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NEW YORK/ METROPOLITAN OPERA: BILLY BUDD

15.05.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

NEW YORK MET: BILLY BUDD WA – 12.5.2012


John Daszak, Nathan Gunn, Dwayne Croft. Foto: Ken Howard/Met

 Ebenso wie „Die Sache Makropulos” hatte „Billy Budd” von Benjamin Britten großen Erfolg an der Met in der schon 1978 in Szene gegangenen Produktion von John Dexter. Damals war Brittens Mitarbeiter und Lebensgefährte, Peter Pears, Captain Vere, der die Rolle schon bei der Uraufführung 1951 gesungen hatte. Und der große Wotan James Morris sang den Master of Arms John Claggart, den er weitere 35 Jahre verkörpern sollte – denn er sang ihn auch wieder an diesem Abend! Es wurde eine unter die Haut gehende Aufführung des reinen Männer-Stücks und machte die ganze Härte des Lebens an Bord eines Kriegsschiffes zu jener Zeit um 1800 und den dabei herrschenden Verhaltens- und Ehrenkodex mit seiner Unerbittlichkeit deutlich.

 William Dudley stellte John Dexter den Querschnitt des Achterdecks der Indomitable auf die Met-Bühne und weit in ihre Tiefe und schuf damit den engen Raum, der in einem seemännischen Ambiente intensive Szenen und personelle Auseinandersetzungen ermöglicht. Diese werden durch die gute Personenregie Dexters bis ins letzte Detail dramatisiert und vom legendären Beleuchter der Met, Gil Wechsler, ins richtige, immer wirkungsvolle Licht gesetzt. Sehr gut gelangen die Szenen, die die Nervosität der Mannschaft angesichts fehlender Feindberührung und mangelnden Erfolgs beim Abschuss der Kanone zeigten sowie die allgemeine, dem Meutern nahe Stimmung bei der Verkündigung von Billys Todesurteil. Auch das Seegericht hatte eine starke innere Spannung. Man meinte bisweilen, man befände sich als Beobachter direkt an Bord dieses optisch imposanten Schiffes.

 Der Loge von Valencia, John Daszak, ist ein darstellerisch präsenter, Kapitänswürde ausstrahlender Vere und singt die Partie mit einem jugendlich dramatischen und klangvollen Tenor, den er sehr sicher führt. Er hat übrigens für die „Götterdämmerung“ am Teatro Municipal in São Paulo im August den Siegfried einstudiert und in mehreren Aufführungen dort gesungen. James Morris ist immer noch ein imposanter Claggart, und zwar darstellerisch mit seiner unvergleichlichen ruhigen Souveränität, aber auch noch stimmlich – denn diese Rolle scheint ihm ganz besonders zu liegen. Wenn immer Morris auftrat, meinte man, es ginge ein Zittern durch die gesamte Mannschaft auf der Indomitable… Nathan Gunn, Graduierter des Lindemann Young Artist Development Program der Met, singt den Billy mit seinem klangvollen Bariton geschmeidig, gut phrasierend und wortdeutlich. Er bringt die ganze Tragik der Figur mit ihrer fatalen Gutgläubigkeit nachvollziehbar über die Rampe und gewinnt sofort jede Sympathie. Ferner singen und agieren eindrucksvoll Dwayne Croft als Mr. Redburn, Ryan McKinny als Retcliffe, Kyle Ketelsen als Segel-Meister, John Cheek als Dansker. Die weiteren Nebenrollen waren dem hohen Niveau dieses Sängerensembles entsprechend besetzt. Der Chor sang mit guter Transparenz und intensiver Emotionalität angesichts des dramatischen Geschehens an Bord.

 David Robertson entlockte den Musikern im Graben der Met einen intensiven und die harte Seemannswelt mit ihren fatalen Entscheidungen stimmungsvoll und bisweilen expressiv charakterisierenden Orchesterklang, der das Geschehen musikalisch enorm auflud. Stets gab es größte Harmonie zwischen Graben und dem Schiff hoch darüber. Im Finale der Oper nahm der homogene Met-Orchesterklang hymnische Farben an, die zusammen mit dem Erlebten einen tiefen melancholischen Eindruck hinterließen…

(Fotos in der Bildergalerie)

 Klaus Billand

 

 

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