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NEUBURG/ Donau: „EINE STUNDE VERHEIRATET“ & „HAUS ZU VERKAUFEN“ – Zwei Opernraritäten von Nicolas Dalayrac

26.07.2021 | Oper international

Zwei Opernraritäten von Nicolas Dalayrac in Neuburg / Donau:

„Eine Stunde verheiratet“ & „Haus zu verkaufen“ (Vorstellung: 25. 7. 2021)

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„Eine Stunde verheiratet“: De-yung Cho als Elise und Denise Felsecker als Constance (Foto: Brigitte Clemens)

Die Stadt Neuburg an der Donau, die im frühen Mittelalter Bischofssitz war und ihre glanzvollste Epoche als Hauptstadt des Fürstentums Pfalz-Neuburg erlebte, genießt seit Jahren durch die Kammeroper, die seit ihrer Gründung im Jahr 1969 immer wieder Raritäten aufführt, die kaum an anderen Opernhäusern zu hören und zu sehen sind und daher bei Opernliebhabern große Anerkennung finden.

In diesem Jahr wurden im Stadttheater Neuburg zwei Einakter des französischen Komponisten Nicolas Dalayrac gespielt: „Eine Stunde verheiratet“ und „Haus zu verkaufen“. Die beiden Opern wurden wieder von Annette und Horst Vladar übersetzt und bearbeitet.

Nicolas Dalayrac (d’Alayrac), 1753 in Muret geboren, 1809 in Paris gestorben, gilt durch seine etwa 60 Opéras-comiques als Hauptvertreter dieser Gattung, wobei er in seinen Werken sentimentale Romanzen bevorzugte. In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts wandte er sich – dem Zeitgeschmack entsprechend – mittelalterlichen Stoffen zu. Bemerkenswert in seinem Opernschaffen ist die sorgfältige Instrumentierung.

In den schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie war der Besuch des Stadttheaters Neuburg besonders reglementiert. So gab es für die Einlasszeit je nach Eintrittskarte verschiedene Zeitfenster, die vom Publikum genau eingehalten werden mussten. Es herrschte eine FFP2-Maskenpflicht auch während der Aufführung. Überdies mussten die Besucher ein Formblatt („Bestätigung Stadttheater“)  vor der Aufführung ausgefüllt abgeben. Da ohne Pause gespielt wurde, bekamen die Gäste auf Wunsch an der Garderobe gratis Flaschen mit Mineralwasser.  

Der Einakter „Eine Stunde verheiratet“  („Une heure de mariage“), dessen Libretto der französische Schriftsteller Charles-Guillaume Étienne verfasste, spielt auf dem Land im Haus des Herrn De Marcé. Germeuil kommt mit Elise, die er eben geheiratet hat, und deren Freundin Constance angereist, um seinen todkranken Onkel ein letztes Adieu zu sagen. Sein Onkel will ihm sein Vermögen hinterlassen, wenn er Constance heiratet, deren Vater sein bester Freund war. Als sie erfahren, dass der Onkel auf die Jagd gegangen ist, bittet Germeuil Constance, vor dem Onkel seine Frau zu spielen. Sie willigt ein, will aber dem Onkel eine das Landleben verachtende Städterin vorspielen. Als der Onkel von der Jagd heimkommt, stellt er seinem Neffen seinen neuen Nachbar vor, einen wahren Philosophen, in dem Germeuil seinen früheren Regimentskameraden Saint-Ange wiedererkennt, der seinerzeit als der größte Schürzenjäger galt. In den folgenden Szenen tritt große Verwirrung ein, da dieser sogleich mit Elise zu flirten beginnt, obwohl Constance und Saint-Ange ihre „alte Liebe“ wiedererkennen. Es kommt zu einem Ehekrach zwischen Germeuil und Elise. Als sie sich wieder versöhnen, platzt der Onkel in die Versöhnung, der sofort die Abreise der „Schamlosen“ verlangt. In die   Aussprache zwischen Constance und Saint-Ange, bei der sie ihre Liebe zueinander wiederfinden, platzt wieder der Onkel, dem nun die ganze Welt verdorben vorkommt. Nach der Aufklärung der wahren Verhältnisse kommt es zur großen Versöhnung.

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Michael Hoffmann als Onkel von Germeuil (Foto: Brigitte Clemens)

Alle Darsteller in diesem Einakter spielen ihre Rolle sehr komödiantisch, was gewiss der Regieführung von Horst Vladar, der Seele der Neuburger Kammeroper, zu verdanken ist.

