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NEW YORK/ WIEN/ Die Met im Kino: TURANDOT

31.01.2016 | Oper

MET IM KINO: „TURANDOT“ – 20.1. 2016 Cineplexx Wien-Landstraße

Was für eine Kraft muss dieser Puccini in sich gehabt haben, als er, mit der Todeskranktheit im Leibe, sich diese ungeheuerliche Geschichte nicht nur denkend aneignete, sondern sie musikalisch glaubwürdig, mit allen ihr innewohnenden Härten,  zu Papier brachte. Fast mutet die ebenso „verrückte“ Straussische „Salome“ daneben wie ein Wiegenlied an. Ehernes Beharren auf einem einmal gefassten Entschluss bzw. einer unumstößlichen Position, wie die chinesische Prinzessin es mit der Rache für ihre grausam behandelte Urahnin für gut und richtig hält, könnte den Komponisten wie ein Kampf ums eigene Überleben gereizt haben…Aber das „Vincero!“ blieb ihm versagt. Dafür wurde die triumphale Arie für den Tenor die große Erfolgsnummer.

Die New Yorker Zeffirelli-Produktion aus dem Jahr 1987 (damals mit Eva Marton, Plácido Domingo und Leona Mitchell) ist derart aufwändig, dass alle Waffen-, Kostüm- und Personal-Ressourcen des Hauses zu vollem Einsatz gelangen. Die gesamte Bühne, die in  voller Breite mit Chor, Statisten, Kulissen und un unzähligen Versatzstücken angefüllt ist, kommt selbst auf dem riesigen Bildschirm der Cineplexx-Konos kaum jemals ins Blickfeld der Zuschauer. Das Volksgetriebe im 1.Akt ist unüberschaubar. Nur die jeweiligen Solosänger werden herangeholt. Man sieht dann den feinen, 20 cm lang herabhängenden Aufklebebart des Mandarins ebenso genau wie die wallende graue Mähne des greisen Timur, vom Kostümaufwand gar nicht zu reden..Der gehört zwar – in gewissen Grenzen –  zum Stück, aber hier lässt sich ein Lächeln des öfteren nicht unterdrücken. Da ist wirklich viel Theatermuseum dabei. Während das bezaubernde Kostüm der Liù in seiner schlichten Einfachheit den Charakter der liebevollen Sklavin bestens unterstützt, tut es die Kostümierung der Titelheldin gar nicht und gereicht ihr gemeinsam mit der schlechten Schminke nicht zum Vorteil.  Auch die Einfachheit des Calaf-Kostüms – Jacke, Hose und Stiefel – überrascht. So könnte der Held auch in zwei Dutzend anderen Opern auftreten.

Sehr schön, weil übersichtlich, sinnvoll und die langen Stehszenen der Hauptpersonen auflockernd, die Gestaltung des 2. Aktes. Da werden rund um die Diva während der Rätselszene Tänzerinnen für verschiedene symbolischen oder einfach die Optik bereichernden Bewegungen und Gesten eingesetzt, sodass sich auf den Treppen und Treppenabsätzen ein schönes, freundliches Gesamtbild darbietet. Insgesamt trägt die Zeffirelli-Optik natürlich zum „Event“-Charakter der Produktion bei.

Der Routinier Paolo Carignani hatte den musikalischen Bereich voll im Griff. Ein wirklich zuverlässiges Urteil über Details, über die Relation Bühne-Orchester oder die atmosphärische Wirkung getraue ich mir bei Kino-Übertragungen nicht zu fällen. Da gibt es zu viele Manipuliermöglichkeiten.
Dass es auf der Bühne einen unangefochtenen Star gab, steht hingegen außer Zweifel: Anita Hartig als Liù. Von bezauberndem Aussehen, mit ebenso bezauberndem Sopran voll lyrischer Intensität und einer Frische, als sänge sie eine ganze Arie mit einem einzigen Atem, mit herrlich aufblühenden Höhen, die einen geradezu vom Sitz rissen, und dazu mit so liebenswürdigen Gesten, zumeist Hand-und Armbewegungen, die ihre Gefühle veranschaulichten, graziös und dabei selbtbewusst – besser geht’s gar nicht! Klarerweise konnte diese Liù das Happy End für Turandot und Calaf plausibel machen, das ihr fast freudvoll zelebrierter Opfertod bewirkt hatte. Da passte alles – die Optik und die empfindsame musikalische Interpretation.

Nina Stemme
sang die Turandot prachtvoll. Kein Vibrato stört die volle, warme, voluminöse, bis in die Extremhöhen treffsichere Stimme, der keine Orchestermacht etwas anhaben kann. Im 3. Akt konnte sie auch durch ihr Mienenspiel zur Glaubwürdigkeit des Wandels von der grausamen Rächerin zur Liebenden beitragn. Mit seinem robusten Tenor und sicherem Auftreten stellte der prinzliche Anwärter auf ihre Hand seinen Mann. Auf Marco Berti ist Verlass. Ein schmachtender oder gar betörender Lyriker ist er nicht. Für diese Rolle jedoch kein allzu großes Unglück. Mit schöner, großer, weicher Bassstimme litt sich der junge Ukrainer Alexander Tsymbalyuk durch den Part des blinden, entthronten königlichen Vaters Timur. Die übrigen Solisten wurden auf den Kinoprogrammzetteln  nicht erwähnt.
Eine große Gesamtwirkung der in dieser MET-Saison 18 Mal gespielten  großen Chor-Oper (dies war der letzte Abend) stellte sich unweigerlich ein. Puccini ist für seinen Krafteinsatz wieder einmal belohnt worden.

Sieglinde Pfabigan

 

 

 

 

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