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NÜRNBERG: TRISTAN UND ISOLDE. Premiere

23.10.2012 | KRITIKEN, Oper

NÜRNBERG: TRISTAN UND ISOLDE – Premiere am 21. Oktober 2012


1. Akt, Isolde mit den Seeleuten. Lioba Braun.  Foto: Ludwig Olah

Mit viel Spannung wurde die Premiere von „Tristan und Isolde“ am Staatstheater Nürnberg erwartet, denn die an großen Bühnen der Opernwelt schon lange nicht nur durch ihre Mezzo-Partien im Wagnerfach bekannte Lioba Braun gab an diesem Abend ihr szenisches Rollendebüt als Isolde. Jahrelang hatte sie die Partie als Brangäne aus nächster Nähe erlebt, hatte sie auch schon konzertant gesungen. In einem Interview mit dem Rezensenten im Berliner ORPHEUS im Vorfeld dieses Debüts unterstrich sie ihre Überzeugung, dass man für die Erarbeitung großer Rollen einen Reifeprozess benötige, auch auf das Leben an sich bezogen, bis man sich in der Lage fühlt, sie zu interpretieren. Dabei müsse die technische Souveränität für die Tessitura gegeben sein, um die Rolle zu gestalten – und genau darauf komme es an. Die Richtigkeit dieser Auffassung vom Operngesang, leider immer weniger in unserer schnelllebigen Zeit beherzigt – hat Lioba Braun an diesem Abend eindrücklich bewiesen. Von Beginn an war sie in der Rolle der Isolde, spielte sie mit viel Empathie und einer Innerlichkeit, die ihr als irische Königstochter, als Frau und als Mensch große Authentizität verliehen. Dabei kam ihr das Regiekonzept der nach einem „Fliegenden Holländer“ an der Edmonton Opera noch wenig Wagner-erfahrenen holländischen Regisseurin Monique Wagemakers sehr entgegen.

Für sie und ihre Dramaturgin Sonja Westerbeck ist der entscheidende Moment in der Geschichte um Tristan und Isolde das Nicht-Erkennen des Liebesblicks. Tantris wird wach, sieht Isolde in die Augen, erkennt diffus eine tiefe Sehnsucht nach etwas bis dahin Unbekanntem, die Sehnsucht nach einer Frau. Isolde hingegen ist von diesem Blick im Innersten getroffen „Er sah mir in die Augen…“ Mit ihrer Heilung gab sie ihm das Leben zurück und löste bei Tristan Assoziationen zu seiner Mutter aus. Dieses Nichterkennen vom Liebesblick, das Nichtwissen, wonach man sich sehnt und die dadurch entstehende unendliche Sehnsucht ist das Fundament des Regiekonzepts von Wagemakers und gilt für beide Protagonisten. Dementsprechend ist ihre Personenführung – ganz anders als die noch vor wenigen Wochen im „Tristan“ in Minden von Matthias von Stegmann gezeigte emotionale Intensität und Dynamik – etwas depressiv zurückhaltend, mehr auf das Kontemplative zwischen Tristan und Isolde abstellend. Das erlaubt Lioba Braun, die Rolle mit ruhigem Duktus und einer starken Betonung der sängerischen Komponente zu gestalten und in jeder Situation wohlüberlegte Mimik und darstellerischen Ausdruck damit zu verbinden. Ihren ohnehin eher hell timbrierten Mezzo lässt sie wunderbar aufleuchten und versieht jede Note, auch noch die tiefsten, mit farbiger Tongebung, was bisweilen an Waltraut Meier erinnert. Dabei kann Lioba Braun nicht nur immer wieder mit herrlichem Legato berühren wie bei „Er sah mir in die Augen…“, sondern ist auch in der Lage, dramatische Momente mit Spitzentönen wie bei „…dass hell sie dorten leuchte“ im 2. Aufzug stets mit großer gesanglicher Note zu gestalten. Es war an diesem Abend besonders wichtig, dass die Brangäne sich mit einem dunkleren Mezzo-Timbre von der Isolde absetzt. Das gelang Alexandra Petersamer auf vortreffliche Weise. Mit ihrem gut geführten ausdrucksvollen dunklen Mezzo war sie ein ideales Pendant zu Lioba Braun und spielte die Rolle ebenfalls mit guter darstellerischer Intensität. Die klangvollen Rufe im 2. Aufzug, vielleicht ein wenig zu weit von hinten, setzten schöne Akzente.

