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NEW YORK/ Die Met im Kino/ Wien Cineplexx: LULU

24.11.2015 | Allgemein, Oper

21.11. 2015 – Met im Kino: „LULU“. Cineplexx “Village Cinema“ Wien-Mitte, Landstraße

Marlis Petersen nimmt nun an der Met Abschied von einer zentralen Partie ihres Repertoires

 In ihrer Leib-Rolle als „Urgestalt des Weibes“, ist Marlies Petersens „Lulu“, absolut konkurrenz- los, war immer eine „sichere Bank“ bei Intendanten, wie für ein an der Moderne interessiertes Opern-Publikum! Betrachtet man die Chronologie der Ereignisse ihrer verschiedenen Produktionen, war das allein schon von der Anzahl wert für einen Eintrag ins „Guiness-Book Of The Records“: Erste Auftritte und Erfolge in der Rolle hatte sie in Kassel und Düsseldorf. 2002 kam spektakulär dazu die fabelhaft konzise Willy-Decker-Inszenierung in der Zirkus-Arena, in der Marlies Petersen in Wien mit „Lulu“ debutierte. 2003 erregte sie Aufmerksamkeit in der Konwitschny-Inszenierung in Nürnberg, im selben Jahr kam auch Hamburg dran. 2008 erfolgte der erste Grosse Sprung über den Grossen Teich an die Lyric Opera Chikago in dieser herausfordernden Rolle. 2010 sah sie erstmals das Met-Publikum (noch in einer John-Dexter-Inszenierung aus 1977). Relativ spät, erst heuer im Juni, hat auch München ihre Lulu erlebt, als „border-linerin“ unter Kirill Petrenko…

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„Lulu“ Marlis Petersen. Foto: Cineplexx

Die neueste Met-Neuproduktion ist Petersens aktuelle Lulu-Produktion Nr. 9. Da ist sie das „schöne Tier“, wie es der Tierbändiger im Prolog ankündigt, anscheinend alterslos in der Erscheinung, im Spiel und vor allem in der Mühelosigkeit, wie sie ausdrucksmässig und stimmlich mit der Riesen-Partie umgeht. Für manche Sängerinnen, wurde die Rolle eher zur Eintagsfliege, besonders für die zarten, Lolita-haften Kindfrauen, wie Christine Schäfer (Salzburger Festspiele 1995) oder Patricia Petibon (Salzburg 2010), ebenso Moijca Erdman (Staatsoper Berlin 2012, Inszenierung Andrea Breth). Moijca Erdman war zwar noch Premierenbesetzung in der aktuellen nachstehend besprochenen Amsterdamer Ko-Produktion, wurde aber schliesslich durch Marlies Petersen abgelöst.

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Franz Grundheber (Schigolch), Marlis Petersen (Lulu)

Eben diese besagte Koproduktion dreier Häuser, des Het Muziektheater – der Oper Amsterdam, gemeinsam mit der New Yorker Met sowie der English National Opera war der Gegenstand der 4- stündigen Übertragung ins lokale Wiener Met-Kino. Der aus Südafrika gebürtige Grafiker William Kentridge hatte die sogenannte „Inszenierung“ übernommen. (Wir erinnern uns 2014 an seine ebenso gezeichnete also „hingetuschte“ Bebilderungs-Manier von Schuberts „Winterreise“- gesungen von Mathias Goerne, am Klavier Markus Hinterhäuser – anlässlich der Wiener Festwochen im Museums-Quartier).

Im Grunde hat Grafiker Kentridge als neu hinzu gekommener Inszenator an der Met das „Berufsbild Bühnenbildner“ einfach mit (s)einem Zeichenstrich weggefegt! Da läuft nebeneinander her eine Installation mit „Bildern einer Ausstellung“ und daneben ein Musiktheater! Darum bedarf es eines Co-Regisseurs Luc de Wit, der für den theatralischen Ablauf verantwortlich ist. Überfallsartig wie ein Tsunami, wird ununterbrochen ungewöhnlich bebildert im Stil der 20er- und 30-Jahre und solches ist auf Dauer ein ermüdendes „Augenpulver“. („Es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut!“). Was da etwa noch nach Material einer konventionellen Ausstattung ausschaut wird und  i s t  nebensächlich! Beherrschende Bühnenbild-Dominante ist die raumfüllende Pin-Wand, so gut wie über die ganzen Bühnenbreite der Met reichend. In solcher wird die Szenerie beherrscht als Fläche von dauernd projezierten Zeichnungen auf A4-Zetteln, die wie in Schnellzeichner-Manier hingefetzt, pausenlos Bilder, Sentenzen, Schriftzeichen gebiert! Immer wieder fährt scheinbar, ein mehr oder weniger heftiger Luftzug über diese Pin-Wand, reisst Blätter von der Fläche, wirbelt sie fort und neues Papier-Leben entsteht auf der Fläche der Tiefe….(durchaus zu bewundern, die reibungslose technische Durchführung des komplizierten Timing der Projektionen durch Catherine Meyburgh. Für das Licht verantwortlich: Urs Schönebaum).  

