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NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino: THE EXTERMINATING ANGEL

19.11.2017 | KRITIKEN, Oper

Met Exterminatiing Angel x

NEW YORK / WIEN / Die Met im Kino:
THE EXTERMINATING ANGEL von Thomas Adès
18. November 2017

Wenn die Met eine populäre Oper spielt und in die Welt schickt, öffnen die Kinos mehrere Säle. Wenn die Besetzung Weltrang ist, sind es noch ein paar Säle mehr. Für „The Exterminating Angel“ fuhr man auf einen Saal zurück, vor dem Kinoeingang versuchte so mancher vergeblich, seine Karte los zu werden – und nach der Pause war der schon anfangs nicht volle Saal um einiges leerer.

Wie immer, kann und muss man eine Situation von beiden Seiten betrachten. Man kann die Opernfreunde tadeln, dass sie gar nicht erst wissen wollen, was in dem von ihnen doch so geliebten Genre heute vorgeht. Oder sie ahnen, dass sie weder sehen noch hören wollen, was da geboten wird – und was auch entschlossene, tapfere Durchhalter nach zweidreiviertel Stunden trotz der extrem bequemen Kinosessel einfach erschlagen hinterlässt…

Teils beeindruckt, teils kaputt, weiß man dennoch, dass es sich bei dem Briten Thomas Adès noch um einen der besten derzeit tätigen Opernkomponisten handelt. Mit der lockeren Selbstverständlichkeit wie wir heute Verdi und Wagner, wird ihn vielleicht erst eine nächste, übernächste Generation rezipieren, die mit dieser Musik aufwächst… falls Facebook sich dafür einsetzt.

Man kennt den Background der Produktion: Thomas Adès hatte bisher für die Bühne die Kammeroper „Powder her Face“ (1995) geschrieben (die Musikwerkstatt von Hugh Rhys James hat 2000 dafür gesorgt, dass wir das Werk kennenlernten) und hatte dann mit „The Tempest“ (uraufgeführt 2004 in Londons Covent Garden) einen Welterfolg. Die Salzburger Festspiele erteilten ihm einen Kompositionsauftrag, und Ende Juli 2016 kam dann „The Exterminating Angel“ zur Uraufführung. Als Koproduktion mit Londons Covent Garden, das die Aufführung im April / Mai dieses Jahres gezeigt hat, der Metropolitan Opera, wo sie derzeit am Spielplan steht, und der Kongelige Opera, Kopenhagen, die noch nachziehen wird. Die Wander-Inszenierung hat Tom Cairns besorgt, der für Adès auch das Libretto schrieb, und der Komponist Thomas Adès steht wohl überall am Pult und ist seiner Musik der beste Anwalt.

Dass dieser „Angel“ ein inhaltlich so verrücktes wie auch konfuses Stück ist, verdankt er seiner Vorlage – dem „Würgeengel“ von Luis Buñuel, einem seiner absurden, die bürgerliche Gesellschaft durch die Mangel drehenden Filme. Wie Thomas Adès im Pausengespräch der Met (Susan Graham moderierte) sagte, hätte er den Film zuerst im Alter von 13, 14 Jahren gesehen, liebte spontan das Anarchische daran und dass darin alle nur möglichen Regeln gebrochen werden. Warum er dann eine Oper daraus gemacht hätte, verwies er ins Reich des Unterbewußten – ein Künstler suche nicht seine Stoffe, die Stoffe fänden ihn.

Gefunden hat der „Würgeengel“ auch die Tonsprache von Thomas Adès, und man muss ehrlich sagen, wenn man ein paar Mal „The Tempest“ gehört hat (die Met-DVD mit Keenlyside, die Wiener Aufführung mit Eröd und Maltman), tut man sich beim Hören nicht ganz so schwer. Auch wenn Adès die Sängerinnen wieder teilweise in die unvorstellbarsten Höhen hetzt (man bildet sich ein, außer Audrey Luna könne das ohnedies niemand singen) und die Kakophonie oft schmerzlich ist. Aber er hat auch geniale, fesselnde Klangeffekt zu bieten, ob mit Glocken, ob mit einer Phalanx von sechs drängend-beklemmend geschlagenen Trommeln, ob mit dem seltsamen elektronischen Instrument namens Ondes Martenot, das die Spielerin, Cynthia Millar, in der Pause auch vorstellen durfte und das unirdische, auch unheimliche Töne erzeugt – man lernt wirklich etwas bei diesen Pausengesprächen.

