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NÖ / Gutenstein: BRÜDERLEIN FEIN

12.07.2019 | KRITIKEN, Theater

NÖ / Raimundspiele Gutenstein:
BRÜDERLEIN FEIN
von Felix Mitterer
Uraufführung
Premiere: 11. Juli 2019,
besucht wurde
die Generalprobe

 

 

 

 

 

Wer schreibt derzeit noch Stücke in Österreich? Handke längst nicht mehr, die Jelinek nur, wenn sie politisch wieder einmal etwas aufregt. Die „Oldies“, Turrini und Mitterer, sind noch unterwegs. Unter den „jüngeren“ ist Daniel Kehlmann der konventionellere, Schmalz und vor allem Palmetshofer ziehen einem Teil des Publikums den Nerv. Wem erteilt man einen Stückauftrag? Dass Andrea Eckert, als sie für ihre Gutenstein-Festspiele ein Stück über Ferdinand Raimund plante, auf Felix Mitterer zukam, war sicher grundlegend keine schlechte Entscheidung. Er hat, im Gegensatz zu anderen, seine Humanität – eine große Raimund-Eigenschaft, seiner „Menschenfeindlichkeit“ zum Trotz – schon vielfach unter Beweis gestellt. Und seine Bereitschaft, Biographisches aufzuarbeiten (von Leo Reuss über Mozarts Weberische bis Jägerstätter), auch.

„Brüderlein fein“ also, als Uraufführung bei den diesjährigen Raimund-Spielen in Gutenstein. Zu Beginn gibt es eine schöne, stimmige Idee: Mitterer schickt Nymphe und Fee aus, um – teilweise in Raimunds Worten – einem Menschen besondere Gaben zu verleihen, und Ferdinand Raimund ist der Erwählte. Leider war’s das dann mit der Poesie und zwar total. Sie kommt den ganzen Abend nicht mehr vor. Das „Raimund’sche“ liegt in der Folge gefesselt danieder.

Denn Ferdinand Raimund begegnet dem Publikum von Anfang an als vollmundiger Wiener Prolet, der meist herumschreit und herumtobt und eigentlich nichts an sich hat, was sein „Genie“ glaubhaft machte. Im ersten Teil, der eine Stunde dauert, werden überhaupt nur Raimunds Frauengeschichten erzählt: die „reine“ Liebe zur Kaffeehaus-Besitzers-Tochter Toni Wagner, die Verführung durch die „böse“ Luise Gleich, dazu kommt noch Therese Krones, ohne Profil zu gewinnen (schon gar nicht das der berühmtesten Darstellerin ihrer Zeit). Daneben wird klar, dass dieser Ferdinand Raimund unter falschen Voraussetzungen (sich selbst als Tragiker sehend) Schauspieler werden will (der Fluch des Vaters hallt schauerlich aus dem Hintergrund). Dass er auch einer der größten Dichter seiner Zeit würde – nein, davon ist noch nichts zu ahnen.

Das muss Mitterer in einen ganzen zweiten Akt stopfen, der ihm natürlich schwerer fällt, denn Liebesgeschichten und missglückte Heiratssachen sind leichter darzustellen als dichterische Prozesse. Der Autor von heute versucht es mit Lazzi, was nicht ohne Berechtigung ist – eine Probe zum „Barometermacher“ soll zeigen, wie ernst Raimund sein Dichtertum nimmt; reine Blödelei, wenn vorausgesetzt wird, dass der „Diamant des Geisterkönigs“ bei den Proben improvisiert wurde. Wenn Raimund dabei einen Hund hechelt – da kann das Publikum einmal herzlich lachen, zu lachen hat es ja sonst bei dem grimmigen Leichenbitter, der da auf der Bühne erzählt wird, nicht viel.

Apropos Hund – damit auch Raimund / Hund / Tollwut klar wird, schleppt er oft einen Stoffhund mit sich, ganz so einfach war es ja nicht… macht nichts, Vereinfachung ist das Prinzip hier, es geht wohl nicht anders.

