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PAN

04.10.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover Peter Pan~1

Ab 9. Oktober 2015 in den österreichischen Kinos
PAN
USA / 2015
Regie: Joe Wright
Mit: Hugh Jackman, Levi Miller, Garrett Hedlund, Rooney Mara u.a.

„Pan“ ohne „Peter“ davor erklärt sich nicht sofort von selbst, das könnte schließlich auch der zügellose Waldgott der Antike sein – an die Kindergeschichten von J.M. Barrie denkt man nicht auf Anhieb. Und so richtig „Peter Pan“ ist es auch nicht geworden, was Regisseur Joe Wright hier auf die Leinwand bringt. Wir leben in einem Zeitalter, wo Stoffe für die Interpreten einfach „Material“ sind, zur freien Entnahme und Verfügung, wenn die Rechte abgelaufen sind. Das Ergebnis alternativer Sichtweisen zu früher bestätigt sich dann – oder auch nicht – nur in der erzielten Qualität.

Peter Pan also anders. Streichen wir Wendy, machen wir Peter, den wir sonst als den „Jungen, der nicht erwachsen werden will“ (hier gar nicht sein Problem) in der Zauberwelt „Neverland“ kennen lernen, zum realen Knaben im Waisenhaus: eine tremolierende Szene hat gezeigt, wie das blonde, ondulierte Mütterchen (Amanda Seyfried) ihn unter Versicherungen ihrer ewigen Liebe an der Pforte der Nonnen abgelegt hat, die einfach schauerliche Frauen sind.

Tatsächlich muten die nun folgenden Szenen im Waisenhaus, die während des Zweiten Weltkriegs spielen, wie eine realistische Dickens-Verfilmung an: Kleine Jungen (Peter Pan wird den ganzen Film hindurch von Levi Miller zwischen forsch und süßlich verkörpert) wehren sich gegen die bösen Aufseherinnen, soziales Elend ganz dick. Wo bleibt das Märchen?

Kommt schon, nur dass Phantasie durch geradezu krude Fantasy ersetzt wird. Immerhin, wenn deutsche Bomber die Angriffe auf London fliegen und die Waisenkinder durchs Dach gekidnappt werden – dann geschieht das von einem fliegenden Piratenschiff aus. Das ist noch witzig und verrückt und schraubt die Hoffnungen höher, als sie wirklich wachsen dürfen.

Denn Neverland, wo Peter Pan landet, ist keine Wunderinsel, sondern ein totalitäres Staatswesen, regiert von dem erschreckenden Blackbeard: Hugh Jackman, unter seiner Maske wirklich erst auf den dritten Blick zu erkennen, legt ihn zwar nach allen Regeln der Parodie an, aber der „komische Bösewicht“ (?) wird nicht recht greifbar. Wie sorglos das Drehbuch arbeitet, zeigt sich auch daran, dass mit Adeel Akhtar als Smee zwar eine „lustige Figur“ eingeführt wird, aber gar keine Funktion bekommt.

Peter Pan, der Junge mit dem ausgewachsenen Mutter-Komplex (mit seiner Suche nach ihr nervt er den ganzen Film lang, wenn man es natürlich auch verstehen muss), wird in diesem bösen Neverland zu harter Arbeit in den Bergwerken verurteilt. Dort trifft er auch „Hook“, der lange noch kein böser Kapitän Haken ist und noch beide Hände hat (irgendwie soll der Film als Prequel zu der originalen Peter Pan-Geschichte fungieren): ein knorriger Abenteuer-Typ, nicht nur des Hutes, sondern auch des Klischees wegen unweigerlich an Indiana Jones erinnernd und von Garrett Hedlund mit meist geistlosem Grinsen verkörpert. Nach und nach erweist er sich als Freund und Gefährte von Peter Pan, als die beiden ausbüchsen und fliehen – da landen sie dann bei den wilden Indianern, die an sich auch nicht netter sind als die Piraten.

Wenigstens trifft man ein Barrie-bekanntes Wesen: Tiger Lily (von Rooney Mara trotz bunten Outfits eher blaß verkörpert), die als Romanze für Hook herhält, und am Ende darf sich Blackbeard noch lächerlich machen, indem er seine Perücke verliert, bevor er ausgeschaltet wird: Jetzt gehört Neverland vielleicht dem richtigen Peter Pan?

Was Regisseur Joe Wright in reichem Maße aufbietet, sind die Fantasy-Effekte, die sich auf alles beziehen – natürlich auf die Tatsache, dass Peter Pan plötzlich fliegen kann, aber auch auf das Gröbere: ob Riesenkrokodile oder seltsame Seejungfrauen, ob Luftschlacht-Getümmel oder Balance auf einer sehr wackligen Seilbahn, ob besagte Piratenschiffe, die über die Dächer von London hinwegdüsen (die müssen einen Flugzeugmotor haben), es gibt eine Menge zum Schauen. Nur dass dies heutzutage von jedem Film dieses Genres geboten wird, der auf sich hält, dass man als Kinobesucher also bei dergleichen schon weidlich abgestumpft ist.

Man kann in unseren Zeiten nicht der Poesie eines Kinderbuches nachweinen, wenn eine robustere Jugend vermutlich diese Art von Action (mit viel Sentimentalität und krudem Humor verkocht) verlangt. Man meint ja nur…

Renate Wagner

 

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