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NEW YORK/ Die Met in Kino/ Wien Village Cinemas Landstraße: IDOMENEO. Dank den Göttern! – Grazie ai numi … ThanksGod …

26.03.2017 | Oper

MET IM KINO: „IDOMENEO“ –  25.3. – Cineplexx – VillageCInemas Wien Landstraße

Dank den Göttern! – Grazie ai numi … ThanksGod …

Natürlich sind damit die himmlischen Mächte gemeint. Derjenige zum Beispiel, der  einen Mozart geschaffen hat. Aber auch die irdischen, die solch einen Genius das sein lassen, was er ist. Und solche, die ihn wieder zu dem machen, was er immer war. In diesem Fall der Dirigent und der Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, deren Arbeit auch dem Sänger-Ensemblezugute kommt.

met

James Levine hat 1982 angeregt, dass Mozarts erstes  großes Meisterwerkendlich an die Met kommt (mit Pavarotti inder Titelrolle), hat sie selbstverständlich selber dirigiert und Jean Pierre Ponnelle für Inszenierung und Ausstattung engagiert. Daraus wurde nicht nur eine formelle Huldigung an Mozart, sondern eine leidenschaftliche Liebeserklärung, der sich das Publikum von 2017 mit Begeisterung anschließt, denn geboten wird: Großes Drama und eine musikalische Spannung zum Zerreißen vom ersten bis zum letzten Ton, der immerhin nach erst 4 ¼- Stunden erklang, weil (unter Weglassung der finalen Ballettmusik) und mit etlichen geöffneten Strichen eine komplette Fassung mit zwei Pausen gespielt wurde.

Was man angesichts des Bühnengeschehens nur hören, aber bei der Ouvertüre auch sehen konnte: James Levine lebte den Musikern und Sängern das ganze Stück gleichsam vor. Gesicht, Hände, Arme und Oberkörper gaben alles vor, was in dieser Partitur, zwischen den Noten und hinter den Worten enthalten ist. Nun müsste ich gerechtigkeitshalber anfangen, eine Nummer nach der anderen detailliert zu beschreiben. Wer alles selbst gehört hat, weiß, wovon ich rede bzw. schreibe, die anderen Leser werden es mir glauben: soooo aufregend, soooo spannend, sooo betörend schön, sooo aussagekräftig, berührend und mitreißend – wer „Idomeno“ so schon erlebt hat, möge sich bitte melden…Nahezu jeden Moment gibt der Dirigent seinem Entzücken Ausdruck, dass er diese Musik dirigieren darf, und es geschieht im wahrsten Sinn mit Leib und Seele. Allein die Mischung aus gewaltigen, aber nicht kantigen, tutti-Akkorden, anmutigen Melismen, zugleich verspielter und bedrohlicher Stellungnahme zum kommenden Drama, wie der Maestro das in der Ouvertüre zu Gehör bringt, lässt alle Erwartungen aufs Höchste steigen. Um nur ein paar Besonderheiten herauszugreifen: Man hört keine Arien um ihrer selbst willen, alles Gesungene hat einen fesselnden Inhalt. Alles ist voll Kraft und Schönheit, auch in pianissimo-Phrasen. Die schicksalhaften Chor- und Instrumentalklänge, die aus einer anderen Welt zu tönen scheinen, und ja auch definitiv den allmächtigen Göttern zugewiesen werden, machen uns erbeben, enthalten aber auch jene Ästhetik , die Hoffnung auf einen guten Ausgang  in Aussicht stellt. Wenn man sich nur ein Beispiel vornimmt, wie Levine die Schlusstakte einer Arie formt: etwa in Idamantes1. Arie „Non ho colpa..,,“Die Sängerin hat ihr Teil beendet („..E non chiedoaltramercè“,  es folgt ein sanfter Akkord fürs erleichernde Ausatmen und dann der feste, klare Schlusspunkt. DiesesMitatmen, Mitfühlen, Mitleiden und Mitfreuen wird einem den ganzen Abend hindurch ermöglicht. Die Sänger können gar nicht anders als gut sein. Alle leben ihre jeweiligen Emotionen, Ängste, Hoffnungen und Freuden, Schicksale voll aus – und wir mit ihnen. Herrlich. Stunden verfliegen wie Minuten…

In einem kurzen Pausenfüller sehen wir eine „Ariadne“-Probe mit Levine (mit Jessie Norman und Kathleen Battle), wo er die Sängerinnen fragt, wie sie das singen wollen. Er nimmt den Wunsch auf und versichert freudvoll: „I’llbewithyou!“

Das Orchester der Metropolitan Opera zerfranste sich, aber wie schön! Nichts schien schwierig zu sein. Damit war jene göttliche Heiterkeit gegeben, die möglicherweise die Basis aller Kunst ist. Auch wenn es sich um tragische Sujets handelt.

