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NEW YORK / Die Met im Kino: ROMÉO ET JULIETTE

22.01.2017 | KRITIKEN, Oper

Met Romeo Grigolo Damrau 2017 
Fotos: Met Opera

NEW YORK / Die Met im Kino: 
ROMÉO ET JULIETTE von Charles Gounod
21.
Jänner 2017

Oper kann mitreißend sein, aber ehrlich – wie oft ist sie es schon? Diesmal war sie es, selbst ohne den Live-Effekt. Gounods „Roméo et Juliette“ kam auf die Kinoleinwände der Welt, und wer ein bisschen „Feeling“ für das hat, was auf einer Bühne vorgeht, muss absolut fasziniert gewesen sein. Das lag an einem „Traumpaar“ – an der Chemie, dem Zusammenspiel, der ungeheuren Qualität von Diana Damrau und Vittorio Grigolo, die jede Sekunde miteinander agierten und das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur (und eines der berühmtesten der Oper) zu schier unglaublichem Leben erweckten.

Die Met verfügt – wie nicht immer, aber meist – über eine stockkonservative Inszenierung, in der alles Vorgesehene ohne Umschweife stattfindet: Das Bühnenbild von Michael Yeargan ist ein italienisches Stadtambiente, in das man einzelne Interieurs (von der Kirche bis zur Gruft) hineinstellt, die Kostüme von Catherine Zuber sind, wie sie auch im Pausengespräch mit Ailyn Pérez, der „Hostess“ der Veranstaltung, erzählte, von Fellinis „Casanova“-Film inspiriert. Sie leisten für die Sänger etwas ganz Wichtiges: Sie lassen sie gut aussehen. Und in diesem Rahmen hat Regisseur Bartlett Sher alles mit Ausnahmen der Fechtszenen unauffällig gehalten, um sich auf das zu konzentrieren, was den Abend so explosiv machte: seine Hauptdarsteller.

Da ist Diana Damrau, eingestandene 45 Jahre alt, die in die Rolle der jugendlichen Julia geradezu hineinspringt, ohne sich je eine Sekunde lächerlich zu machen. Ihre Stimme war immer großartig, aber für eine außerordentliche Schauspielerin hat man sie nie gehalten. Hier war sie es, hat das „Falling in Love“ mit solcher Leidenschaft, hat die Verzweiflung, die Angst vor dem Tod, schließlich den Selbstmord, um mit dem Geliebten zu sterben, mit einer differenzierten Intensität gestaltet, die man auf den Großaufnahmen der Riesenleinwand im Detail bewundern konnte…

Ihre Stimme ist phantastisch, ein Strahle-Sopran mit herrlichen Höhen, ungeheurer Intensität, technischer Meisterschaft, die immer da ist, auch wenn sie nicht ausgestellt wird. Das muss man erlebt haben. (Und werden wir nicht so schnell live erleben, denn in dieser Saison ist Diana Damrau in der Staatsoper nicht vorgesehen…)

Ihr Romeo war mit Vittorio Grigolo ideal besetzt. Seltsam, dass der heuer 40jährige Tenor, der auf dem Höhepunkt seines Könnens ist, in Wien – bei allerdings erst zweimaligem Auftreten an der Staatsoper – beim Publikum und offenbar auch bei der Direktion nicht so richtig reüssiert hat, denn an der Met ist seine Wirkung (das war auch schon beim Hoffmann so) phänomenal. Sein Einsatz für die Rolle ist ein totaler, auch körperlich (sein Klettern auf Balkone und Säulen macht ihm vermutlich kaum ein Kollege nach), seine Darstellung von unglaublicher Intensität, seine Stimme tenoral perfekt mit strahlenden Höhen, prächtigen Legati, problemlos in getragenen Piani – alles da.

Und außerdem sieht er hervorragend aus. Er verdiente es, neben die „weltbesten Tenöre“ Kaufmann und Florez gestellt zu werden. Wenn die sich zu neuen „Drei Tenören“ zusammen fänden – ja, das wäre der reinste Schönheitswettbewerb…

Dass die Met auch mit Wasser kocht, sah man an der Besetzung der Nebenrollen – einzig Mikhail Petrenko als Frère Laurent und Elliot Madore als Mercutio reüssierten einigermaßen (Letzterer zumindest mit verwegenem Aussehen und beeindruckenden Fechtkünsten), der Rest war Schweigen, was dann bei Rollen wie Stéphano schon bedauerlich ist.

Dafür ließ die musikalische Leitung unter Gianandrea Noseda kaum zu wünschen übrig, ein Italiener, der auch die Franzosen fest im Griff hat, mitreißend gleichermaßen mit der Lyrik wie der Dramatik von Gounods Partitur verfahrend. Als kurz vor dem Ende technische Störungen auftraten, die Übertragung ruckte, zuckte, sekundenlang ausfiel (was das Publikum ohne Randalieren hinnahm!), war man zwar erschrocken, aber das herrliche Finale klappte wieder. Beim Schlußapplaus trug Grigolo (er muss wirklich ein starker Mann sein) die Damrau noch in den Armen… Blumen, Jubel, Opernglück.

So, und nun an der Staatsoper der Live-Vergleich mit Florez und Garifullina. Die Met hat die Latte sehr hoch gelegt.

Renate Wagner

 

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