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NEW YORK/ Die Met im Kino/ Erfurter Cine Star: EUGEN ONEGIN – eine verhängnisvolle Romanze

23.04.2017 | Oper

NEW YORK/ Erfurt/ Die Met im Kino / Erfurter CineStar / Samstag, 22.04.2017/
Eugen Onegin von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Eine verhängnisvolle Romanze


Peter Mattei. Foto: Met-Opera

Als die russische Sängerin E. A. Lawrowskaja im Mai 1877 Tschaikowski auf Puschkins Onegin-Stoff aufmerksam machte, da hielt er diese Idee für etwas absurd. Doch seine Meinung änderte sich schnell und er schrieb einige Szenen. Ein Glück für das Repertoire aller Opernhäuser. Die Geschichte folgt dem egoistischen Helden des Titels, Eugen Onegin und seinem Mangel an Gefühl für ein unschuldiges und naives junges Mädchen, namens Tatiana. Tatiana verliebt sich in ihn auf den ersten Blick und ist untröstlich, weil Onegin sagt, dass er ihre Gefühle nicht erwidern kann.

Die Metropolitan Oper macht mit der Deborah Warner Produktion gewiss kein experimentelles Regie-Theater. Vielmehr verlegt sie die Handlung in die Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts in Russland. Vor allem die Kostüme von Chloe Obolensky schaffen einen schönen Eindruck dieses Zeitkolorits. Sehr modern ist das nicht, dafür aber im Detail sehr authentisch. Vor allem die Kostümschnitte entsprechen echten Vorbildern, wie auch viele Kleinigkeiten der Bühnendeko. Die zahlreich versammelte russisch-sprachige Gemeinde im Erfurter CineStar weiß das zu schätzen und genießt die Bilder des Landlebens, aber auch den Petersburger Luxus. Der russische Kritiker Vissarion Grigoryevich Belinsky hat Puschkins Poeme auch als „Eine Enzyklopädie des russischen Lebens“ benannt. Historische Heimat in einer Live-Übertragung aus New York zu sehen, halten viele für eine segensreiche Möglichkeit der Globalisierung.

Das Bühnenbild von Tom Pye vermittelt einen passenden Rahmen. Vieles ist reduziert und unterstützt das Rollenspiel. Insgesamt wirkt der Bühnenraum im 1. und 2. Akt sehr beengt und gedrungen. In der Duell-Szene sieht man ausnahmsweise auf eine freie Fläche. Erst im 3. Akt kann man als Zuschauer auch eine Raumtiefe erleben.

Der erste Akt beginnt im Haus der Larins. Mutter und Amme lauschen dem Duett der Töchter Tatiana und Olga. Das Duett zu Beginn des 1. Aktes geht akustisch im Kinosaal unter. Es wird hinter der Dekoration gesungen und es klingt wie aus der Blechdose. Da hätte man übertragungstechnisch nachhelfen können, hat man aber nicht. Dieses wunderbare: „Слыхали ль вы за рощей глас ночной Певца любви, певца своей печали?…“ („Vernahmest du, als gleich der Nachtigall der Sänger nachts im Hain von Liebe klagte?…“) findet nicht die lyrische Entfaltung, die für dieses wunderschöne Duett nötig wäre. Sehr viel besser gelingt da Olgas Arie: „Уж как по мосту-мосточку, По калиновым досочкам…“ („Durch das Feld, da fliesst ein Bächlein, Übern Bach, da führt ein Steglein.“) Elena Maximova als Olga ersingt sich hier ihren ersten Publikumsapplaus. Alexey Dolgov als Lenski macht ihr den Hof mit einer noch etwas verspannt wirkenden Tenorstimme. Sein: „Как счастлив, как счастлив я!.. Я люблю Вас!..“ („Ja, ich lieb Sie, Olga, wild und heiß, …“) überzeugt nicht übermäßig. Allerdings vor dem Duell mit Onegin steigert sich Alexey Dolgov enorm. Wenn er seine Arie: „Куда, куда, Куда вы удалились, Весны моей златые дни?“ („Wohin, wohin seid ihr entschwunden, o Jugendzeit, o Liebesglück?“) beendet, dann brandet ihm auch der Applaus eines tiefbeeindruckten Publikums entgegen. Der schwedische Bariton Peter Mattei spielt einen Gentlemen-Onegin. Er wirkt gar nicht so orientierungslos, dafür aber sehr dandyhaft. Mattei spielt zwar den Gelangweilten, hat aber auch etwas Willensbetontes. Das wird sehr deutlich, wenn er zum Duell mit einem Gewehr auf Lenski anlegt und zielt, während dieser sein Gewehr noch nicht einmal im Anschlag hat. Zuvor entsteht noch einmal so etwas wie eine Möchtegern-Versöhnung mit Lenski, die dieser zurückweist. Es spielt sich aber nicht ein ungewolltes, zufälliges Töten ab, wie sonst bei einem Pistolenduell. Deswegen bleibt die Frage Onegins: „Tot?“ auch kaum nachvollziehbar. Peter Mattei sagt in einem Interview: „Dies ist ein Onegin, den ich noch nicht gemacht habe. In anderen Produktionen ist er schon viel weniger ein Gentleman. Er ist hier ein wenig dunkler, ein wenig freimütiger und vielleicht ein wenig grausamer. In anderen Produktionen gibt es viel mehr von einer physischen Veränderung vom ersten Akt bis zum letzten. Ich sah ganz anders aus. Aber hier, wenn man die Kostüme ansieht und wie ich gekleidet bin, da ist es fast das gleiche, wie am Tag eins. Aber sechs Jahre sind vergangen! Dahinter steckt: Du kannst gleich aussehen, aber in dir ist viel passiert.“