Dies alles wird aber auch erst dann in Perfektion möglich, wenn sich die Bühnenkünstler in ihren Kostümen undim szenischen Ambiente wohlfühlen. Ich würde fast sagen, das weiße, bodenlange, flatternde Kleid der Ilia mit den Engelsflügeln bei Hebung der Arme bestimmte den Charakter dieser jungen Frau.Die reizende junge Nadine Sierra, die anfangs mit etwas soubrettigem Sopranklang ihren Kummer vermittelte, erwies sich im weiteren Verlauf als sehr expressive Sängerin, die vokal, erscheinungsmä0ig und in ihrer würdigen Haltung von Anfang bis Ende eine – liebende – Königstochter darstellte, der man die Initiative zutraute, sich für den geliebten Idamate zur Tötung durch den Vater zu opfern.Ihre Liebesrivalin Elettra war in Gestalt von  Elza van den Heever keineswegs von Anfang an eine Furie. Ihr aparter Sopran, dem Lyrisches ebenso gut ansteht wie die hochdramatische Wutentladung nach Scheitern ihrer Zukunftspläne mit Idamante, vermochte viele unterschiedliche Empfindungen mit überdies prägnanter Diktion glaubhaft zu machen. Repräsentative Gewänder halfen ihr, Haltung zu bewahren. Da Alice Coote ohnedies etwa kompakter gebaut ist, nahm man ihm im Rokokogewand die Figur des Idamente relativ leicht ab. Mit vollem, stabilem und beweglichem Mezzo konnte sie alle Emotionen, die den Sohn des Idomeneo bewegen, glaubhaft zum Ausdruck bringen.                                                                                         

Als König von Kreta machte Matthew Polenzani nicht nur gute, würdige Figur, sondern spielte den konfliktbeladenen Vater auch höchst überzeugend. Sein strahkräftiger und flexibler Mozart-Tenor auf sicherer Mittellage-Basis passte in jeder Hinsicht zur Rolle.

Sein getreuer Berater und Helfer Arbace war bei Alan Opie in guter Obhut. Und Moderator Eric Owens mit seinem voluminösen Bass war zuletzt die eindrucksvolle Stimme von oben, die der Königsfamilie Erlösug vom Fluch des Poseidon ermöglichte.

Dass sich das alles in würdigem szenischem Rahmen abspielte, vervollständigte den fesselnden Gesamteindruck. Vor der Kulisse einer felsigen Rückwand, die wohl eine Burg mit einem Riesentor darstellen sollte, das dem Maul eines Ungeheuers gleicht, traf sich das Volk (dem MET-Chor ein Sonderlob!) in banger Erwartung, im Schrecken vor dem Meeresdämon und zuletzt als vom Fluch befreiteAnhängerschaft des jugendlichen Thronfolgers mit seiner endlich erworbenen Braut, einer Verbindung, die die alte Feindschaft zwischen Griechen und Trojanern – bis auf weiteres – beendet.  Was sich auf dem Treppen rund mit mehrfachen Zwischenebenen im Lauf der Handlung abspielt, ist durchwegs wohl durchdacht, ermöglicht den Sägnerdarstellern eine volle Identifiktation mit den darzustellenden Figuren und – was wohl das Wesentlichste ist: Mozart’sche Ästhetik, wie sie von der Musik ausstrahlt, ist auch optisch jederzeit gegeben.

Wer solche Bühnenereignisse als altmodisch abtun zu müssen glaubt, dem ist nicht zu helfen. Er kann einem nur leidtun. Jean-Pierre Ponnelle, dem großen Musikkenner,  kann man nur posthum noch danken. James Levine ist zu wünschen, dass er seine Arbeit noch viele Jahre weiterführen kann. Auf alle Fälle waren bei diesem „Idomeneo“ die „Götter“ unter uns.

Sieglinde Pfabigan

 

 

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