Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Otto Nicolai: IL TEMPLARIO – eine Ausgrabung des Theaters Chemnitz

04.09.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

nicolai Otto Nicolai: IL TEMPLARIO – eine Ausgrabung des Theaters Chemnitz / cpo 2 CD  –  Exzellenter Mitschnitt der Erstaufführung dieser Belcantooper im 21. Jahrhundert 

Ja das ist so eine Sache mit dem ius primae noctis. Auf Basis der medialen Berichterstattung der diesjährigen Salzburger Festspiele, die die Oper „Il Templario“ auf Anregung des Tenors Juan Diego Flórez aufführten und so ausgiebig die Reanimation dieses Stücks des für die Gründung der Wiener Philharmoniker so maßgebenden Komponisten Otto Nicolai gefeiert haben, hätte man den Eindruck gewinnen können, es handle sich um eine echte Ausgrabung. Die Urheberschaft an einer Neuaufführung in jüngerer Zeit kommt aber wohl den entdeckungsfreudigen Opernleuten in Chemnitz zu. 

Otto Nicolai, der fünf italienische Opern komponiert hatte (drei sind nach wie vor unauffindbar), hielt sich in Rom nach Auslaufen der Organistenstelle mit Klavierstunden über Wasser. Die Turiner gaben Nicolai mit dem Kompositionsauftrag zu „Il Templario“ auf den Roman „Ivanhoe“ von Sir Walter Scott die Gelegenheit, seinen Ruf als erfolgreicher Opernkomponist zu festigen. Nach Aufführungen dieser Erfolgsoper in Turin, Mailand, Genau und Triest kamen noch etwa 65 Inszenierungen bis 1879 und dann Schluss mit Il Templario bis 2008 in Chemnitz. Die Auftrittsarie des Tenors fand sich allerdings noch 1919 in der Mustersammlung „Die hundert schönsten Tenorarien“. „Il Templario gehörte zusammen mit Mercadantes „La Vestale“ und Pacinis „Saffo“ zu jenen drei italienischen Opern des Jahres 1840, die nach dem Weggang Donizettis aus Italien diesem Jahrzehnt insgesamt ihrem musikalischen Stempel aufgedrückt haben“ (Michael Wittmann im Booklet).

Der Grund für die späte Ausführung auch in Chemnitz lag nicht in einem Mangel an musikhistorischem Wissen, sondern schlicht darin, dass die Partitur als verschollen galt. Erst 1989 wurde eine Abschrift des Proscritto gefunden. Nach 2006 fanden sich Partiturabschriften in Mailand, Neapel (beide dreiaktig) und Paris (fünfaktige Fassung). Nach einem umfangreichen Überarbeitungsprozess war der Weg für die Wiederaufführung in Chemnitz frei.  

Anders als im Buch von Scott siegen in Nicolais Oper nicht Humanität, sondern seinem tief pessimistischen Menschenbild entsprechend Trennung und Konvention. „Wo Scott eine Handlung entwirft, die zeigt, wie aus einer in normannische Eroberer und angelsächsische Besiegten gespaltene Gesellschaft durch König Richard Löwenherz im Zeichen der Kreuzzüge eine einheitliche und vereinte englische Nation geboren wird, bleiben bei Nicolai die Rassen und Religionen am Ende so fremd, wie sie es am Anfang waren“, so Michael Wittmann im exzellenten und informativen Aufsatz „Anmerkungen zu einer Wiederentdeckung“.  

Die musikalische Umsetzung in Chemnitz erfolgt auf einem sehr hohen Niveau und auch die sängerischen Leistungen überzeugen durchwegs. Da es sich bei „Il Templario“ um eine reine Belcanto Oper im Stile Bellinis mit einem guten Schuss Spontini handelt, bedarf es einer Sängerschar, die sowohl mit den Verzierungen, der hohen Tessitura, den wilden Strettas und den langen Legatobögen gleichermaßen zurecht kommt. An erster Stelle möchte ich den herausragenden Hans Christoph Begemann in der Rolle des Briano di Bois-Guilbert, Cavaliere Templario nennen, der schon in der Cavatine „Dell‘ orientale la traccia“ mit edlem kernig sonorem Bariton, enormer Spannkraft und tenoralen Höhen wie einst Sherill Milnes aufhorchen lässt. Der Mozart geschulte Amerikaner Stanley Jackson aus St. Louis reüssiert in der der wahnsinnig hoch gelegenen Partie des Vilfredo d‘Ivanhoe. Florez kommt er weder vom Timbre noch der technischen Selbstverständlichkeit her nahe, aber mit welchem Elan und Bemühen um stilistische Details er diese in Stratosphären des Gesangs liegende Rolle verkörpert, zollt Bewunderung ab. Seine geliebte Rovena wird von Judith Kuhn mit dramatischem Impetus gesungen, die zweite weibliche Rolle der Rebecca ist der finnischen Mezzosopranistin Tiina Penttinen anvertraut worden. Das Timbre ist üppig, die Mittellage blüht prächtig, in der Höhe wird es aber bisweilen eng und scharf. Der ebenfalls aus Finnland stammende und seit 2006 dem Ensemble der Chemnitzer Oper angehörende Bass Kouta Räsänen als Cedric verströmt Wohllaut, vermag aber auch der Autorität eines angelsächsischen Traditionalisten vokal Kontur zu geben. Andreas Kindschuhals Luca di Beaumanoir und André Riemer als Isacco di York vervollständigen ein Ensemble, das das Anhören dieser Oper nicht nur spannend, sondern auch vergnüglich macht. Die Tonqualität ist zufriedenstellend, dee Stimmen präsent.

Dirigent Frank Beermann hat mit der Robert-Schumann-Philharmonie und dem Chor der Oper Chemnitz dieses bis 2008 unbekannte Opernjuwel einstudiert und damit vielleicht die Grundlage für weitere Produktionen zumal jetzt nach der äußerst erfolgreichen konzertanten Aufführung im Sommer in Salzburg geschaffen. Allein schon dafür kann das mutige Opernhaus Chemnitz gar nicht genug vor den Vorhang geholt werden. Ebendort wurde 2011 die ebenfalls unbekannte italienische Otto Nicolai Oper „Die Heimkehr der Verbannten“ gespielt, deren Mitschnitt am 19.9.2016 ebenfalls bei cpo veröffentlicht wird. Man darf darauf ebenfalls gespannt sein. Nicht nur die Wiener Philharmoniker werden sich  diesmal dafür interessieren, denke ich…

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken