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NEW YORK / Die Met im Kino: IL BARBIERE DI SIVIGLIA

23.11.2014 | Oper

Met Figaro Leonard Szene xx 
Fotos: Metropolitan Opera

NEW YORK / Metropolitan Opera / Die Met im Kino – live: 
IL BARBIERE DI SIVIGLIA  von Gioachino Rossini
22. November 2014  

Wer in der Wiener Staatsoper schon zahlreiche mittelmäßg besetzte „Barbiere“ abgesessen hat, weiß, dass das ein gefährliches Stück ist, dass dieses Juwel einer Rossini-Buffa  mühsam und sogar langweilig ausfallen kann. Der Metropolitan Opera ist das mit der Wiederaufnahme der Inszenierung von Bartlett Sher, die man nun im Kino miterleben konnte, glücklicherweise nicht passiert. Das ist eine intelligente, witzige Aufführung ohne Leerlauf, die mit erheblichem Theaterverstand vorgeht.

Die optische Lockerheit des Unternehmens wird durch das Bühnenbild von Michael Yeargan gewährleistet – im Prinzip handelt es sich um freistehende Türen, die nach Bedarf herum geschoben werden und eine Außenwand ebenso ergeben wie Zimmer, wozu es dann nur ein paar nötige Versatzstücke braucht – alles leicht zu bewegen, locker anzusehen und im Grunde immer witzig im Optischen. Die Kostüme von Catherine Zuber sind Barbier-klassisch (mitsamt dem Haarnetz für den Figaro), und in diesem Rahmen gewinnt der Regisseur alles aus der Interaktion der immer ungemein beteiligten, einfach „richtig“ agierenden Protagonisten, die keine „Interpretation“ abliefern, sondern das Werk in all seiner Komik.

Dazu kam noch eine Pointe, wohl aus einer Bemerkung von Dr. Bartolo bezogen, seine Dienerschaft bestünde aus lauter Toten – da ist die dazu erfundene Figur des uralten Dieners Ambrogio, und was Rob Besserer da als quasi angestaubter alter Stecken abliefert, stiehlt den Sängern manchmal tatsächlich die Show – wenn der arme Kerl nicht meist einschläft, wird er schrecklichem Slapstick- Gepurzel unterzogen, rollt über die Bühne, wird herumgeschleudert, rutscht aus, und das kommt so perfekt gemacht herüber, dass es einfach schreiend komisch ist. So ein brillantes Stück „Theater“ muss einem einmal einfallen…

Aber Bartlett Sher lebt bei der Wiederaufnahme auch von der Met-Besetzung, und da schießt Isabel Leonard den Vogel ab. Was sie als schlechtweg hinreißender Cherubin (neulich im Met-Figaro im Kino) versprochen hat, löst sie als Rosina mehr als ein. Abgesehen vom Stimmlichen – das ist ein schöner Mezzo mit angenehmer Tiefe, der auch in der Höhe noch den Glanz dunkler Färbung hat, eine bewegliche Stimme, die alles an Kunstfertigkeit bietet, die Rossini ihr abverlangt und die auch trällernd ihre Pointen setzt. Sie wäre als Sängerin allein perfekt, aber dazu kommt, dass diese bildhübsche 32jährige eine überaus begabte Komödiantin ist, die mit Temperament und Charme über die Bühne wirbelt, wie man es in dieser Intensität selten erlebt. Kurz, eine Traum-Rosina – in Wien wird sie die Rolle im Februar 2015 singen. Hoffentlich findet sie hier dieselbe Möglichkeit, sich zu entfalten.

Met Figaro Leonard Szene 2 xx

Der Brite Christopher Maltman ist vielleicht nicht für das Rossini-Fach geboren. Es ist ja überhaupt erstaunlich, was er – den wir in Janaceks „Totenhaus“ zuletzt gesehen haben – alles durch den Gemüsegarten singt, von Mozart über die großen Verdi-Rollen bis neuerdings Wotan, aber er gewinnt seiner Stimme genug Tempo und Lebendigkeit ab, um als Figaro das „Largo al factotum“ mit allem brillanten Nachdruck zu singen und seiner Figur dann (wenn sie ja im Grunde in der Struktur des Stücks weniger wichtig wird) immer den nötigen Nachdruck zu geben. Kurz, ein wirklich guter, starker, launiger Figaro.

Es hat nichts mit Rassismus zu tun, Lawrence Brownlee die Statur des Helden-Liebhabers abzusprechen, er ist einfach nur drollig, und er macht daraus eine Menge. Dazu kommt sein für Rossini – bei allem „harten“ Kern seiner Stimme – vorzüglich geeigneter, schöner, geschmeidiger Tenor. Die Riesenarie, die er kurz vor dem Finale singt, dürfte nicht überall gespielt werden, aber er ließ sie sich in aller Ausführlichkeit nicht nehmen. Wenn Tenöre nicht eitel sein dürfen, wer dann?

Was Maurizio Muraro für den Dr. Bartolo an Saft und Kraft der Stimme fehlt, macht er durch Persönlichkeit mehr als wett – der trickreiche, voluminöse Herr ist genau der aufgeplusterte Alte, der sein Mündel unbedingt heiraten will, wie man sich die Figur vorstellt, prächtig gespielt, wenn auch weniger prächtig gesungen.

Dass man von Paata Burchuladze (den wir sehr lange nicht mehr in Wien gehört haben – in unserer letzten „Chowanschtschina“ war er der Dossifei) mehr erwarten kann, als er an diesem Abend bot, weiß man – er muss eindeutig schwer verkühlt gewesen sein, sein Baß klang diesmal dumpf, stellenweise sogar beängstigend kratzig (nach der Pause war es etwas besser). Das schmälerte allerdings nur geringfügig, dass er schon von der Erscheinung her ein extrem witziger Don Basilio war.

Dass in der Met oft Leute auf die Bühne gelassen werden, die wirklich nicht mehr singen sollten, hat man auch letztlich beim „Figaro“ bemerkt, diesmal war es die Berta der Claudia Waite, die zwar sehr komisch war, aber mit der Arie die Ohren der Besucher wirklich quälte. Fiorillo (Yunpeng Wang) und der Offizier (Dennis Petersen) hielten sich da besser.

Aber es ist grober Undank, an einem Abend, bei dem man sich so gut unterhalten hat, Details zu bekritteln, wo das große Ganze doch so durchwegs erfreulich war – selbst wenn der Zugriff des Dirigenten Michele Mariotti sich eher kräftig als Rossini-elastisch anhörte.

Die New Yorker waren begeistert, und die Wiener Kinobesucher, die sich nicht vom „Mangel an Stars“ vom Besuch abhalten ließen, wohl auch. Aber im Kino wird ja nicht geklatscht…

Renate Wagner

 

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