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NÜRNBERG: TRISTAN UND ISOLDE

31.12.2012 | KRITIKEN, Oper

Nürnberg: „TRISTAN UND ISOLDE“ 30.12.2012

 Im Grunde lässt sich diese kluge, in Kenntnis der Materie, der literarischen Dichtungen, der personellen, psychologischen Konstellationen der Figuren erfüllten Inszenierung von Monique Wagemakers kaum beschreiben – man muss sie einfach gesehen haben! Wäre ich im Umkreis von Nürnberg angesiedelt, hätte ich fraglos alle Aufführungen besucht und musste mich somit auf lediglich vier Besuche dieser ungewöhnlichen Produktion beschränken.

Die Personenregie, die musikalischen Komponente sowie die optische Bühnensuggestion gehen derart an die Nieren, mein Sitznachbar ein „noch“ älterer Herr aus Wien, schnäuzte wie ich ergriffen hemmungslos ins Taschentuch und meinte in der Pause: „in Wien spricht man von dieser Produktion, ich muss nochmals kommen“. Wurde die Premiere von Kollegin Sieglinde bereits ausführlich beleuchtet, beschränke ich mich lediglich auf die personellen Umbesetzungen: durch die krankheitsbedingte Absage von Lioba Braun, erwies sich die Gast-Isolde Claudia Iten als Glücksfall. Konträr zur weichen, fraulichen Tongebung, der emotional verinnerlichten Interpretation durch Frau Braun, begegnete mir jetzt eine völlig andere irische Maid, ein jugendlich-lyrischer Sopran, zu Beginn leicht verhalten ließ sie sich von diesem grandiosen Tristan zur vokalen Liebesexstase, zu schier grenzenlosen, wohlklingenden Höhenflügen hinreißen, beide Künstler erzeugten beim Zuhörer Wonneschauer und entließen jene in einem heiß-kalten Wechselbad der Gefühle. Bewundernswert ebenso die frische Intonation der noch jungen, vielversprechenden Sängerin im finalen Liebestod.

Trotzig, ja burschikos unbekümmert begegnet Tristan der künftigen Herrin, selig im Taumel der neuen Gefühlswelten zur Geliebten, die Fäuste abwehrend ballend gegenüber alter Zuneigung durch Marke oder des treu ergebenen Freundes Kurwenal, durchlebt Vincent Wolfsteiner in völliger Rollenidentifikation ein wahres Psychogramm verwirrender Emotionen. Der exzellente Tenor beherrscht die Partie zudem phonetisch in Vollendung, artikuliert meisterlich, schöpft aus dem Vollen seines wohlklingenden Materials, überzeugt gleichwohl im Kalkül des glanzvollen Höhenklangs, wie in den individuellen, beseelten Momenten. Eine Tristan-Interpretation welche derzeit keine Konkurrenz zu fürchten braucht – Bravo!

Differenzierte Mezzofülle schenkte Alexandra Petersamer der devoten Magd Brangäne, seit Lioba Braun hörte ich die warnenden Rufe im zweiten Akt nicht mehr so strahlend, wunderschön weich fließend, von Wärme durchflutet. Großartig mit klangvoll, sonorem Bassmaterial stattete Randall Jakobsh den imposanten König Marke aus. Nuanciert, markant in baritonaler Farbpracht demonstrierte Jochen Kupfer (Kurwenal) vokale Akkuratesse. In bester Qualität bewährten sich wiederum die Sänger der Nebenrollen sowie der trefflich agierende Herrenchor (Tarmo Vaask). GMD Marcus Bosch am Pult der bestens disponierten, hingebungsvoll musizierenden Staatsphilharmonie Nürnberg belässt es nicht bei der überwältigenden Brillanz des Klangapparats, sondern versteht es in mitreißender Energie vom ersten bis letzten Ton zu fesseln. Überzeugend demonstriert Bosch die Zwischentöne dieser phänomenalen Partitur, lässt die Sänger atmen und versetzt den Zuhörer in einen Klangrausch ohnegleichen. Wogen der Begeisterung brandeten allen Beteiligten entgegen.

Gerhard Hoffmann

 

 

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