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OSLO / Nationaltheater: KONG LEAR / HEDDA GABLER

05.12.2013 | Theater

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Theater-Impressionen aus Olso

Es ist nicht einfach, Theater in einer Sprache zu beurteilen, von der man kein Wort versteht – wie Norwegisch. Aber wenn man Stücke gut kennt wie „König Lear“ oder „Hedda Gabler“, dann kann man Konzept und Logistik einer Inszenierung ebenso beurteilen wie Schauspieler-Leistungen aufgrund von Körpersprache und Tonfall. Natürlich muss man da vorsichtig sein, weil man ja den konkreten Text nicht versteht. Dennoch – es war eine hochinteressante Erfahrung, zwei Abende im Nationaltheater Oslo zu erleben.

Ein paar Worte noch zum Theater selbst, ein klassischer Bau, wie sie am Ende des 19. Jahrhunderts üblich waren, mit „griechischer“ Fassade, der Innenraum dermaßen à la Fellner & Helmer, dass man schwören würde, unsere Theaterarchitekten hätten Hand angelegt, aber nördlicher als bis zum Hamburger Schauspielhaus ist diese Firma der Monarchie mit ihren Bauten nicht gekommen.

Eine ungemein sympathische Sache für sich ist das Publikum: So ungezwungen, wie man den Norwegern im Alltag begegnet, gebärden sie sich auch im Theater – vor der Vorstellung sitzen, hocken Knäuel von Jugendlichen im Foyer herum, unglaublich viele Farbige darunter, Schwarzafrikaner, Menschen aus dem Nahen Osten, aus Indien, weil Norwegen die Tore weit aufgemacht hat – und nirgends spürt man irgendwelches Ressentiment. Da sind mein Mann und ich die Fremden, die sofort auffallen – bei der zweiten Vorstellung fragt die Billeteurin (auf Englisch), ob wir nicht schon vorgestern da gewesen wären, wir sprächen doch Deutsch, ob wir Norwegisch verständen? Kein Wort, sagen wir, aber wir kennen die Stücke und es interessiert uns ungemein. Große Freundlichkeit allerorten.

Und auch so etwas muss man erleben: Die Vorstellung der „Hedda Gabler“ wird vom Darsteller des Teman quasi „einmoderiert“, er redet mit dem Publikum, offenbar erzählt er, dass einer der Schauspieler (sie sitzen oder wandern auf der Bühne herum) Geburtstag hat, denn plötzlich beginnt der ganze Zuschauerraum etwas zu singen, was wohl ein Pendant zu unserem „Happy Birthday“ ist, denn es endet in einem gewaltigen „Gratuleren“! (Gratu- und dann, auf dem ersten e betont – leren!) Ich dachte, dass nur die Waliser und die Iren bei jeder Gelegenheit in einen Chor ausbrechen, aber offenbar tun es die Norweger auch – und ganz prachtvoll.

Beide Aufführungen, die wir im Nationaltheater gesehen haben, waren brechend voll, das Publikum folgte hoch gespannt und spendete am Ende, obwohl das Gebotene weder einfach noch konventionell war, stürmischen Beifall und Standing Ovations. Die gute Atmosphäre, die man in Oslo spürt, überträgt sich auch auf das Theater…

Wobei für uns die interessanteste Frage darin bestand, ob sich die Skandinavier in ihrem Inszenierungsverständnis, wie sie es oft tun, an den Briten orientieren würden (das würde „normales“ Theater ohne SchnickSchnack bedeuten, mit „Regie“ darf man den Leuten in London nur in homöopathischen Dosen kommen) oder an den Deutschen. Keine Frage: an letzeren…

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Oslo / Nationaltheater:
KONG LEAR von William Shakespeare
Premiere 9. November 2013
Besucht wurde die Vorstellung am 3. Dezember 2013 

Das Nationaltheater besitzt unter dem Dach einen Zweiten Raum, Amfiscenen genannt, der nichts bietet als die typische Spielfläche ohne weitere Kunststücke (immerhin kann man Eingänge zur Unterbühne hochklappen, das braucht der „Lear“ schon). Hier hat Regisseur Stein Winge eine pausenlose Zweieinhalbstunden-Fassung von Shakespeares „König Lear“ auf die Bretter gebracht, für die nichts benötigt wird als die Tore für Auftritte und gelegentlich ein paar Sessel. Alle erscheinen im Alltagsgewand, nur Lear trägt anfangs eine Art Königsmantel und Krone. Und erweist sich als gar nicht sympathischer Zeitgenosse, der ziemlich ärgerlich wird, wenn nicht alles nach seinem Kopf geht…

Da die Reduktion einer Königsgeschichte auf eine Familienaufstellung die Fallhöhe ziemlich verringert und Lear – angesichts auch der gravierenden Kürzungen – vom empörten abgesetzten, machtlosen König, Spielball der Töchter, sehr schnell zum „Verrückten“ auf der Heide wird, ist der Abend, so exzellent Sverre Anker Ousdal auch spielt, nicht unbedingt seiner.