Was das Bühnengeschehen betrifft, so ist man einige Zeit lang damit beschäftigt, die Figuren auseinander zu dividieren – 15 von ihnen sind ununterbrochen auf der Bühne (na, drei davon dürfen wegsterben), und man muss sie erst kennenlernen, nachdem zu Beginn der Handlung die Nebenfiguren, das Personal, (mit einer Ausnahme) aus unergründlichen Motiven davon gelaufen sind. Dennoch geben Edmundo de Nobile (Joseph Kaiser) und seine Gattin Lucia (Amanda Echalaz) nach einer Opernaufführung eine Party für ihre Gäste, wobei die Sängerin Leticia Maynar (die bekannte Audrey Luna, unvergesslicher Ariel im „Tempest“) strahlender Mittelpunkt sein sollte – wenn man nicht bald andere Sorgen hätte.

Zuerst profilieren sich die Damen, und das weit nachdrücklicher als die Männer mit Ausnahme von John Tomlinson (unvergessener Bayreuther Wotan mit Schlapphut und Ledermantel), der als Doktor eine zentrale Rolle innehat und der sich gleich zu Beginn von seiner Patientin Leonora Palma (Alice Coote) sexuell belästigen lassen muss, was er leicht peinlich berührt mit „Übertragung“ erklärt (der Mann hat seinen Freud gelesen).

Da ist noch die anfangs so unendlich oberflächliche Silvia de Ávila (Sally Matthews), die alles Extreme so interessant findet, aber später für ihren Bruder Francisco (Countertenor Iestyn Davies) so viel sorgliche (und auch inzestuöse) Anteilnahme zeigt. Da ist Blanca Delgado (Christine Rice), die anfangs Klavier spielt, sich um ihre Kinder sorgt und später erschütternd die Nerven wegwirft. Beatriz (Sophie Bevan) und Eduardo (David Portillo) sind ein junges Paar, das angesichts der kommenden Ereignisse beschließt, gemeinsam zu sterben, statt sich einem erschütternden Untergang zu stellen. Und noch eine Handvoll Herren, darunter Colonel Álvaro Gómez (David Adam Moore), der Liebhaber der Hausherrin, tobt sich durchs Geschehen, ohne viel persönliches Profil zu finden – Frédéric Antoun als streitsüchtiger Raúl Yebenes. Rod Gilfry als Alberto Roc, Kevin Burdette als Señor Russell, der bald eine Leiche ist, und Christian Van Horn als einzig verbliebener Diener Julio

Die Absurdität der Handlung besteht darin, dass sie alle aus nie geklärten Gründen, als gäbe es eine unsichtbare Wand um dieses Wohnzimmer, nicht imstande sind, dieses „nach der Party“ zu verlassen. Längere Zeit hier eingesperrt, wird das Verhalten der einzelnen notwendigerweise erratisch, hysterisch, gewalttätig, die Geschichte wird immer absurder und schlägt vor der Befreiung noch ein paar Purzelbäume. Sicher, man kann sich stets auf die Bunuel-Vorlage berufen, hätte aber die Handlungsführung zweifellos etwas stringenter und im höheren Sinn logischer halten können – der zweite Teil des Abends verlässt dann dermaßen die Ebene des Noch-Nachvollziehbaren, dass man nicht davor gefeit ist, sich auch zu langweilen.

Dass es trotzdem ein tolles Beispiel für (abgehobenes) zeitgenössisches Musiktheater ist, steht außer Zweifel. Dass man es nicht fünfzigmal sehen will wie „Tristan“, „Don Giovanni“ oder „Tosca“, dürfte auch klar sein… Aber kennen soll man es zumindest.

Renate Wagner

 

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