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PARADISI GLORIA: GEISTLICHE MUSIK VON KAISER LEOPOLD I

Paradisi PARADISI GLORIA: GEISTLICHE MUSIK VON KAISER LEOPOLD I – AUDITE SACD – Cappella Murensis, Les Cornets Noirs – eine lohnende Begegnung

Man stelle sich vor, mächtige Staatenlenker würden heute bisweilen lieber Musik schreiben, als ihre Fantasien in der Politik auszuleben? Wir würden wahrscheinlich in einer besseren Welt leben. Der österreichische Kaiser Leopold I (Kaiser von 1658-1705) war so ein Fall: Er formte während seiner Regentschaft die Residenzstadt Wien zu einem kulturellen Zentrum ersten Ranges. Am liebsten widmete er sich seiner Hofmusikkapelle, 69 erhaltene Eigenkompositionen zeugen von der musikalischen Qualität der durchwegs als Kirchenmusik konzipierten Werke. Beim Anhören wird schnell klar, von Dilettieren kann da keine Rede sein, die Kompositionen sind kunstvoll gewebt und in der Schlichtheit der eingesetzten Mittel unmittelbar berührend.

Der emotionale Grundduktus der auf der neuen Audite CD publizierten Kostproben des reichen liturgischen Schaffens dieses Habsburger Herrschers  ist durchwegs melancholisch bis weltabgewandt, im Zwischenreich zwischen menschlicher Trauer und jenseitiger Verheißung angesiedelt. Die vorgestellten Kompositionen besingen den Tod, entweder den von Jesu Christi oder den menschlichen. 

Mit einem Stabat Mater in h-moll aus dem Jahr 1678 mit vier Singstimmen, drei Violinen, Violine, Zink, zwei Posaunen und Fagott beginnt das Album. Unter der Leitung des Österreichers Johannes Strobl hat sich das Schweizer Vokalensemble Capella Murensis und die Instrumentalformation „Les Cornets Noirs“ mit großem Ernst und Respekt der Sache angenommen. Sofort fallen die hohe klangliche Qualität etwa der Solisten Ulrike Hofbauer, Monika Mauch(Sopran), Hans Jörg Mammel (Tenor) und Lisandro Abadie ( Bass) auf. Besonders möchte ich die samtene Klangqualität und das wunderbare Legato des Altus Alex Potter hervorheben. Ebenso können der harmonische Zusammenklang mit den Ripieni-Sängerinnen und Sängern, die lupenreine Intonation,  der vibratoarme Klang und die hohe Stimmkultur aller Vokalisten nicht genug gerühmt werden. 

Die Motette „de Septem Doloribus Beatae Mariae Virginis „Vertatur in luctum cythara nostra“, war für das Fest der Sieben Schmerzen bestimmt. „Die fünf Solosänger stimmen nacheinander ein Rezitativ an, das sie in ein fugiertes Klageensemble überführen, das mit Chorpartien abwechselt. Der Affekt des Textabschnitts „Lachrymantem et dolentem piis fletibus comitemur“ wird der Tradition entsprechend mit einem in Halbtönen abwärts schreitenden Motiv wiedergegeben“ (Herbert Seifert).

Das Requiem  Missa pro Defunctis schrieb Leopold anlässlich des Todes seiner ersten Frau Margarita Teresa, die im Alter von 20 Jahren nach fünfjähriger Ehe während ihrer fünften Schwangerschaft starb. Der Kaiser hat nicht den gesamten Text der Totenmesse vertont, sondern beschränkte sich auf das Ordinarium und die Rahmenteile des Propriums. Einleitende mehrchörige Sonaten und eine kontrastreiche Kompositionsweise (Chor- und Solopassagen, Homophonie und Imitation, gerader und ungerader Takt sind einander in wechselnden Kombinationen gegenüber gestellt, wobei die Instrumente in den Tuttipartien mit den Singstimmen gehen, in den Soli aber selbstständig geführt sind, erfährt man im kundigen Booklet. Die tief empfundene Musik zeugt wohl auch von der großen Liebe des aristokratischen Künstlers zu seiner jung verstorbenen Frau, die gleichzeitig seine Nichte war.

Die umfangreichste Vertonung ist den „Tres Lectiones I. Nocturni pro Defunctis Piae Claudiae Felici ligens maestusque Leopoldus posuit et musicis legibus distinxit“ gewidmet. Die drei Lektionen zur ersten Nokturn für das Totenoffizium nach Texten aus dem Buch Hiob vertonte der Kaiser anlässlich des Todes seiner zweiten Frau Claudia Felicitas, die nach drei Jahren Ehe verstarb. Diese Musik wurde auch 1705 anlässlich seiner eigenen Exequien und danach jährlich zu Leopolds Todestag am 5. Mai aufgeführt. Auch hier sind dezente Klänge, ein konzertierender Stil, ein gezielter Einsatz der Instrumente und chromatischer Stellen sinnstiftend.

Die Aufnahmetechnik und musikalische Qualität der CD sind erstklassig. Für Freunde sakraler Musik hält das Album viele positive Überraschungen und wohl auch die Möglichkeit zum Abbau von Vorurteilen aller Art über die musikalische Begabung dieses Habsburger Kaisers bereit.

Dr. Ingobert Waltenberger