Man hat die Rolle der Cordelia (sie ist ja klein genug) mit jener des Narren kombiniert und zwar so, dass der Eindruck entsteht, die verstoßene Tochter habe sich in den Narren (der mit Einkaufswagen daherkommt) verkleidet, um bei dem Vater zu sein… Viktoria Winge ist in dieser Rolle blond und laut und darf, weil sie gut singt und Gitarre spielt, dieses auch immer wieder tun, aber der Umriss des Shakespeare’schen Narren geht hier verloren.

Eine Verwirrung zu Beginn, wenn Lear Hof hält und man eine Dame zu viel auf der Bühne ortet: Schließlich gibt es, so viel man weiß, außer den drei Töchtern keine Frauenrolle. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Selbstverständlichkeit der gleichgeschlechtlichen Beziehung hier auch auf die Shakespeare-Interpretation übergegriffen hat: Regans Gefährte „Cornwall“ ist eine Dame (fies: Anneke von der Lippe), nicht nur mit japanischen Haarnadeln ausgestattet, sondern auch gelegentlich jene bedrohlichen Schreie ausstoßend, wie man sie seit „Shogun“ etc. kennt – und die Haarnadeln lassen sich auch prächtig dazu verwenden, später dem armen Gloucester (Nils Ole Oftebro als verwirrter Höfling) die Augen auszustechen… Rund um ihn begibt sich die Geschichte seiner Söhne, Edgar (Jan Sælid) ist dann auf der Heide der herumirrende, dreckbeschmierte Tom, Edmund (Mads Ousdal) der Intrigant, wie er im Buche steht.

Er wird von beiden Schwestern begehrt, und Sex spielt hier eine große Rolle – man hat einen (gleich auf der Bühne vollzogenen) Blowjob von Regan an einem Boten eingearbeitet. Sie ist in Gestalt der attraktiven Ida Løken die stärkste Persönlichkeit des Abends, der sehr viel Gewicht auf die Schwestern legt, auf die „politische“ Handlung (während die beckett-artigen Szenen der Verlassenheit auf der Heide fast wegfallen), auf die  Stärke der Frauen: Auch Goneril (Heidi Goldmann) punktet da mit kühlem Zynismus. Kurz, an diesem durchaus spannenden, wenn auch um viele „Lear“-Elemente reduzierten Abend haben die beiden „bösen Schwestern“ nicht nur die Macht, sondern die ganze Vorstellung unter dem Dach des Nationaltheaters Oslo übernommen…

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Oslo / Nationaltheater:
HEDDA GABLER von Henrik Ibsen
Besucht wurde die Vorstellung am 5. Dezember 2013

Die Statue von Henrik Ibsen steht groß und würdig auf dem Platz vor dem Nationaltheater. Wie er sich wohl fühlen würde, wenn er die Aufführung seiner „Hedda Gabler“ drinnen, im Haupthaus, sehen würde? Könnte man ihm zutrauen, dass er im Wagner’schen „Kinder, macht Neues“-Sinn interessant fände, wenn sein Werk zu Hedda-Material zerlegt und in Einzelstückchen, unter Weglassung zahlreicher Motive, wieder hingestellt wird? (Spieldauer: eineinhalb Stunden ohne Pause.)

Fest steht: Regisseur Peer Perez Øian hatte weder Lust auf noch Geduld für ein Stück, wie es Ibsen so umfangreich sowohl als soziale wie als psychologische Studie anbietet. Der Hochmut der „Generalstochter“ Hedda Gabler, die meint, mit Jürgen Tesman (Mattis Herman Nyquist, der lockere „Conferencier“ des Stücks, ein junger Mann von heute, keine Spur mehr der trockene Buchgelehrte) so sehr unter ihrem Stand geheiratet zu haben? Jene bürgerliche Tante Jule, an der sie ihr Mütchen kühlt, ist gleich gestrichen. Der „Dichter“ Ejlert Løvborg (Eindride Eidsvold) wirkt weder besonders exzentrisch noch spannend. Und Hedda? Andrea Bræin Hovig ist ein interessanter, exotischer Typ, bekommt aber in ihrem Hochmut weniger Umriss als in dem generellen Lebensüberdruss, der sie auszeichnet.

In einem Bühnenbild aus Stoffbahnen, die Elemente des Theatersaals aufnehmen (seht her, wir spielen Ibsen im Nationaltheater!), führt eine lockere Szenenfolge fast beiläufig zu Heddas Selbstmord, ohne dass sich das Geschehen wie bei Ibsen wahrlich dramatisch zusammenballt. Nein, man hat dem guten alten Dichter alles an „Theater“ ausgetrieben. Dass nicht mehr übrig geblieben ist als eine Schar junger Leute von heute, die interessant über die Bühne gehen – das mag schon das Ergebnis solcher Reduktion sein. Das Publikum fand jedenfalls nicht, dass man seinen Nationaldichter unter seinem Wert angeboten hätte. Und für den Theaterbesucher von anderswo war’s ein wirklich spannend-lockerer Umgang mit einem so schweren Klassiker.

Renate Wagner

 

 

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