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Oper Graz „FALSTAFF“ Premiere

20.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Oper Graz   Giuseppe Verdi   “FALSTAFF”     Premiere  19.1.2013

Schuen, Rutherford, Klobucar, Fritzsch und Matheson im Schlussapplaus (Foto Skorepa)

 Circensisches aus Windsor

 Ein bemerkenswertes Paar aus Australien hat mit seiner Inszenierung des Falstaff an der Grazer Oper das dortige Jubeljahr für Verdi eingeleitet: Der blutjunge Tama Matheson als Regisseur und sein Bühnenbildner und Kostümdesigner, der vielseitige Peter Corrigan, immerhin Jahrgang 1941, ließen Sir John als Zirkusdirektor in Windsor gastieren. Das ergab eine kunterbunte Szenerie mit ungezählten Einfällen und Einlagen, einen durchaus sehenswerten Augenschmaus, der das Musikalische von Verdis Partitur in den ersten Bildern des genialen Alterswerk aber eher einbremste. Man wurde den Eindruck nicht los, dass das Dirigat von Johannes Fritzsch dem Bühnengeschehen nachhinkte. Wie gesagt, ein Eindruck, der sich mit fortschreitendem Abend änderte und mit Erlahmen der etwas aufgesetzt wirkenden Idee mit dem Circensischen musikalisch zum Positiven mutierte. Zuletzt das gelungene Schlussbild unter Hernes Eiche, in welchem Falstaff partiturgerecht unter den “Pizzica, stuzzica”-Drohungen seine Strafe empfängt. Zeitlich lassen sich die phantasievollen Kostüme und die Bühnenbilder nur schwer einreihen, aber da Pistola und Bardolf, als Clowns mit Kindertretautos herumfahren, könnte man auf die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts tippen, was auch durch Details der Damenkostüme unterstützt wird.

 

Rutherford in seinem Zirkus Falstaff (Foto Kmetitsch)

 

Sie haben alle ein Riesenvergnügen mit dem turbulenten Geschehen, die Mitglieder des Grazer Ensembles, sämtliche Rollen wurden aus der hauseigenen Gesangsriege besetzt, auch die Titelrolle mit James Rutherford, der ja mit seinem ersten Sachs in Graz seine Karriere richtig ins Laufen brachte. Vom Stimmcharakter her, aber auch aus seiner teddybärartigen Spilastik heraus ist er nicht diese gefährliche, grenzenlos träge Figur, sondern eher ein liebenswerter charmanter Zeitgenosse mit amourösen Ambitionen. Köstlich, wie er in seinem “Alice é mia”-Monolog mit einem riesigen Luftballon die Szene aus dem “Großen Diktator” nachstellt, in welcher Chaplin als Hitler mit der Weltkugel tänzelnd jubiliert. Leider verschenkt die Regie Falstaffs Arioso vom “Paggio di Norfolk”, auch wird er von einem Angler aus der Themse gefischt, diesem lustig gemeinten Detail folgt dann wieder ein verschenktes, wenn er seinen Weltschmerz aus einem Dachbodenfenster des Wirtshauses heraus besingen muss. Mit fortlaufendem Abend wird seine anfangs wenig kernige Stimme fester und durchschlagkräftiger, die Gesangslinie konturierter.

Neben ihm ganz groß in Darstellung und Gesang, mit glockigem Goldton: Margareta Klobucar als Alice Ford, eine Augen- und Ohrenweide in Windsor. Xiaoyi Xu als Meg Page und Nazanin Ezazi als Nannetta stehen manchmal auf Kriegsfuß mit der Intonation. Silvia Beltrami debütierte am Haus als Quickly mit markantem Alt und origineller Darstellung. In den heiklen Ensembleszenen des zweiten Bildes wirkten die Damen musikalisch noch sehr unsicher, optisch bereitet ihr Spiel Vergnügen.

Die lustigen Weiber: Beltrami, Klobucar, Xu, Ezazi (Foto Kmetitsch)

Martin Fournier und Wilfried Zelinka waren Bardolfo und Pistola, als Clowns ständig zu Scherzen aufgelegt, vor allem wenn sie sich mit ihren Tretautos Verfolgungsjagden liefern. Als Ford setzt Andrè Schuen einen hellen, kräftigen Bariton und wütendes Gehabe – ideal für den vermeintlich gehörnten Ehemann – ein, für den Verdi die letzte große Eifersuchtsarie geschrieben hat. Dass er für die Rolle zu jung wirkt,ist auch nur eine Frage der Zeit. Taylan Reinhard muss einen hässlichen, rothaarigen Dr. Cajus mimen, der von den Zirkusleuten drangsaliert und anfangs im Käfig gehalten wird, seinen Nebenbuhler Fenton stattet Abdellah Lasri mit gut phrasierten, manchmal etwas halsigen Tönen aus. Wie immer auf der Höhe der Aufgaben der Chor (Bernhard Schneider) und die Statisterie.

Rutherford in finaler Bedrängnis (Foto Kmetitsch)

Die kritische Neuausgabe, die der österreichische Musikwissenschaftler und Dirigent Michael Rot von der letzten Oper Verdis herausgebracht hat, feierte ihre Erstaufführung. Geändert hat sich gegenüber der Uraufführungspartitur natürlich nichts, lediglich Änderungen oder Zusätze, die sich in der Aufführungspraxis in all den Jahrzehnten im Orchesterpart eingeschlichen hatten, wurden eliminiert.

Heftiger und freundlicher, aber wie immer in Graz relativ kurzer Applaus für alle, auch die Regie wurde da einbezogen.

 Peter SKOREPA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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