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NEW YORK/ Münster Cineplex/Die Met im Kino: LULU von Berg/ Cerha

22.11.2015 | Oper

MET – New York  / Cineplex Münster am 21. November 2015

 Alban Berg „LULU“ in drei Akten (Cerha)

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Marlis Petersen, Johan Reuter. Fotos Cineplex Münster/METopera

Die Beliebtheit einer Oper gründet  offenbar nicht nur in ihrer kompositorischen Meisterschaft: Am Samstag wurde – nach New Yorker Ortszeit – als Mittagsvorstellung aufgeführt und in Kinos weltweit übertragen Alban Bergs Oper „Lulu“, Text vom Komponisten nach den Tragödien „Erdgeist“ und „Büchse der Pandora“ von Frank Wedekind , – uraufgeführt 1937 –  in der MET gerade einmal die 41. Vorstellung! Gewählt wurde wie heute üblich  die Fassung in drei Akten, der dritte Akt nach Bergs Tod 1935 erst in den 1970-er Jahren vollendet von Friedrich Cerha.

Was auch immer das bedeutet, gewidmet wurde die Vorstellung den Attentatsopfern aus Paris, passend insofern, als in der Oper häufig der Name erwähnt  wird („In Paris ist Revolution ausgebrochen“) und der dritte Akt zum Teil dort spielt.

Dominiert wurde die Bühne durch schnell wechselnde die ganze Rückwand einnehmende Projektionen von Catherine Meyburgh in der Regie von William Kentridge und seines Teams Luc de Wit und Urs Schönebaum, letzterer für Licht zuständig. Diese Projektionen wurden in der Art von Kohlezeichnungen in scharz-weiß simuliert mit roten  Flecken darin als Farbe von Blut. Sie hatten teils mehr teils weniger Beziehung zur Handlung, zeigten erotische Symbolik, wiederholten geschrieben manchmal den gesungenen Text oder einen Zeitungsartikel und endeten nach dem letzten Akkord mit der Mitteilung „Der Tanz ist aus“ So wurden filmische Mittel für die  Bühne eingesetzt, die jetzt wieder in Filmtheater übertragen wurden. Das dauernde Flimmern der riesigen Projektionen am Bühnenhintergrund liess die eigentliche Bühne (Sabine Theunissen)  mit den Schauplätzen der Oper  eher klein aussehen, ebenso  die Darsteller, und lenkten insofern von der eigentlichen Handlung ab.  Letzteres störte vermutlich mehr  die Besucher im Opernhaus als die im Kino, weil hier häufig  Großaufnahmen  gezeigt wurden. Ab dem zweiten Akt wechselten die Projektionen erfreulicherweise weniger häufig. Es gab auch zusätzliche stumme Rollen, wie die einer Dame an einem falschen Konzertflügel, in dem sich ein weiterer Komparse verstecken konnte – das trug wenig zur Handlung bei. Die Kostüme von Greta Goiris entsprachen der Entstehungszeit der Oper, verfremdet wurden sie durch Masken aus Papier für Gesicht, Hände und   Brüste.

Musikalisch zeigte die Vorstellung allerhöchstes Niveau. Alle Sänger, auch die nicht aus dem deutschen Sprachraum, waren textverständlich, in dieser Oper besonders wichtig, da ja neben gewohntem Singen halb gesungen, rhythmisch deklamiert und normal gesprochen werden muss.

Gar nicht genug bewundern kann man Marlis Peterson in der Titelpartie. Nach achtzehn Jahren Auftreten in zehn Inszenierungen hat sie die Partie völlig verinnerlicht. Je nach Situation mit naiver, gleichgültiger oder grausamer Stimmfärbung traf sie scheinbar mühelos jeden Ton (bis zum ganz hohen d!)  man konnte die ganz hohen Triller deutlich hören, grosse Intervallsprünge bereiteten keine Schwierigkeiten. Sie sang, wie Kollegin Susan Graham – die ebenfalls makellos singende Mitleid erregende Gräfin Geschwitz – in einem Pauseninterview treffend bemerkte „Berg wie Mozart“  Gleichzeitig spielte sie hinreissend jede Nuance der extremen Gefühlsgegensätze der Lulu mit Blicken und ihrem schön anzusehenden Körper.

Alles dreht sich um Lulu, so auch die Männer. Ihren eigentlicher Gegenpart Dr. Schön sang Johan Reuter mit beweglichem genau fokussiertem Bariton und machte auch spielerisch den verzweifelten Abstieg vom Zeitungsmogul zum  Opfer langjähriger Verführung durch Lulu  deutlich, bis er sie als Jack the Ripper letztendlich erdolcht.

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Franz Grundheber, Marlis Petersen. Fotos Cineplex Münster/METopera

Seinen Sohn Alwa  – ebenfalls Opfer von Lulu – sang mit geforderter heldentenoraler Kraft und etwas baritonaler Stimmfärbung Daniel Brenna. Auch die lyrischen Passagen seiner Partie beherrschte er perfekt, vor allem etwa mit Legato und lang gehaltenen Tönen bei der „Hymne“ auf Lulus Körper im zweiten Akt. Mit der Partie entsprechendem  Sarkasmus und unverändert frischer Stimme sang Franz Grundheber den Schigolch. Seit ungefähr fünfzig Jahren singt er an der MET, länger als irgendein anderer lebender Sänger. Auch seinem Spiel merkte man die Erfahrung mit dieser Rolle an. Die verhältnismässig heiteren Rollen von Tierbändiger im Prolog und Akrobat sang treffsicher Martin Winkler und spielte dabei überzeugend den Kraftmeier. Mit sicherem Tenor überzeugte Paul Groves als Maler und zum Schluß  als afrikanischer Prinz, Kunde der jetzt anschaffenden Lulu.  Auch alle anderen kleineren Rollen waren stimmlich gut besetzt, sodass die Operetten-ähnliche Szene mit den grossen Ensembles über den Verfall der „Jungfrau-Aktien“ im dritten Akt als nicht zu lang empfunden wurde, was auch und gerade der exakten musikalischen Leitung zu verdanken ist.

Nach gesundheitsbedingter Absage von James Levine übernahm diese  kurzfristig Lothar Koenigs  – Musikfreunden aus NRW noch bekannt als Dirigent in Hagen, Münster und Bonn. Ihm und dem Orchester der MET gelang es, die den Bezeichnungen nach in rein musikalische Formen gegliederte Musik so zu spielen, dass sie auch  als passende Begleitung zur Handlung zu erleben war, etwa durch Hervorhebung der den einzelnen Personen zugeordneten Leitmotive oder Betonung der lyrischen und sinnlichen Seite der Partitur. Höhepunkte waren die spiegelbildlich aufgebaute Musik in der Mitte des zweiten Akts und damit der ganzen Oper und der grausame klingende alle zwölf Töne der Reihe umfassende Akkord bei Lulus Tod. Die zahlreichen auch rhythmisch komplizierten Soli einzelner Instrumente klangen prima, hervorzuheben seien beispielhaft die Soli der ersten Violine.

In Münster war der etwas kleinere Saal als sonst gut besucht, alle blieben bis zum Schluß, keiner störte. In New York dankte das Publikum in der scheinbar fast ausverkauften MET mit starkem Beifall, Bravorufen und Pfeifen allen Mitwirkenden, dem Dirigenten und am meisten Marlis Petersen, gemäß Wall-Street-Journal der „Welt-besten Lulu“, die leider in Zukunft die Rolle nicht mehr singen will.

 Sigi Brockmann  22. November 2015

 

 

 

 

 

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