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PALERMO: GISELA! Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks, Von Hans Werner Henze

25.01.2015 | Allgemein, Oper

Palermo: Gisela! von Hans Werner Henze  24.1.2015


Foto: Corrado e Franco Lannino/ Studiocamera

 Als italienische EA wird in Palermo H.W.Henzes letzte Oper „Gisela! oder Die merk- und denkwürdigen Wege des Glücks“ aufgeführt. Die Uraufführung fand 2010 bei der Ruhrtriennale in Gladbeck/Recklinghausen statt. Henze (1926- 2012) hat sich für das letzte Werk eines erstaunlich ergiebigen und umfangreichen Opernschaffens ein eher heiteres Sujet gewählt: Eine deutsche Touristengruppe kommt nach Neapel, Henzes italienischen Sehnsuchtsort, und wohnt einer volkstümlichen Harlekin-Komödie bei, nach der sich Gisela und der Schauspieler des Pulcinella, Gennarino, ineinander verlieben. Die Kunststudentin Gisela aus Oberhausen ist aber quasi verlobt mit Hanspeter, einem ‚Vulkanologen’/Geologen, der am Vesuv forschen will und vor hat, Gisela in Neapel einen offiziellen Heiratsantrag zu stellen. Davor flieht Gisela aber und zwar mit dem eher seelenverwandten Gennarino, der Angst hat, von der Camorra vereinnahmt zu werden und seine Doktorarbeit über das deutsche Marionetten-Theater vorantreiben will, nach Oberhausen, wo Giselas Eltern wohnen und die beiden der unbestimmten Fortsetzung ihrer Liebe entgegenträumen. Nachdem sich hier auch der eifersüchtige Hanspeter aufgetaucht ist, von ihnen aber aus dem Weg geschlagen wurde, sehen sie sich endlich in einem gemeinsamen Traum dem feuerspeienden Vesuv entgegenschreiten.-

Das großteils deutsche Libretto mit wenigen italienischen Passagen stammt von Henze selber, der seit 1953 in Italien lebte, und von seinem letzten Lebensgefährten Michael Kerstan. Die vom Chor gesungenen eingefügten Sonette „Die Schmetterilinge“, „Saturniden, Mondfahrzeuge“ und „Die Schwalbe und das Glück“ wurden dazu von Christian Lehnert gedichtet. Wie schon der Titel mit „ossia/oder“ auf eine italienische Buffooper verweist, komponiert Henze einerseits eine  antikisierende und auf das Commedia dell’arte Schema verweisende ‚Lustoper‘. Neben ganz zeitgenössisch atonal gesetzten Passagen wie zu Beginn, gehen diese in wohllautendere über (auch bei den Sonetten), um dann in längeren perkussionistisch rhythmisch pointierten Parts zu verweilen. Zu den gängigen Henze-Modi kommt bei „Gisela“ aber musikalisch eine Spezialität hinzu, nämlich im 2.Teil eine längere Passage aus J.S. Bachs Orgelsonaten Es-Dur für den ersten Traum, und derjenigen in C für den zweiten Traum, die der Komponist für seine Oper instrumentiert hat. Das klingt fast wie originaler Bach, so wie es vom Teatro Massimo Orchester gespielt wird, das auch die anderen Teile sehr animiert und ansprechend aufspielt in der plastischen, immer gut ausgehörten Zeichengebung des deutschen Dirigenten Constantin Trinks.

 In einer Inszenierung der bekannten  palermitanischen Regisseurin Emma Dante wird das eher gedankliche Geistesstück zu eigenem Leben erweckt.  Es gibt einen engen Zusammenhang zum (vom Henze geliebten) Balletttanz in Choreographien von Sabino Civilleri und Manuela Lo Sicco, die immer sehr schwungvoll ausfallen, wozu sich noch SchauspielerInnen der Kompanie Süd/Westküste gesellen. Die Pulcinella-Tänze werden in weit schwingenden dunkelroten Röcken und mit großen spitzen und runden Hüten mit weiß geschminkten Gesichtern und Masken gegeben. In einem stilisierten Garten unter der Silouette der Vesuvlandschaft gestehen sich Gisela und Gennaro ihre Liebe. (Szene Carmine Maringola). Im 2. Teil ist eine Bahnhofszene angedeutet, wo die Geliebten die Nacht auf den nächsten Zug wartend verbringen. Ihre Träume beziehen sich auch auf  Grimm’s Märchen, z.B. ‚Schneewittchen‘ mit 7 Zwergenauftritt und Tanz der schwarzen (bösen) Königin. Die Chöre, die auch tänzerisch ins Geschehen eingreifen, bestens präpariert von Piero Monti, singen exzellent, besonders auch in den reflektierenden Sonetten, der Opernchor des Teatro Massimo. Die Rolle des Hanspeter Schluckebier, des angepaßten Karriere planenden zweiten Liebhabers, singt mit stimmlich gut focussiertem Bariton und Tweedjacke (Kostüme Venessa Sannino) Szymon Komasa, den Schauspieler Gennaro Esposito gibt Marcello Nardis mit feinem, gepflegtem Tenor. Die Titelrolle der Gisela, die großes Stimmvolumen und -umfang erfordert, singt seit der dritten Vorstellung die Italienerin  Arianna Venditelli, die die z.T. schwierige Sopranpartie mit angenehmem Timbre umsetzt und spielt.                                                                                                                                

 Friedeon Rosén

Unterschrift: Foto Internet Szymon Komasa, Roberto DeBasio, Arianna Venditelli

 

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