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NEUES von diversen Labels / Rez. Waltenberger

29.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

Ouvert OUVERTURES TO BACH: Matt Haimovitz – Cello, PENTATONE Oxingale Series CD – Ein gewagtes Experiment

 Ein Umtriebiger zwischen Barock und Moderne, so ist Matt Haimovitz Musikfreunden bereits bestens bekannt. Jetzt hat er mit dieser Leidenschaft einen veritablen Coup gelandet: Er spielt die Préludes der Suiten I-VI für Solo-Cello von Johann Sebastian Bach, BWV 1007-1012, und stellt ihnen jeweils eine eigens dafür von sechs verschiedenen zeitgenössischen Komponisten geschriebene Ouverture (ebenfalls für Cello solo) voran. Das Ergebnis ist auf jeden Fall spannend, schon weil es sich bei den angefragten Künstlern um solche Kaliber wie Philip Glass, Du Yun, Vijay Iyer, Roberto Sierra, David Stanford undLuna Pearl Woolf handelt, deren Stücke allesamt Weltpremieren auf CD darstellen. Matt Haimovitz, der Cellist mit dem großen schönen Ton, ist der ideale spiritus rector für dieses Vorhaben, kennt er doch seinen Bach ebenso gut wie die amerikanische zeitgenössische Literatur für Cello. Die doch gewagte These lautet so: „Minimal Music, Jazz-Improvisationen, außereuropäische Gesänge – kaum Begriffe, die man mit der Musik von J.S. Bach in Verbindung bringt. Wie aber hätte seine  Musik geklungen, hätte er diese gekannt? Wie beeinflusst umgekehrt das Schlüsselwerk der Cello-Literatur, Bachs Suiten für Violoncello solo, aktuelle Kompositionen für dieses Instrument?“

 Ich bin nicht der Ansicht, dass mit diesen Voran- bzw. Gegenüberstellungen eine Brücke vom Heute ins 18. Jahrhundert geschlagen werden kann. Das ist wohl gut gemeint formuliert, trifft aber nicht den Kern des Hörerlebnisses. Natürlich prallen da trotz aller (akademischer) Bezüge unversöhnlich Klangwelten aufeinander. Manchmal klingen die Einfälle und Improvisationen zu Bach wie willkürlich, haben aber sehr wohl Einfluss auf die Perspektive und die Apperzeption des jeweils Gehörten. Letztlich profitieren die neuen Kompositionen mehr von den Ruhepolen der Bach‘schen Suiten als umgekehrt. Sei es die Minimal Music-Legende Philip Glass, der sich der ersten Suite widmet, die Jazz-Koryphäe Vijay Iyer oder Haimovitz‘ Ehefrau Loona Pearl Woolf, die vielleicht den interessantesten Part zu der technisch anspruchsvollen sechsten Suite liefert, die Reflexionen und Deutungen des Interpreten sind es letztlich, die den Bezug zwischen den Werken herstellen. Haimovitz hat schon mit der Gesamtaufnahme der Cellosuiten bewiesen, dass er seinen Bach „drauf“ hat, wenngleich mich eine bestimmte unausgewogene Dynamik und rhythmische Freiheiten damals doch irritiert haben. Jetzt erhärtet, das Haimovitz mit den Auftragskompositionen tendenziell mehr anfangen kann als mit Bach, den er im direkten Vergleich mit den aufregenden Stücken etwa von Du Yun oder David Stanford doch  (zu) „brav“ spielt. Äußerst positiv: Der Klang seines Cellos aus dem Jahr 1710, gefertigt vom venezianischen Geigenbaumeister Matteo Goffriller, ist luxuriös und samtig. Was die stilistische Vielfalt anbelangt, so holt Matt Haimovitz ordentlich was aus seinem Instrument heraus. Insgesamt ist das Experiment – wenngleich etwas asymmetrisch  – geglückt und die CD auf jeden Fall kurzweilig anzuhören. Kein billiges Cross-Over, sondern eine anregende Entdeckungsfahrt  abseits aller musikalischen Trampelpfade.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

Reicha ANTOINE REICHA: Werke für Klavier, Vol. 1, Henrik Löwenmark – Toccata Classics CD – Ersteinspielungen

Geboren in Prag, feierte Antoine Reicha nach Aufenthalten in Bonn (wo er als Flötist gemeinsam mit einem gewissen L. v. Beethoven als Geiger im selben Orchester saß), Hamburg und Wien seine größten Erfolge in Paris. Schüler von Johann Georg Albrechtsberger und Antonio Salieri, unterrichtete er später am Pariser Konservatorium  selber Größen wie Berlioz, Gounod oder Franck. Vielleicht ist es dieses überragend Pädagogische, und seine Wirkung als Theoretiker, die seine Kompositionen lange überschattet haben. Ja, und wehe wenn die Geschichte einmal ihr Urteil parat hat, dann gibt es kaum ein Entrinnen mehr. Reicha ist einem breiteren (Spezial)Publikum durch seine Kompositionen für Bläser (Kammermusik und Blasorchester-Symphonien) bekannt. Wer aber kennt heute schon seine Klaviersonaten?

