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NEW YORK / Die Met im Kino: LE NOZZE DI FIGARO

19.10.2014 | Oper

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NEW YORK / Die Met im Kino: 
LE NOZZE DI FIGARO von Wolfgang Amadeus Mozart
18. Oktober 2014

Auch wenn die „Met“ als Kinoevent ihren Netrebko-Macbeth vorgezogen hat, so war doch diese „Nozze di Figaro“ in der Stabführung von James Levine und in der Neuinszenierung des vielseitigen Briten Richard Eyre (genau jener, dessen „Mary Poppins“-Umsetzung jetzt auch in Wien läuft), der Saisonauftakt des Hauses. Und wenn man trotz einiger Einwände doch eine im großen und ganzen sehr guten Besetzung konstatieren kann, es ist letztendlich Eyres Inszenierung, die vordringlich fesselt.

Aber man muss aus Gründen des  Anstands unbedingt mit James Levine beginnen, der der „Met“, dem Haus seines Lebens, nach schwerer Krankheit wiedergegeben ist (wenn auch offenbar körperlich, aber nicht geistig und in seiner Arbeit behindert). Es war sein 75. „Figaro“ an der Met, den er an diesem Abend, der in die Kinos der Welt ging, dirigierte, und es war seine 2498. Vorstellung an diesem Haus. 2500 wird er dann, so Gott will, mit den „Meistersingern“ erreichen.

Levine war immer ein sehr guter Mozart-Dirigent, weil er das innere Drängen dieser Musik spürt, nachvollzieht und sie keine Sekunde durchhängen lässt, auch nicht in der ausführlichst gesponnenen Lyrik der Frauenarien. Und er ist ein vorzüglicher Sängerbegleiter, abgesehen davon, dass man hörte, wovon in den üblichen Pausengesprächen berichtet wurde: Wie unermüdlich er an der Exaktheit der Ensembles arbeitet, die tatsächlich in ihrer Präzision stupend waren. Kurz, das atmet sich durch einen dreidreiviertelstündigen Abend ohne Ermüdungserscheinungen.

Man versucht in New York immer mit großen Namen zu besetzen, aber gerade an diesem Abend zeigte sich, dass man Sänger nicht dazu bringen soll, länger an Rollen festzuhalten, als für sie gut ist. Ildar Abdrazakov hat sich, vom Mariinsky in die Welt gehend, in die allererste Reihe der großen Bässe gesungen, vom russischen Fach ins italienische und französische, und lässt auch bei Mozart einen der schönst timbrierten Bassbaritone hören. Dass er, der ein Don Giovanni ist, im „Figaro“ noch immer am Diener festhält, statt endlich auf den Grafen umzusteigen, ist unbegreiflich. Erstens fehlt der wunderbar strömenden Stimme der harte Kern, der den rebellischen Diener auch akustisch „scharf“ machte, und zweitens fängt er an (trotz seiner erst 38 Jahre), sich zu einer „mächtigen Erscheinung“ zu verbreitern, was der nötigen Wendigkeit der Figaro-Figur abträglich ist. Kurz, man erlebte den oft so faszinierenden Sänger hier mit mangelnder Überzeugungskraft, aber natürlich immer noch auf höchstem stimmlichem Niveau.

Noch seltsamer mutete die Besetzung der Susanna mit der bei uns wohl bekannten und hoch geschätzten Marlis Petersen an. Sie ist eine Lulu, eine Reimann-Medea, eine exzessive Elettra oder Violetta – aber für die Susanna fehlt ihr fast alles, abgesehen davon, dass sie für die Rolle schlicht und einfach zu alt wirkt. Sie könnte eine leicht verbissene Gräfin abgeben, für die immer pfiffige Intrigantin fehlt es ihr an Leichtigkeit und glaubhafter Ausstrahlung, auch wenn sie in dieser Aufführung nicht ganz so trocken wirkte wie in der Guth-Inszenierung 2011 in Salzburg. Erstaunlich immerhin, wie sie ihren Sopran auf die Susanna-Lyrik hin bändigte. Trotzdem wirkte all dies für einen Wiener Besucher, der sie kennt und schätzt, wie ein Gewaltakt.

Figaro Met Susanna Graf

Besser ging es mit dem Grafenpaar, denn der Schwede Peter Mattei, der an der Staatsoper gleicherweise als Giovanni und Onegin beeindruckt hat, ist ein glänzender Graf, ganz der miese Charakter, dabei einer, der weder seiner Rolle noch seinen Gelüsten wirklich gewachsen ist. Stark gespielt und kraftvoll, teils absichtlich brutal, immer überzeugend gesungen.

