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NEUHAUS/Klausenbach/ Schloss Tabor: DER BARBIER VON SEVILLA

Szenisch leicht getrübte Koloraturenseligkeit im pannonischen Hügelland

12.08.2018 | Oper


Andreja Zidaric (Rosina), Gustavo Quaresma Ramos (Graf Almaviva). Copyright: Blüml.jpg

SCHLOSS TABOR/Neuhaus bei Jennersdorf: DER BARBIER VON SEVILLA

11.8.2018

Von Manfred A. Schmid

Szenisch leicht getrübte Koloraturenseligkeit im pannonischen Hügelland

In der malerischen Landschaft des Südburgenlandes findet seit bald zehn Jahren Anfang August auf Schloss Tabor ein Opernfestival statt, das sich bereits einen guten Ruf erarbeitet hat und mit Recht auf ein treues und begeisterungsfähiges Publikum zählen kann. Nicht nur deutsche Spielopern à la Zar und Zimmermann standen bisher auf dem Programm, sondern auch Kaliber wie Mozarts Die Hochzeit des Figaro oder Die Fledermaus von Johann Strauß. Letzten Sommer hat (Gründungs-)Intendant Dietmar Kerschbaum mit Bizets Carmen gezeigt, dass man auch besetzungsmäßig aufwändige Werke nicht zu scheuen braucht. Dabei war es stets eine Freude mitzuverfolgen, wie sich der Kinderchor von Jahr zu Jahr steigerte und – aufgrund mehrjähriger Bühnenerfahrung und Stimmausbildung einiger der rund 40 Kinder und Jugendlichen aus dem Bezirk – vollwertig mitwirkte und jedenfalls alles andere als eine Notlösung darstellte.

Dieses Mal kam der Kinderchor, wie vom Komponisten vorgesehen, stimmlich nicht zum Einsatz. Dennoch gab es in der Inszenierung von Gioacchino Rossinis Oper Der Barbier von Sevilla, die heuer auf dem Spielplan stand, auf der Bühne jede Menge herumtollender Kinder zu sehen, deren Funktion sich freilich nicht so ohne weiteres erschließen lassen wollte. Das gilt leider auch für die drei Tänzerinnen (Choreograhie Zaida Ballesteros Parejo), die sich vom Anfang bis zum Schluss immer wieder in die Handlung einmischen und mehr irritieren und verwirren, als zu einem besseren Verständnis des bunten Geschehens beizutragen. Schon die karge und düster wirkende Ausstattung der Einheitsbühne  von Thomas Kurz, dunkelblau bemalte Wände mit ein paar roten und gelben Einsprengseln, die den Blick auf das aparte Barockschloss verwehren, sich manchmal zu Türen öffnen oder umdrehen und auf der Kehrseite eine schmutzig graue Oberfläche zeigen, die eher als Kulisse für eine Wozzeck-Aufführung geeignet wäre als für eine luftig-leichte Rossini-Oper, macht stutzig und lässt den Verdacht aufkeimen, dass sich das Jennersdorfer Opernfestival, kurz Jopera genannt, nun dem gefürchteten Regietheater zugewendet haben könnte. Südländisches Flair kommt in dieser Inszenierung, für die Peter Pawlik verantwortlich zeichnet, daher kaum auf. Der Regisseur vertraut offenbar weder der Oper noch der einzigartigen „Location“, die er überhaupt nicht in das Bühnenbild einbezieht und so den besonderen Reiz des Spielortes nicht zu nützen versteht. Die Handlung, wegen der wenigen handelnden Personen im Regelfall eher überschaubar und leicht nachvollziehbar, gerät hier ins Unscharfe. Streckenweise, bei Rossini höchst verwunderlich, kommt sogar Langeweile auf. Und, es war in der vorletzten von insgesamt sieben Vorstellungen nicht zu übersehen, es gab diesmal mehr freie Plätze auf den Rängen als in den Vorjahren. Folge der Mundpropaganda frustrierter oder enttäuschter Besucher?   
Christa Ratzenböck (Bertha), Roman Astakov (Basilio). Copyright: Soswinski.jpg                                                                                               
Das – mit Ausnahme der Partie des Don Bartolo – sehr junge und internationale Ensemble, das sich mit spürbarem Feuereifer der Herausforderung stellt, einen ebenso kurzweiligen wie mitreißenden Opernabend zu gestalten, erweist sich als recht gut ausgewählt. Die Sängerinnen und Sänger wetteifern, im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten, geradezu mit darstellerischer Laune und stimmlicher Bravour. Denis Milo, aus Russland stammend, ist ein wendiger Bariton, der der Partie des Ränke schmiedenden Figaro mit Witz und Dreistigkeit auf die Bühne bringt. Da auf Deutsch gesungen wird,  verdient seine damit einher gehende Bewältigung der zungenbrecherischen Passagen höchsten Respekt. Das gilt freilich auch für alle anderen Beteiligten. Figaros eilfertige Dienste gerne in Anspruch nimmt der brasilianische Tenor Gustavo Quaresma Ramos als Graf Almaviva. Seine sympathische Stimme  ist allerdings wenig durchschlagskräftig. Am besten behauptet er sich in der Verkleidung als Notar. Da gebärdet er sich überaus quirlig und umwerfend komisch. Karrierechancen könnte man der jungen Slowenin Andreja Zidaric – hier als Rosina zu bewundern – zusprechen. Ihr heller, nuancierender Sopran bringt alles mit, was für das Belcanto charakteristisch ist. Italianitá pur. Und dazu eine unbändige und anmutige Spiellaune. Don Bartolo, der sich einbildet, ausgerechnet sein Mündel heiraten zu wollen, wird mit sicht- und hörbarer Freude von Michael Eder verkörpert. Man spürt in jedem Augenblick, dass hier ein bewährter, souveräner Sänger-Darsteller am Werk ist, der seiner Figur ein markantes komödiantisches Profil verleiht. Solide und mit Charme und Witz auch Roman Asthakov  als Basilio, Christa Ratzenböck in der Rolle als Bartolos Haushälterin Berta und Stefan Asthakov als Fiorello.