Reicha war ein Vielschreiber, dessen Output für Klavier aus Sicht von Henrik Löwenmark auf jeden Fall dem Schaffen der illustren Kollegen Clementi, Dussek oder Hummel an musikalischer Dichte überlegen ist. Dank der editorischen Initiative des Labels Toccata Classics kann sich nun jeder sein Urteil anhand des vorliegenden ersten Teils einer geplanten Gesamtedition für Klavier solo selbst bilden. Was sofort auffällt, ist der spielerische Ideenreichtum, aber auch die unorthodoxe Herangehensweise an das Instrument Klavier. Manchmal scheinen die Sonaten Haken zu schlagen, wie der berühmte Hase auf dem Feld. Neben Banalem (vor allem in langsamen Sätzen) gibt es plötzlich und unerwartet höchst anspruchsvolle Stellen, voller harmonischer Überraschungen und witziger Flirts mit Kontrasten. Stilistisch ist Reicha damit Haydn näher als Beethoven. „Phrasierung, Formen, Pausen und Harmonien gehen besondere Wege“, um final in einen ganz persönlichen Kompositionscharakter zu münden.

Auf der ersten CD sind die drei Sonaten Op. 46 und zwei Fantasien für Klavier solo Op. 59 eingespielt. Nur ganz wenige dynamische Angaben erleichtern dem Interpreten nicht gerade die Aufgabe, möglichst authentische Ergebnisse zu erzielen. Henrik Löwenmark hat die Werke auf einem großen Konzertflügel von Stuart & Sons 2007 und 2015 in Cardiff aufgenommen. Das kommt diesen wohl proportionierten Kompositionen im Stile der Wiener Klassik ohne großen virtuosen Firlefanz sehr zugute. Löwenmark ist aber nicht nur der hervorragende Interpret dieser Ersteinspielungen, sondern auch der musikhistorische rector spiritus des Unterfangens. Sein Aufsatz in Booklet ist höchst anregend zu lesen und vertieft das Musikverständnis der Epoche. Der Anfang ist gemacht, nicht nur Liebhaber der Musik Haydns werden um diese Aufnahme nicht herumkommen. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Smetana Bedrich Smetana: MEIN VATERLAND – Piano Duo Trenkner / Speidel DG Gold SA-CD 

Wer kennt sie nicht, die perlenden, fließenden, glitzernden, leuchtenden, im weiteren Verlauf wogenden und mächtig aufrauschenden Orchesterklänge zu Smetanas „Die Moldau“. Programmmusik vom Feinsten, ein klingendes Manifest der Natur, des Wassers und letztlich auch eines wunderschönen Stücks böhmischer Landschaft. Viele Dirigenten haben sich um bleibende Interpretationen bemüht und haben versucht, in mitreißende Klänge zu gießen, was die Partitur vorgibt (u.a. Talich, Matacic, Neumann, Ancerl, Kubelik, Karajan, Harnoncourt, Levine, Previn, Sawallisch, Dorati). Die Moldau ist die bekannteste der sechs symphonischen Dichtungen, die Smetana unter dem Titel „Má Vlast“ oder „Mein Vaterland“ zu einem großartigen Zyklus zusammengefasst hat. „Im Einzelnen bezieht sich das von 1874 bis 1879 entstandene und der Stadt Prag gewidmete Werk  auf Sagen, Mythen und Landschaften, die durch ihre musikalische Gestaltung zu kulturhistorischen Symbolen und somit konstitutiv für nationale Visionen wurden.“ (Hans Dieter Grünefeld). Vyšehrad, Moldau, Šárka, Aus Böhmens Flur und Hain, Tábor und Blaník sind die sechs Teile betitelt.

Nun hat sich das Piano Duo  Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel an die Interpretation des 80-minütigen Zyklus gewagt. Smetana selbst hat eine technisch herausfordernde virtuose Klaviertranskription für Klavier zu vier Händen angefertigt, die naturgemäß eher den strukturellen Aufbau beleuchtet.  Klangsinnlichkeit, zarte Lyrismen und mächtige Orchestereruptionen blieben dabei im Hintertreffen. Wiewohl dem Duo Trenkner / Speidel, das durch seine Aufführungen von Symphonien Mahlers oder Bruckners zu Recht für Furore gesorgt hat,  viele (kleine) wunderschöne Momente gelingen, überzeugt mich deren Interpretation als gesamtes nicht. Mir singt und rauscht es zu wenig, zu rau und eckig tönts da bisweilen aus Böhmens Flur und Hain,oder anders formuliert, der hochromantische Ton will sich nicht einstellen. Außerdem erlaubt das Klavier nicht die extremen dynamischen Abstufungen, die ein gut geführtes Orchester zustande bringt. Auf der Habenseite stehen das Bemühen des Duos um Expressivität und erzählerischen Ausdruck sowie wie immer bei DG eine untadelige Aufnahmetechnik. Sicherlich von Interesse ist die Aufnahme jedoch, um einmal einen anderen Zugang auf Altbekanntes erleben zu können und dies noch dazu in einem vom Komponisten selbst erstellten Arrangement. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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