Weiter im Zeitraffer durch das Leben des Künstlers, wobei der Rückzug nach Gutenstein natürlich eine große Rolle spielen muss (gespielt hat, fraglos) – der „Bauer als Millionär“ mit dem titelgebenden „Brüderlein fein“, schon ist man, mit einem Stückchen Rappelkopf-Monolog bei der Menschenfeindlichkeit des Dichters (schwer zu sagen, ob ein nicht total Raimund-fittes und –gebildetes Publikum da auch immer weiß, worum es geht).

Und dann reicht es Mitterer schon, der Reizname „Nestroy“ irrlichtert ein wenig (das hat er sich aus dem „Amadeus“ von Peter Shaffer abgeschaut, warum nicht), und schon sind wir bei Tollwut, Hobellied, zupft mich der Tod einst mit Verlaub, Schuß aus der Pistole, da leg ich meinen Hobel hin. Das war’s.

Im Zeitraffer Stationen eines Lebens abgeklappert, beiläufig darüber gewischt, kaum etwas vertieft, Klarheit kaum angesagt, Effekt eher – vielleicht wirken darum die sinnlosen, „pointierten“ Aktionen (die Fahrt mit der Kutsche) als Lacher – hier muss man nichts verstehen.

Was natürlich auch mit der Entscheidung der Regisseurin Nicole Claudia Weber zu tun hat, einfach auf laut, grob und schnell zu setzen, wir leben in unruhigen Zeiten, ein Smartphone-Publikum (ist es das Gutenstein-Publikum?) will es so genau nicht mehr wissen, Hauptsache, die vielfältigen Reize schlagen einander tot. Was man am Ende davon gehabt hat, ist heutzutage nicht mehr die Frage. Intendantin Andrea Eckert hat (wie auch schon mit ihren früheren Entscheidungen für Gutenstein) an den Zeitgeist flott angeschlossen – statt vielleicht, im Sinne Raimunds, ein wenig inne zu halten.

Im übrigen wirkt die Aufführung – sieben Darsteller und eine Ausstattung (Vanessa Achilles-Broutin), die beiläufig und stimmungslos ein paar Accessoirs hin- und herschiebt – , als sei sie auf „billig“ konzipiert. Die Frage, ob der optische Aufwand (gepaart mit Ideen) da nicht dazu gehört hätte, schwebt im leeren Raum. Dafür gibt es viel Geräusch – und Tommy Hojsa wandert diskret herum und drückt von Zeit zu Zeit seine Harmonika.

Raimund, der sicher auch Choleriker, aber doch eine sehr sensible Seele war, gewinnt in der Gestalt von Johannes Krisch den Umriß eines ordinären Vorstadt-Rüpels, mehr noch, die meiste Zeit verzerrt der Darsteller – Brüllen ist hier sein Naturell – dessen Gesicht zur Fratze. Das mag die zeitgemäße Art sein, auf die Vergangenheit zu blicken – ob man damit dem Menschen, um den es geht, Gerechtigkeit widerfahren lässt, sei dahingestellt. Dass Krisch eine hektische Virtuosenleistung liefert, die er sich auf sich selbst zugeschnitten hat, ist fraglos, dass ein Publikum, das Schauspieler liebt, dies zu würdigen weiß, ist auch klar.

Die Damen huschen herum: Anna Rieser will der Toni die Ecken und Kanten der lieben, aber im Grunde verständnislosen Frau geben, Larissa Fuchs tobt die Luise sehr sexy (und hat am Ende noch einen schönen Auftritt als gebrochene Frau), Lisa Schrammel ist da, ohne auch nur ansatzweise die Idee zu vermitteln, die Krones zu sein.

Die anderen, die Herren Gerhard Kasal, Reinhold G. Moritz und Eduard Wildner, sind Funktion in verschiedenen Rollen, wobei an der Person des Fürsten Kaunitz ein bisschen vom abgründigen Biedermeier eingearbeitet werden soll (das sonst – Metternich, die Zensur, vor der sich der Dichter Raimund so fürchtete – draußen bleibt).

Was würde Ferdinand Raimund, wenn er denn im Gutenstein-Himmel auf einem Baum sitzt, zu diesem Zerrbild seiner selbst sagen? „Danke, lieber Alpenkönig Mitterer, ich hab’ mich erkannt“? Wir wissen es nicht. Jeder muss sein eigenes Urteil darüber fällen, wie gelungen – oder nicht – dieser Versuch ist, dem Dichter nahe zu kommen…

Renate Wagner

 

 

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