Einzig Treppen, Podeste oder kleinere Meublagen, Sitzgelegenheiten oder Versatzstücke, wie ein großer Konzert-Flügel – bewohnt von einer sich oft darin räkelnden stummen Frauenfigur – gehen dabei immer noch zurecht auf das Konto von Bühnenbildnerin Sabine Theunissen. So auch das Bankerl, auf dem ursprünglich Doktor Schön (Johan Reuter) von Lulu erschossen wurde. Allerdings stimmt ausgerechnet diese nämliche damalige Sitzgelegenheit nicht, eine ganz andere steht da, wenn Lulu in ihrer leidenschaftlichen Liebes-Szene mit Alwa , dem Sohn von Doktor Schön (Daniel Brenna) naiv die berühmten zynischen Worte flüstert „…ist das noch der Diwan, auf dem sich dein Vater verblutet hat?“ Vater und Sohn sind vollstimmige Rollenvertreter, stehen schauspielerisch ihren Mann, der Sohnemann im Gegensatz zum eleganten Vater, wirkt etwas teddybärenhaft. Sämtliche Kostüme (Greta Goiris) sind aus der grellen Farbpalette der Bauhaus-Zeit, Doktor Schön besonders hervorleuchtend in chromgrünen Heuschrecken-Ton seines Anzugs. Lulu zeigt ihre fabelhafte Figur in abstraktem schwarz-weiss mit sehr viel Bein, wie weiland Marlene Dietrich als Blauer Engel – ehe Lulu im Finale fatale das Opfer der Männerwelt wird…Die bedauernswerte Geschwitz von Susan Graham trägt ihr verordnetes Liebesleid durch die angebetene Lulu mit Emphase und Würde, eingekleidet ist sie bei sämtlichen Auftritten und allen Gelegenheiten („wie ein Hund nur eine Haut trägt“) in ein hochmodische Grässlichkeit in beige-braunem-Karo, bis sie durch „Jack the Ripper“ verröchelt (Johan Reutter in Doppelrolle).

Doppelt beschäftigt war der Maler (Paul Groves, ebenso als Neger). Interessant Baßbariton Martin Winkler, als grelle Type von Tierbändiger sowie als Athlet. Wer seinen mäandernden Weg in der Opernwelt verfolgt hat, erinnert sich an ihn, aus der Wiener off-opera-Szene, an seinen Freischütz-Kasper in Klagenfurt, an Alberich in Bayreuth, Mama Agata an der Volksoper und jetzt an der Met als „Beherrscher der Schlange – Lulu“.

Die nun überall gespielte integrale Fassung, inklusive des von Friedrich Cerha komplettierten 3. Aktes mit der Abendgesellschaft von Schiebern und Glücksrittern, die sich vornehmlich über „Jungfrau“-Aktienspekulationen unterhält, ist musikdramatisch ein Durchsacken in ihrer Stringenz. Cerha hatte vielleicht bei der Bearbeitung der Hinterlassenschaft des Torsos zu viel Respekt zum teilweisem Weglassen….

Die schillerndste Männer-Figur in Wedekinds Schauspiel, ebenso wie in Alban Bergs Oper, ist Schigolch.,. Der (un)würdige Alte, Franz Grundheber, traf in Wien 2002, damals in der Willy-Decker-Inszenierung, zum erstenmal auf seine „Lulu“ Marlies Petersen. Grundheber ist gleich ikonisch für zwei großartige Berg-Interpretationen, noch bis 2000 sang er den Wozzeck.  

James Levine, der ursprünglich für die Produktion vorgesehene Dirigent, hatte sich schon im Februar zurückgezogen vom „Lulu“-Dirigat. Einst hörte ich an der Met vom Principal Conductor and Music Director einen phänomenal dirigierten „Wozzeck“, da war Alban Berg ganz in „Mahler-Nähe“ und das Met-Orchester offerierte so etwas wie Wiener Klang! Lothar Koenigs am Pult statt Levine, kann „
Jimmy“ nicht ersetzen, setzt aber als Kapellmeister Kraft, Spannung und Routine ein. Das luzide Klangbild eines Orchesters kommt natürlich, selbst im Kino in HD auf der Riesen-Filmleinwand, von wo auch immer übertragen, nicht so rüber, wie man es womöglich im Ohr hat…Also auf in die Opernhäuser! – „Der Ruf erschalle!“ – er findet jedoch in Wien seit über einem Jahrzehnt für „Lulu“ (ebenso für Wozzeck) kein Gehör….leider!  

Norbert A. Weinberger

                                                                                                                                                                                

 

 

 

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