Diese innere Wandlung Onegins vollzieht sich dann auch im 3. Akt. Im Zwiegespräch mit Tatiana singt Peter Mattei die letzten Worte: „Позор… тоска…“ („О, жалкий жребий мой! Verschmäht, verstossen! O welch hartes Los!“) In dieses Finale Onegins packt er alle Emotionen des Verzweifelten und reißt die Zuhörer wirklich mit. Da fällt das Gefühllose vollkommen ab. In der Final-Szene brillieren Anna Netrebko und Peter Mattei.

Anna Netrebko steigert sich überhaupt von Akt zu Akt. In ihrer Rolle auf dem Lande übertreibt sie spielerisch. Sie gestikuliert extrem und in der Briefszene wurstelt sie mit den Zetteln herum und sendet dazu irre Blicke, die schon fast eine therapeutische Behandlung notwendig erscheinen lassen. In ihrem Petersburger Dasein dagegen übernimmt sie, sehr treffend gespielt, die Rolle einer Fürstin und die Rolle der Zurückblickenden liegt ihr besser. Ebenso steigert sie sich mit ihrer Stimme. Das Mädchenhafte will ihr nicht gelingen, das Bescheidene fällt ihr schwer. An der Seite Onegins singt sie in allen Tempi hervorragend. Ihr Volumen ist rund und beeindruckend. Das Publikum in New York und im Erfurter CineStar ist aus dem „Häuschen“. Ihr: „О! как мне тяжело!.. Онегин! Я тогда моложе…,“ („Ich stand in meinen Blütenjahren, ich liebte Sie mit junger Glut, doch ach, was musste ich erfahren?“) geht unter die Haut.

Stefan Kocan als Gremin verkörpert einen dunklen Bass mit vielen Facetten und obwohl er für die Rolle als Fürst zu jung erscheint, hat man viel Freude, wenn er singt: „Любви все возрасты покорны…“ („Ein jeder kennt die Lieb‘ auf Erden, ein jeder muss ihr Sklave werden: der Jugend ungebrochne Kraft, des reifen Alters Leidenschaft.“)

Sehr unterhaltsam zeigt sich auch Elena Zaremba als elegante Larina. Ihr Mezzosopran klingt fließend und mit schönem Volumen.

Robin Ticciati erweist sich als junger sympathischer Dirigent, der die Sänger ausgezeichnet begleiten kann. Auch die dramatischen Steigerungen setzt er überzeugend um. Die dramaturgischen Entwicklungen in allen Phasen wirkmächtig zu forcieren, daran kann er im Lauf seiner weiteren Karriere noch arbeiten. Im Pauseninterview mit Renée Fleming konnte man den Eindruck gewinnen, dass er sich viel vorgenommen hat, vielleicht zu viel.

Die Kinoübertragung war bis auf einen kleinen Bildfehler perfekt und die Atmosphäre im Erfurter CineStar ein schönes Erlebnis, für deutsche Fans russischer Oper ebenso wie für diejenigen, die alles auch sehr gut ohne Untertitel nachvollziehen konnten.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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