliertem Opportunismus zur Verfügung. Ihr dramatischer Sopran meistert die musikalisch ungemein schwierige Rolle, der noch immer der große Callas-Stempel anhaftet, auf heutige Weise ebenso faszinierend wie die berühmte griechische Diva. Kein idiomatisch perfekter dramatisch klassischer Schöngesang wie der der herrlichen Gwyneth Jones auf der besten aller ihrer Einspielungen aus dem Jahr 1968. Nein, Frau Michael kreiert ein mit allen stimmlichen Mitteln vom Schrei bis zur rauchig gehauchten lasziven Chansonette, gurrend lockend bis drohend wetterleuchtend, alle menschlichen Widersprüche, Abgründe und Abhängigkeiten in sich vereinendes Porträt einer Frau, einer mythischen Vision, einer männlichen Angstprojektion à la Lulu. Alle, die sich dieser Circe nähern, müssen sterben, weil die schwarze Heldin ihr Leben selbst nur in der Negation erträgt. Dieses Phänomen kennt ja auch der echte Melomane, dessen Seele z.B. als Exilant einer langweiligen Schreibtischexistenz lieber in Tosca, Norma oder Isolde, Manrico, Scarpia oder Philipp II schlüpft. Nadja Michael als tätowierter, alkoholabhängiger Junkie hält uns einen grausamen Spiegel dieser verstörenden Traumwelt vor die Augen mit der Gefahr sich daran zu stoßen und sich eine blutige Nase zu holen. Unglaublich, wer hätte es gedacht, dass diese Opernurwaldorchideen aus der Ära einer Magda Oliviero, Leyla Gencer oder Leonie Rysanek noch existieren. Nadja Michael ist deren legitime Erbin.


Nadja Michael, John Tessier. Foto: Maarten van den Abeele

 In die 50-er Jahre versetzt Regisseur Krzysztof Warlikowski und seine visionäre Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szczesniak die Handlung. Spiegel, Neon, ein Sandkastenlaufsteg, eine Kommode. Idylle, in die der Schrecken heute genauso unerwartet bricht wie seit den Tagen des Euripides. Die Schlagzeilen über das Massaker von Newtown in den USA eines 20-jährigen Mannes an 27 Kindern und Lehrern am Tag der Aufführung liefert da das wohl schrecklichste Beispiel, was Menschen einander antun können. Wer erklärt solch einen abgründigen Hass, der dazu führt, dass eine Mutter ihre zwei Kinder lyncht, um sich am untreuen Geliebten, einem Hallodri wie Ulysses oder Siegfried, zu rächen. Wer zeigt uns, warum Médée ihren Bruder Apsyrtos in Stücke reißt, um dem Bettkumpan Jason (stimmlich leichtgewichtig John Tessier) den Raub des goldenen Fließes zu ermöglichen. Unfassbarer Abgrund, an den uns Warlikowski führt. Die gesamte Aufführung ist eine offene Wunde unserer oberflächlichen Zivilisation, wo Konsumwahn, Waffen, schöner Schein, Drogen und Alkohol wie vulgäre Karikaturen über echte Liebe, Verantwortung und echtes Miteinander siegen. Das Gesicht von Krzysztof Warlikowski, der sich auch nach dieser dritten Aufführung dem Publikum stellt und frenetisch gefeiert wird, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Eine Mischung aus Carl Maria von Weber, Chopin, James Dean und Klaus Kinsky. Kein Lächeln, keine Peymann‘sche Triumphpose, ein melancholisches Mahnmal künstlerischer Wahrhaftigkeit.

 Entsprechend dem Zustand dieser unserer Welt und des Themas des Stücks zeigt der geniale polnische Theatermacher das ganze menschliche Gezücht des Stücks so roh und ungeschminkt wie Rodins Höllentor. Da empfindet Jason im Duett mit Médée noch immer eine ungezügelte sexuelle Anziehung für sie, wenngleich er seine Ex-Geliebte gleichzeitig verachtet und innerlich schon vergessen hat. Vor Beginn des 2. Aktes ist der Popsong „Oh Carol! von Neil Sedaka zu hören. Ein weiterer unglaublicher Tabubruch für einige im Publikum, die hörbar in Rage geraten. Als Theatereffekt jedoch grandios. Zu Beginn des 2. Aktes erkauft sich Médée den Kurzaufschub vor dem drohenden Exil von einem schleimigen König Créon (stimmlich vorzüglich Vincent Le Texier) im Jogginganzug mit einer „schnellen Nummer“. Die gesprochenen Dialoge hat Warlikowksi in einem rüden Pariser Slang neu gefasst und werden durch Mikrophone verstärkt, was die Musik von Cherubini nicht blasphemisch abwertet, sondern im Gegenteil erhöht. Selbst Médées Kinder wirken nicht sympathisch, sondern egoistisch und opportunistisch. Der vorzügliche Chor von Radio France (Einstudierung Stéphane Petitjean) spielt eine große dramaturgische Rolle. Ein gleichgeschalteter Hofstaat als Symbol unserer scheinindividuellen Gesellschaft. Die Damen defilieren als Modepüppchen mit gebleckten Zähnen wie am Laufsteg über den Sand, die Herren beteiligen sich an einer kollektiven Vergewaltigung von Médée, was deren beiden Söhne nicht anwidert, sondern eher cool finden.

 Neben so viel Raum für das Theater auf der Bühne wie die Befindlichkeiten im Publikum sind noch zwei Gesangsleistungen hervorzuheben: Zuerst die hervorragende Varduhi Abrahamyan, die als Neris glänzt wie einst Fiorenza Cossotto (vgl. die oben zitierte Aufnahme mit Gwyneth Jones unter Antal Dorati). Nicht weniger faszinierend Elodie Kimmel als Dircé, die ein großartiges stimmliches Porträt des ganzen Schreckens einer zwischen Pflicht und Anziehung in Bewusstsein von Unrecht und Angst vor Rache zerrissenen Frau malt. Sie ist die einzige, die Médée nicht unterschätzt. Die beiden Dienerinnen werden von Ekaterina Isachenko und Anne-Fleur Inizan adäquat als an von der Nähe der der Macht berauschte arrogante Zicken interpretiert.

 Eine große Aufführung im Théâtre des Champs Elysées. Ein deutsche Zuseherin hat das am Ende beim Hinausgehen dann lapidar so interpretiert: „Da ist Stimmung in der Bude“.

 Die Aufführung wird am 29..12. um 19h in France Musique übertragen.

 Ingobert Waltenberger

 

 

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