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NÜRNBERG: TRISTAN UND ISOLDE

18.11.2012 | KRITIKEN, Oper

Nürnberg: Tristan und Isolde 17.11.2012

 In jeder Hinsicht gelungen scheint diese Tristan-Produktion der Oper Nürnberg. Ihre Besonderheit bestand sicherlich auch darin, daß die Ausnahmesängerin Lioba Braun ihre erste szenische Isolde gab, und daß die Premiere am 1.11. in deutschen und österreichischen Kinos live übertragen wurde.

 Die brilllant aufspielenden Nürnberger Philharmoniker, die ein extrem gut durchhörbares Klangbild produzierten, wurden von GMD Marcus Bosch dirigiert, der eine kluges Gespür für die Proportionen und die tempomäßigen Gewichtungen dieser Seelenmusik mit Tiefgang entwickelt.

So aufpeitschend rasant das Meer in der Schiffszene aufbraust, werden die Sänger doch nie zugedeckt. Bestens austarierte Übergänge verknüpfen im 2.Akt die „unendlichen“ Melodien. Ein angenehm melancholisch durchpulstes Englisch-Horns spielt im 3. Akt Annette Kiesewetter, bestens ‚gedoubelt‘ vom Hirt Philip Carmichael auf der Szene. Sehr gut aufgelegte Hörner, Holztrompeten und Harfen kontrastieren ein spannend schauerliches Spiel bei Tristans Todeshalluzinationen, das an einem bestimmten Punkt pochend fast zum Stehen kommt, bevor es sich nach den noch auszutragenden Kämpfen zu einem wunderbar ekstatischen H-Dur im Liebestod auflöst.

 In einer fast klassisch zu bezeichnenden Inszenierung gelingt Monique Wagemakers, die großen ‚Aussagen‘ des Werks sinnbildlich zu gestalten.

Eine für alle Akte grundsätzlich gleiche Bühne von Dirk Becker, die zwischen Konkret und Abstrakt die Waage hält, katapultiert die Handlung von beginn an in eine elyptische Bahn. Aus der Elypsenmitte kommen aus der Unterbühne die Matrosen mit roten Tauen und setzen sinnbildlich die Segel. Stäbe mit Leuchtdyoden, im 2.Akt ein aufgestellter Sternenschweif, planetenartige Kreisscheiben und eine von Isolde bewegte silberne Metallstange sind weitere Requisiten des Bühnenbilds, das eine geometrisch-kubistische Anmutung hervorruft. Die Regie Wagemakers ist durch körperliche Nähe und Herzlichkeit der Akteure gekennzeichnet, während sie im 1.Akt noch ein wenig konventionell erscheint. Später gehen Marke auf Melot auch mal los, oder Marke tätschelt Tristan im Gesicht. Im 3.Akt wird auch Kurwenal zum verwegenen Mitspieler, während er vorher eher statisch Tristan doubelte. Isolde legt sich nach ihrer Rückkunft auch auf die Seite vor den gestorbenen Tristan. Nach den real inszenierten Kämpfen stehen Isolde und Tristan beim Liebestod auf und spielen noch einmal verzückt ihre süße Zweisamkeit aus. Die Männer sind barfuß und mit weiten Hosen oder langen Röcken bekleidet, Tristan trägt auch ein Kettenhemd, Marke ein weit ausgeschnittenes Kragenhemd. Isolde im 1.Akt ein dunkelrot wallendes Kleid, im 2. ein weißes klassizisch anmutendes solches, Brangäne ein ähnliches, aber in grau (Kostüme Gabriele Heimann).

 Den jungen Seemann/Hirten singt mit klangschön ausspinnenden Tenor Philip Carmichael. Den Melot gibt mit hellem Bariton und ganz distinguiert Hans Kittelmann. Randall Jakobsh singt den Marke in seiner großen Szene sehr affektiert und dabei aber auch mit glutvoll sonorem Bariton, könnte die Partie aber noch besser aufbauen. Für den Kurwenal steht Jochen Kupfer ein smart samtiger Bariton zu Gebot. Die Brangäne der Alexandra Petersamer singt einen aufregenden Part und vermag sich mit gutem und eindringlichem Timbre von Isolde abzusetzen.

Die Wachrufe gelingen weniger eindrücklich. Lioba Braun kann ihr exquisites Edeltimbre in der neben Brünnhilde wohl ambitioniertesten Rolle der Isolde präsent einsetzen. Ihr Schöngesang macht hier schon allein die Aufführung zum Erlebnis. Lioba Braun erfüllt die Dramatik im 1.Akt wie auch die ‚dialektische‘ Liedhaftigkeit im 2.mit den ihr eigenen stimmlichen Mitteln und bezaubert im Liebestod noch einmal fulminant. Ihr Partner Vincent Wolfsteiner ist mit einem markanten, heldisch durchgestilten, gleichmäßig Mittellage und Höhe favorisierenden Tenor begabt. Im intrikaten 3.Akt kann er noch zulegen und spielt auch sonst die Dramatik der Handlung voll aus. Was Lioba Braun an elektrisierendem Schönklang bietet, rundet er durch oft schiere Stimmpower noch ab. Quasi ein Traumpaar.

Friedeon Rosén

 

 

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