Michael Eder (Bartolo), Roman Asthakov (Basilio). Copyright: Blüml.jpg

Unglaublich jung an Jahren ist auch der musikalische Leiter der Aufführung, Emil Eliasson. Und das gilt auch für das Stamm-Orchester, das er dirigiert. Dieses trägt dieses Attribut sogar in seinem Namen, nennt sich Junge Philharmonie Brandenburg  und verrichtet – wie schon all die Jahre zuvor – gute Arbeit. Musikalisch passt hier vieles, etwas mehr Brillanz wäre hie und da wünschenswert gewesen.

So viele junge, talentierte und gut ausgebildete Kräfte, ihr Können und ihre Leidenschaft zu erleben, macht einfach Freude, auch wenn die inszenatorischen Gegebenheiten diesmal alles andere als ideal waren. Und es ist nicht ausgeschlossen, es wurde oben schon angedeutet, dass man dem einen oder der anderen demnächst schon in einem der „großen Häuser“ begegnen wird. In einem Interview meinte Intendant Dietmar Kerschbaum, man wolle zeigen, „dass man nicht nach Wien oder Graz zu fahren braucht, um ein Musik- und Gemeinschaftserlebnis internationaler Qualität zu genießen“. Wohl wahr. Umgekehrt aber lohnt es sich doch, aus Wien oder Graz oder sonst woher nach Schloss Tabor zur Jopera zu reisen. Der intime Rahmen (wenn man ihn richtig nützt!), die herrliche Umgebung und die Versammlung von mit brennendem Enthusiasmus und beträchtlichen Anlagen ans Werk gehenden Nachwuchskräfte ist ziemlich einzigartig und wird einen kaum enttäuschen. Wie wäre es mit nächstem Jahr im August? Da steht Flotows Martha auf dem Spielplan. Und wenn sich die Intendanz wieder auf die eigentlichen und unverwechselbaren Stärken und bewährten Vorzügen der Oper auf Schloss Tabor in Neuhaus am Klausenbach besinnt, dann steht einem begeisternden Opernerlebnis gewiss nichts im Wege!

Manfred A. Schmid

 

 

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