Nennen wir gleich die neben ihm gelungenste weibliche Leistung des Abends, die nicht von der Gräfin, sondern von Cherubino kam: Lange, lange, lange hat man keine Interpretin erlebt, die als dieser freche „Bub“ ähnlichen Zauber ausstrahlt wie Isabel Leonard (was sicher auch einer bis in die kleinste Geste durchgearbeitete Personenregie zu danken ist). Da verbinden sich pubertäre Nöte mit überzeugender Entschlossenheit, keinen Weiberrock ungeschoren zu lassen – ein Kabinettstück. Schade, dass ihre schön geführte Stimme im Timbre einfach zu hell ist, um den vollen, satten Cherubino-Klang zu erzeugen. Sie wird dennoch als eine der reizvollsten Interpretinnen der Rolle in Erinnerung bleiben.

Als Gräfin sprang die amerikanische Sopranistin Amanda Majeski, ursprünglich Zweitbesetzung, für Marina Poplavskaya ein, die aus nicht wirklich klar gewordenen Gründen aus der Premiere ausstieg. Amanda Majeski, blond und wirklich jung (viel jünger als ihr Kammermädchen…), in Europa zwischen Frankfurt, Dresden und Zürich bekannt, debutierte an der Met und erntete freundlichen Erfolg: Sie singt die Gräfin mit leicht scharfer Stimme, aber technisch ausgefeilt, und dass man bei beiden Arien am Beginn das Zittern mithört… mein Gott, sie sind ja auch so schwer!

In den Nebenrollen sah es nicht sehr glanzvoll aus, manches wirkte wie ein Gnadenakt, dass man den einen oder anderen noch auf die Bühne lässt, aber ein Lichtblick strahlte hell: Er hieß Ying Fang, sieht nicht nur entzückend aus, sondern lässt auch ein solches Zauberstimmchen hören, dass man sich nicht erinnert, seit langem eine so nachdrückliche, präsente Barbarina gehört zu haben (die in dieser Aufführung auch mit Cherubino das Duett der Bauernmädchen vor der Gräfin im dritten Akt übernimmt).

Alles in allem eine gut gesungene, wenn auch nicht in allen Details optimal besetzte Aufführung, die letztendlich vor allem durch ihre Inszenierung fesselte. Richard Eyre und sein Ausstatter Rob Howell haben das Werk in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts verlegt, was eine neue, aber nicht störende Ästhetik bringt und einigen optischen Witz hat (wohl am meisten in der Stubenmädchen-Gewandung der Susanna wie aus einem frühen Film). Am meisten profitiert die Gräfin von den schönen Kostümen, am wenigsten Figaro, wenn man ihn in einen zu engen Anzug steckt…

Rob Howell hat eine reich strukturierte „Figaro“-Welt auf die Drehbühne gestellt, einen hohen Riesenbau, wo Figaros Kämmerchen und das Schlafzimmer der Gräfin, ein Empfangssaal und der Garten in einander übergehen und sich die Handlung locker bewegen lässt. Da kann es schon bei der Ouvertüre allerlei Aktivitäten geben, etwa der Graf, der im Schlafrock aus einem Zimmer kommt, aus dem eben ein derangiertes Stubenmädchen schlüpft, während die Gräfin einsam in ihrem Bett liegt, das Personal herumräumt und Figaro sein Bett ausmisst. Man erinnert sich an keine andere Inszenierung, wo er tatsächlich geschickt genug ist, es im Lauf des ersten Aktes auch aufzustellen…

Wenn Richard Eyre die Handlung so unermüdlich „fließen“ lässt, wie Levine die Musik am Laufen hält, so tut er es nicht, um ein besonderes Konzept zu realisieren: Dass der Graf nicht nur durch Cherubino geärgert, sondern auch sonst in Frage gestellt wird, merkt und spürt man, aber Revolution ist keine angesagt, Figaro benimmt sich nicht heftig-aggressiv, sondern erledigt eher gutmütig das Anfallende. Die Frauen haben ihre Mühe mit den Männern, alle Reaktionen aller stimmen, jeder weiß, was er tut – das sind die von den Briten gepflegten sehr gut gemachten Aufführungen, die nicht darauf angelegt sind, zu verstören, sondern im Sinne ihres Erfinders so zu „stimmen“, dass sie uns aus ihrer Psychologie, Komik und sozialen Konstellation noch interessieren.

Und am Ende bietet der Regisseur, was lange schon keiner gewagt hat: ein reines, schönes, nicht angezweifeltes Happy End. Da gibt sich die Gräfin einen Ruck und stürzt ihrem miesen, aber doch echt reuigen Gatten in die Arme, weil sie ihn doch so liebt, Figaro und Susanne können das Umarmen gar nicht sein lassen, Cherubino fügt sich in Barbarina (ganz so glücklich schien er ja zuerst nicht über die Vereinnahmung durch die junge Dame), der Graf nimmt den Buben sogar in die Arme und schüttelt mit Figaro versöhnlich die Hand – die Musik sagt es doch, dass ausnahmsweise einmal alle glücklich sind. Im Moment haben sie ihre Probleme bereinigt durch das große Wunder Oper und das große Wunder Mozart. Ein Wunder, das wir in Wien schon lange nicht erlebt haben.

Renate Wagner

 

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