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Norbert Bachleitner: DIE LITERARISCHE ZENSUR

BuchCover Bachleitner, Zensur

Norbert Bachleitner:
DIE LITERARISCHE ZENSUR IN ÖSTERREICH von 1751 bis 1848
528 Seiten, Böhlau Verlag, 2017

Wenn wir heute angesichts von „Zensur“ entsetzt die Hände über den Kopf zusammen schlagen, ist das entweder naive Selbsttäuschung oder Heuchelei. Jeder weiß, dass wir in einer total Meinungs-restriktiven Gesellschaft leben – man nehme allein die Sprachregelungen. Wörter der deutschen Sprache („Neger“, „Zigeuner“) dürfen nicht mehr verwendet werden, wobei das Reglement nicht staatlich ist (es sei denn in Richtung politischer Verhetzung), sondern von einer Mitwelt besorgt wird, die via soziale Medien Überwachung und Shitstorm-Bestrafung zugleich übernimmt. Wie es auch möglich ist, mit solchen Mitteln jede menschliche Äußerung effektiver zu überwachen, als es die in diesen Dingen höchst versierten totalitären Staaten früher taten…

Kein Wunder, dass Autor Norbert Bachleitner, Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien, in seinem Buch über die „Literarische Zensur in Österreich von 1751 bis 1848“ gleich zu Beginn darauf hinweist, dass die historischen Vorkehrungen, Gedrucktes zu überwachen, „vergleichsweise harmlos“ erscheinen.

Was nicht bedeutet, dass zu ihren Zeiten nicht sehr viel Schaden angerichtet wurde – möglicherweise allerdings in bester Absicht. Das Jahr 1751 nimmt Bachleitner zum Ausgangspunkt weil damals unter Maria Theresia mit der Errichtung einer permanenten Zensurkommission ein flächendeckendes „Überwachungsnetzwerk“ eingeführt wurde, 1848 ist der (keinesfalls „echte“) End-, vielmehr Eckpunkt, weil damals als Folge der Revolution die Zensur erst einmal abgeschafft wurde (um kurz danach zurückzukehren und bis 1918 in Amt und Würden zu bleiben…).

Dass Maria Therersia nicht wirklich Schlechtes für ihre Untertanten wollte, konzediert auch der Autor – sie fühlte sich für die Moral der Menschen verantwortlich (wollte sie also beispielsweise vor „Zoten“ schützen  – als ob das möglich wäre),. Groteskerweise war es ihre Schulreform, die griff: Immer mehr Menschen konnten lesen, taten es auch, und daher hielt man es für nötig, gerade Gedrucktes zu überwachen. Ob es gegen die Moral. gegen die Religion und gegen den Staat ging. (Solche Restriktionen finden sich auch heute noch in manchen Teilen der Welt.)

Der Autor nennt es „die intellektuelle Disziplinierung der unmündig erachteten Untertanen“. Dass Zensurmaßnahmen immer und überall den Interessen von Eliten dienen – das braucht nicht besonders bewiesen werden. Dass für diese Eliten andere Gesetze galten, zeigt etwa die Liste von hocharistokratischen Herrschaften, die einen verbotenen Roman von Eugene Sue anforderten und die Lektüre auch gestattet bekamen, was dem gemeinen Volk streng verboten war… Es waren aber nicht nur Ausnahmeregelungen möglich, sondern auch Gewaltmaßnahmen : 1714 kam es (das war noch vor Maria Theresia) in Schlesien zu einer Verbrennung protestantischer Literatur – im allgemeinen wurden verbotene Bücher zerrissen (und landeten dann vermutlich auch im Ofen).

Die Zensur hielt sich in Österreich durch die Systeme, die Lockerung durch die „liberaleren“ Kaiser Joseph II. und Leopold II. betraf vor allem protestantische Literatur, die nun gestattet war, aber behielt ihre Restriktionen, die dann unter Kaiser Franz II / I entschieden verschärft wurden. Das „Metternich’sche System“ betraf die Mitwirkung des Staatskanzler persönlich, der befand, der Staat müsse „die engen Schranken ziehen, die wir Zensur nennen“. Interessanterweise waren die beiden kurzen Perioden, als Napoleon mit seiner Armee Wien besetzte, ein „Ausnahmezustand“ – denn die Franzosen, die sofort die Verwaltung übernahmen, verboten nur, was gegen sie gerichtet war, nicht hingegen Schriften gegen Österreich… Kurze Zeit konnte der schriftliche Widerstand blühen.

Zensur betraf alle, die mit dem geschriebenen und gedruckten Wort zu tun hatten – die Autoren, die Herausgeber von Zeitschriften, die Verleger, die Buchhändler (die damals schon ihre Tricks hatten, sich „verbotene Bücher“ aus dem Ausland zu beschaffen), aber auch die Zensoren. Unter ihnen befanden sich in der Ära des Biedermeier und Vormärz auch selbst schreibende Wissenschaftler und Dichter, was nicht nur zu Konflikten, sondern auch zu Dauerkontroversen mit den Kollegen führte. Unter den Zensoren gab es kluge und dumme, sie waren jedenfalls mächtig.

Ein interessanter Aspekt – auch bis heute gültig – ist die Selbstzensur. Man wird im Register die Namen Grillparzer, Nestroy und anderer Zeitgenossen finden, nicht aber den von Ferdinand Raimund. Aus dem einfachen Grund, weil Raimund seine Texte zu kostbar waren, um sie auch nur der Gefahr auszusetzen, ein Zensor könnte darin herumschmieren. Also schrieb er peinlich bemüht gar nichts hinein, was Anstoß erregen könnte. (Genau, wie heutzutage Journalisten sich zurückhalten, Dinge zu schreiben, mit denen sie ernsthaft anecken könnten.)

Nestroy hingegen fügte in seine Stücke Formulierungen ein, die den Zensoren als aggressiv geradezu ins Auge stechen mussten – und konnte solcherart andere Dinge hineinschmuggeln, die dann übersehen wurden. Außerdem befleißigte er sich doppelter Buchführung, das Zensurexemplar stimmte nicht mit dem überein, was er dann auf der Bühne extemporierte. Man muss sich zu helfen wissen – dass er dafür hinter Gittern landete, erwähnt der Autor gar nicht.

Bachleitner kann auf sehr viel statistisches „Material“ in Form von von Auflistungen und Tabellen zurückgreifen, die etwa die am öftesten verbotenen Autoren oder Verlage aufzeigen. Wer solches Material zu „lesen“ versteht, wird viel herausholen, wobei unter den „verbotenen“ Verlagen viele mit großen Namen (Cotta zum Beispiel) waren, unter den verdächtigen Buchhandlungen solche, die es bis vor nicht langer Zeit in Wien noch gab (Braumüller, Gerold), unter den Dichtern allerdings wenige Namen, die man noch kennt.

Besonders interessant ist der Abschnitt über Theaterzensur, desgleichen dann die „Fallbeispiele“ berühmter Dichter, gegen die man sich verging – da wurde Shakespeare mit der Zensurschere verharmlost, Goethes „Werther“ war unerwünscht, weil er angeblich zum Selbstmord inspirierte, und selbst in Schillers „Ode an die Freude“ witterten die Zensoren eventuell staatspolitisch Gefährliches…

Man könnte darüber lächeln, lebte man nicht in einer noch engeren Zeit heute. Die Erkenntnisse im Rückblick beweisen nur, dass gewisse Strukturen immer gleich bleiben – nur die Mittel sind verschieden. Unsere Zeit hat die ihren.

Renate Wagner