Es gab ein weiteres Rollendebut. Vincent Wolfsteiner, mit Wagner zuletzt als Siegmund in der Hannoveraner „Walküre“ erfolgreich, sang zu ersten Mal den Tristan. Mit einer starken baritonalen Färbung und guter Mittellage ist sein Tenor zu kräftigen Spitzentönen fähig. Es fehlt aber an stimmlichem Glanz und etwas auch an Resonanz. Bald war am Wackeln einiger Höhen festzustellen, dass der Sänger gesundheitliche Probleme haben musste, und er ließ sich zum 3. Aufzug wegen einer nicht ganz auskurierten Erkältung löblicherweise ansagen. Was dann kam, war vokaler Einsatz bis zum Letzten, tat der Stimme aber sicher nicht gut. Angesichts dieser Indisposition ist also nicht zu sagen, ob für Wolfsteiner der Tristan möglicherweise nicht etwas früh kommt. Er vermochte die Partie ebenfalls intensiv zu gestalten, hätte aber einige Momente, wie den Liebestrank, etwas emphatischer gestalten können. Überhaupt gab es in der Personenregie Wagemakers immer wieder einen gewissen Stillstand, wenn die Sänger einfach nur nebeneinander standen und ihren Part sangen, oder es gleich ganz zum Rampenstehen kam. Davon war insbesondere Guido Jentjens als König Marke betroffen. Er war dramaturgisch stark benachteiligt und konnte mit seinem hellen, etwas eindimensional intonierenden Bass und begrenzter darstellerischer Intensität auch als Figur nicht ganz überzeugen. Ein absoluter Tiefpunkt war sein schneller Abgang in der letzten Szene. Der junge Jochen Kupfer ließ dagegen als engagierter Kurwenal nicht nur mit einem klangvollen und facettenreichen Bariton aufhorchen, sondern brachte mit seinem beherzten Spiel viel Leben in den 3. Aufzug – ein hoffnungsvoller Nachwuchssänger. Hans Kittelmann sang den Melot eher mit charaktertenoralem Timbre, das aber zu keinem Zeitpunkt Klangschönheit entwickelte – fast ein Ausfall. Martin Platz konnte als Stimme des jungen Seemanns und Hirt gefallen. Sébastien Parotte hatte den undankbaren Kurzauftritt des Steuermanns. Der für einen „Tristan“ zahlreich erschienene und von Tarmo Vaask einstudierte Chor und Extrachor des Staatstheaters Nürnberg sang kraftvoll und transparent.

Das abstrakte und sich über die drei Aufzüge nur leicht verändernde Bühnenbild von Kurt Becker stellte das Geschehen zwischen zwei ausladende weiße Scheiben, von denen die oben schwebende in drei Ringsegmente aufgefächert ist und an die „Ring“-Scheiben von Vera Nemirova in Frankfurt erinnert. Eine Aluminiumstange stellt eine vermeintliche Verbindung zu den Seemännern unter Deck dar, die später aus der Unterbühne nach oben steigen, nachdem eine Menge roter Taue daran erinnern sollte, dass man sich auf einem Schiff befindet. So ganz einsichtig war diese Szenerie nicht, jedenfalls konnte sich die gewollte Assoziation mit einer Kugel, die die Welt spiegelt, beim Rezensenten nicht einstellen. Man hätte allerdings mehr aus diesem durchaus markanten Bühnenbild machen können, wenn Olaf Lundt eine subtilere und auf Stimmungen fokussiertere Lichtregie geführt hätte. Die im 2. Aufzug erst die Leuchte feuerrot symbolisierende Scheibe, die sodann mit dunklen Blautönen die nächtliche Begegnung von Tristan und Isolde charakterisierte, gehörte noch zu den besseren Einfällen. Der das nahe Ende andeutende Zerfall der Scheibensegmente im 3. Aufzug erinnerte an das Bühnenbild von Gisbert Jäkel in der glücklosen „Tristan“-Produktion Günter Krämers an der Wiener Staatsoper… Die Kostüme von Gabriele Heimann waren eher schlicht und in dezenten Farben gehalten, ganz dem Regiekonzept Wagemakers entsprechend. Die Perücke Isoldes könnte man jedoch gelinde als nachteilig bezeichnen.

Der Nürnberger GMD Marcus Bosch leitete die Staatsphilharmonie Nürnberg, die einen intensiven Wagnerklang entwickelte. Das Vorspiel begann mit überlangen Pausen, um sodann mit einem dynamischen Aufbau dem Höhepunkt – der Leidenschaften dieser Liebe – zuzutreiben und wieder wie entseelt zu verebben. Auch die kammermusikalischen Momente der Partitur, wie das große Duett im 2. Aufzug und die Brangäne-Rufe, ließ Bosch fein ausmusizieren, neigte aber wiederholt in den dramatischen Momenten zu einer zu starken Klangballung, die nicht immer sängerfreundlich war. Das Orchester dokumentierte in allen Gruppen seine große Wagner-Kompetenz, insbesondere fielen die satten Celli und die guten Blechbläser auf. Das Englischhorn wurde von der jungen Musikerin Annette Kiesewetter klangvoll und entrückt gespielt.


Liebestod“ – diesmal zu zweit. Vincent Wolfsteiner, Lioba Braun. Foto: Ludwig Olah

Am Ende, als Lioba Braun zu ihrem überaus berührenden Liebestod ansetzte, hatte die Regisseurin noch eine schöne Überraschung für uns parat. Tristan erwachte wieder vom Tode und stand ihr bei den letzten Takten lächelnd zur Seite. Schließlich doch noch ein eindrucksvoller Verweis auf ihre Vermutung, dass der „Tristan“ mehr von der Geburt als vom Sterben handelt… Großer Beifall, besonders für Lioba Braun, Vincent Wolfsteiner und Marcus Bosch, einige Buhs für das Regieteam. (Fotos in der Bildergalerie)

Klaus Billand

 

 

 

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