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Otto Schenk: WARUM MIR SO FAD IST

29.10.2012 | buch

Otto Schenk:
WARUM MIR SO FAD IST
224 Seiten, Amalthea Verlag, 2012 

Otto Schenk wird sich wohl nie dazu verstehen, eine schöne, systematische, analytische Selbstbiographie zu schreiben – das widerspräche seinem Wesen zutiefst. Er hat schon seit Jahren in mehreren Büchern zu der Alternative gegriffen, mit dem Leser zu „plaudern“. Er erzählt ihm in kurzen Kapiteln, was ihm gerade einfällt. Und wenn der Otto Schenk ganz skurril ist, beruft er sich auf „Kurti“, eine Art von Alter Ego, auf den man dann die Seltsamkeiten schieben kann…

Otto Schenk wird leicht fad, wenn er nicht mit Eindrücken gefüttert wird, die sich für ihn lohnen. Dann kann er allerdings loslegen. Er ist ja noch immer aktiv – als Schauspieler zumindest. Und als Regisseur (an die 160 Inszenierungen sind es in einem langen Künstlerleben geworden), vor allem als Opernregisseur, wobei der „alte“ Schenk dem „jungen Schenk“ begegnet. Denn der „Don Pasquale“ mit der Netrebko, 2006 an der Met, sei seine letzte „neue“ Operninszenierung gewesen, versichert er. Aber Wiens Operndirektor Dominique Meyer hat er besonders lieb, denn er hat Schenk (Holender hat ihn jahrzehntelang ignoriert) eingeladen, seine alten Inszenierungen zu revitalisieren – die „Meistersinger“, die „Fledermaus“, den „Rosenkavalier“. Und wenn die gewissenhaften Assistenten der Staatsoper auf Notizen von anno dazumal verweisen, kann ihnen schon passieren, dass der Regisseur der Wiederaufnahme abwinkt: „Das ist früher Schenk!“  Die Zeit bleibt eben nicht stehen.

Es ist ihm in diesem Plauderbuch vieles eingefallen, und das gar nicht systematisch: Ordnungsliebende Geister werden durchs Chaos steigen. Leser werden sich vergnügen. Er erzählt von der katholischen Kirche und von den Met-Übertragungen im Kino (wobei ihm nur die Nahaufnahmen von Sänger-Mündern und –Kehlen stören), von Sport und Jahreszeiten, von ausverkaufte Vorstellungen (wenn ein empörter potentieller Kartenkäufer kein Ticket mehr bekommt und aus Empörung in die Theaterkasse spuckt – das ist ein Triumph!), von Lehrern in der Schule, von Fußball und seiner Leidenschaft für Bücher, von seiner Vorliebe für kleine „Platzln“ in großen Städten… Man braucht es gar nicht aufzählen. Wozu ihm eben etwas einfällt.

Natürlich liest man Otto Schenk wegen seiner Anekdoten (er erzählt auch ein paar atemberaubend komische Witze), aber letztendlich ist er ein Mann des Theaters. Wenn er berichtet, wie die Großen des Reinhardt-Seminars den kleinen Otto Schenk behandelt haben, lacht man sich schief. Und irgendwann darf Otto Schenk auch aussprechen, was kein Kritiker heutzutage wagen könnte, ohne sofort in den Orkus des Ewig-Gestrigen geworfen zu werden: Seine Abneigung gegen das heutige „Regietheater“, das er „Merde-Theater“ nennt (und „Merde“ heißt bekanntlich „Scheiße“):

Das Fürchterliche am „Merde-Theater“ ist das Geschimpfe. Schauspieler jeder Art, meist mit nacktem Oberkörper und in Unterhosen, schlecht sitzenden Sakkos oder in Fetzen schimpfen sich den ganzen Abend an. Und die Frauen, sogar die hübschen, werden zu hässlichen, kreischenden, hyänenartigen Megären.. (…) Und ob Lustspiel oder Tragödie, alles sieht sich so unverantwortlich ähnlich. Meist wälzen sich die Leute auf dem Boden, wenn sie sich nicht gerade begatten oder fast erwürgen, sich prügeln oder unentwegt unverständlich anbrüllen. (…) Wann kommt endlich die Zeit, wo denen allen das zu fad wird, so fad, wie es mir schon seit Langem ist? (…) Ich habe das Gefühl, dass viele meiner Regiekollegen sich von Haus aus überlegen, was man am Stück „anders“ machen kann. Das wäre ja nicht schlimm. Das Übliche, Traditionelle, Verstaubte muss man vermeiden. Aber es hat sich in dieser Anders-Sucht eine neue konventionelle Tradition entwickelt. Es schaut eins dem anderen so ähnlich, meine lieben Neuerer. Das stört mich.

Was will man dazu noch sagen? Schenk sagt alles.

Nicht ganz logisch ist der Umgang mit den Fotos in dem Buch: Es gibt viele, davon keinesfalls die meisten von Schenk, zahlreiche hingegen von seinen berühmten Inszenierungen mit berühmten Interpreten. Bloß sind sie ziemlich willkürlich in den Text gestreut, selten stellt sich da ein Zusammenhang her. Dem Theaterfreund wird’s egal sein, die Bilder sind für ihn ein Teil des Nostalgie-Trips. Schenk-Inszenierungen haben uns Wienern fast immer gefallen.

Renate Wagner

 

 

 

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