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NEW YORK / Die Met im Kino: SAMSON ET DALILA

21.10.2018 | KRITIKEN, Oper

NEW YORK / Die Met im Kino:
SAMSON ET DALILA von Camille Saint-Saens
20.
Oktober 2018

Man hat es als Opernfreund nicht leicht. Da hatten wir in Wien vor einem knappen halben Jahr eine schwachsinnige Badewannen-Inszenierung von „Samson et Dalila“ an der Wiener Staatsoper, die ein Verbrechen gegen das Werk war, weil man nichts von der Handlung verstehen konnte, ein Verbrechen auch gegen die Sänger der Titelrollen, die überhaupt keine Möglichkeiten bekamen, sich zu entfalten, so dass sie auf der Stelle in diesen Rollen vergessen waren… in den Orkus, so wie das Ärgernis dieser Produktion.

Nun liefert die Metropolitan Opera, die immer noch vor allem von reichen Herrschaften mit konservativem Geschmack gesponsert wird, eine „klassische“ Aufführung des Werks, wo die Geschichte aus der Bibel in einer Welt der Bibel spielt (das Bühnenbild schön auf alt stilisiert, die Kostüme über die Maßen üppig) – kurz, ein Hollywood-Bibelschinken, wie er im Buch steht, wo die Hauptdarsteller (dieselben wie in Wien) allerdings aufblühten. Nun, ein Großteil der amerikanischen Presse fand das nicht so gut. Das Publikum allerdings, das kam auch via Kinoübertragung zweifelsfrei heraus, jubelte sich die Seele aus dem Leib.

Und was macht der Opernfreund zwischen Scylla und Charybdis? Der möchte am liebsten gar nicht mehr über Inszenierungen nachdenken. Aber zurück zur CD im stillen Kämmerchen – das wäre es ja auch nicht. Also widme man sich den Hauptdarstellern, die in New York wenigstens zum Format ihrer Rollen hoch wachsen konnten.

Das gilt vor allem für die Delila der Elina Garanca. Die Kostümbildnerin Linda Cho hat ihr den ganzen Prunk des Orients umgehängt, die rostroten Haare wirken eindeutig sexier als das coole originale Garanca-Blond, und wenn auch weder die Stimme wirklich üppig fließt noch ihre darstellerischen Künste eine genuine Verführerin beinhalten, so ist doch vieles an dieser Dalila bemerkenswert. Die Stimme ist nun wirklich dünkler, trägt in der Tiefe, „kann“ aber die geforderte Höhe samt Glanz oder Piano, was eben benötigt wird. Das ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten prächtig gesungen und höchst intensiv gespielt. Vor allem im großen Duett mit Alagna spielt sich ein Kampf der Persönlichkeiten zwischen Anziehung und Ablehnung statt, der ungemein spannend und packend ist.

Roberto Alagna liegt der Samson sehr gut in der Kehle, er hat die Technik dafür, die Kraft und auch die hohen Töne (nur das vierte „Je t’aime“ im Duett mit Dalila geriet schief). Er ist auch, wie man aus vielen Rollen weiß, ein engagierter Darsteller, der hier den naiven Helden ebenso trifft wie den zerrissenen Liebhaber und am Ende den doch nicht zerbrochenen Mann in seinem Gottvertrauen. Und in dieser Inszenierung geht auch, weil Gott ihm schließlich die Kraft verleiht, ein heidnischer Tempel in Feuer auf – so ähnlich steht es schließlich im Stück… Und macht auch einen prachtvollen Schlußeffekt. Warum nicht?

Laurent Naouri gab im Pausengespräch mit Susan Graham an, dass es das Wesen seiner „bösen“ Rolle sei, einfach loszuschreien, und das tat er auch, allerdings mit ziemlich flacher, trockener Stimme. Abimélech war Elchin Azizov, ein alter Hebräer mit wohltuendem Baß Dmitir Belosselskiy.

Früher hätte wohl James Levine einen solchen Abend dirigiert, nun holte man den Briten Mark Elder, der Sänger, den prächtigen Chor und das Orchester zusammen hielt und über weite Strecken die enorme Intensität der Partitur erreichte. Neben der großen Dalila-Arie ist die Ballettmusik im dritten Akt wohl das bekannteste Stück des Werks: Da beglückte Choreograph Austin McComick das Publikum noch mit einer schön-heidnischen Orgie. Die Zufriedenheit im Zuschauerraum war enorm.

Wieder muss man erwähnen, wie glänzend die Met ihre Übertragungen gestaltet. Zwar gibt es Gastgeberinnen, die weniger stereotyp in ihrer Begeisterung sind wie Susan Graham, aber die Interpreten haben gelernt, sich in den Pausen-Interviews gut und witzig zu verkaufen („Diamonds are a girl’s best friend“, scherzte die Garanca angesichts des Schmucks, der an ihrem Busen klimperte, und fand: „Wann hat man denn sonst schon Gelegenheit, solche Kostüme zu tragen?“). Man denkt auch an die Zukunft – nächste Woche ist die „Fanciulla del West“ an der Reihe, die sich vielleicht nicht ganz so gut verkaufen wird wie „Samson“ (auch im Kino gab es „Suche Karte“-Interessenten), also ließ man einen lockeren Jonas Kaufmann für sich und das Werk werben. Und man ist auch sehr korrekt, erinnerte an die verstorbene Montserrat Caballé und zeigte aus einer Met-Konzert-Gala das „Andrea Chenier“-Schlußduett, von ihr makellos gesungen, an der Seite eines blutjungen José Carreras, der mit aller Kraft mithielt… Und in jenen Viertelstunden, wo nicht geplaudert wird, kann man, wenn man nicht das Weite sucht, einen wirklich informativen Blick hinter die Kulissen werfen: Diese Bühnenbilder umzubauen, ist wirklich eine Heidenarbeit…

Renate Wagner

 

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