Als De Marcé, Onkel von Germeuil, brillierte der Bariton Michael Hoffmann von der ersten bis zur letzten Szene – sowohl schauspielerisch wie auch gesanglich. Ihm ebenbürtig in der Rolle des Neffen der Tenor Lawrence Halksworth, der sowohl stimmlich wie darstellerisch voll überzeugte. Die Rolle der Elise, der Frau von Germeuil, wurde von der in Wien geborenen koreanischen Sopranistin Da-yung Cho sehr komödiantisch gespielt und blendend gesungen. Ihre Freundin Constance wurde von der Mezzosopranistin Denise Felsecker dargestellt, die bereits des Öfteren bei der Neuburger Kammeroper im Einsatz war. Wie immer trat sie sehr selbstsicher auf, war in der Darstellung ihrer Rolle vielseitig und stimmlich exzellent. Auch der kroatische Tenor Goran Cah – ebenfalls ein „alter Bekannter“ in Neuburg – überzeugte in der Rolle als Saint-Ange in jeder Szene – sowohl als Schürzenjäger wie auch als Betrogener, der seine Wut über die Frauen an seiner Umgebung auslässt.

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Goran Cah als Käufer des Hauses mit Nachbar Horst Vladar (Foto: Brigitte Clemens)

Nach einer kurzen Pause, in der das Publikum gebeten wurde, auf den Plätzen zu bleiben, kam der zweite Einakter von Nicolas Dalayrac zur Aufführung.  In der Opéra comique „Haus zu verkaufen“ („Maison à vendre“), deren Libretto der französische Schriftsteller Alexandre-Vincent Pineux Duval verfasste – er war übrigens auch Architekt – geht es um einen Streit der Hausbesitzerin Mme. Dorval mit dem Nachbarn Ferville, der das Haus billig kaufen will. Sie besteht auf dem einst vereinbarten Preis, um ihrer Nichte Jeanne eine angemessene Mitgift geben zu können, die der früheren Verbindung mit dem Komponisten Dermont nachtrauert. Zufällig kommt der junge und schwermütige Komponist mit seinem lebenslustigen Dichter-Freund Versac vorbei, die sich auf einem Fußmarsch nach Bordeaux befinden, wo der Dichter einen reichen Onkel hat. Als Versac das Verkaufsschild „Haus zu verkaufen“ entdeckt, klingelt er und erklärt Mme. Dorval seine Kaufabsicht. Der Hausherrin ist der Name Versac von Bankgeschäften bekannt und sie holt ihre immer noch in den mittellosen Musiker verliebte Nichte zu den Verkaufsgesprächen, worauf Versac das Haus um 60 000 Franc  ersteht. Mme. Dorval macht den Dichter mit dem Nachbarn Ferville bekannt, der darüber entsetzt ist, was Versac alles mit dem Grundstück plant: Baumalleen, Zäune, Mauern und Teiche will er anlegen. Daraufhin bietet Ferville dem Dichter 80 000 Franc für das Haus. Versac stimmt zu, worauf Ferville geht, um einen Vertrag aufzusetzen. Nach einigen Verwirrungen und allgemeiner Empörung überreicht Versac schließlich Mme. Dorval 60 000 Franc für das Haus und Jeanne 20 000 als seine Mitgift. Allgemeiner Jubel, in den auch Ferville einstimmt, der froh ist, dass nichts verschandelt wird.

Auch in dieser Opéra comique, deren Inszenierung Michael Hoffmann vornahm, agierte das Sängerensemble sehr komödiantisch. Die Rolle der  Hausbesitzerin Mme. Dorval wird von der Mezzosopranistin Denise Felsecker köstlich gespielt und auch erstklassig gesungen. Ebenso ihre Nichte Jeanne von der koreanischen Sopranistin Da-yung Cho.  Die Sprechrolle des Nachbarn Ferville hatte Horst Vladar übernommen. Er ist und bleibt eine großartige Bühnenpersönlichkeit. Den schwermütigen Komponisten gab der Tenor Lawrence Halksworth auf sehr humorvolle Weise, während in der Rolle des Dichters und Hauskäufers Versac der kroatische Tenor Goran Cah neuerlich sowohl schauspielerisch wie stimmlich brillierte.

Für die ansprechenden und originellen Bühnenbilder in beiden Opern sorgte Michele Lorenzini. Der gebürtige Mailänder arbeitet seit dem Jahr 2004 als freischaffender Bühnen- und Kostümbildner. Bei der Neuburger Kammeroper sprang er 2014 kurzfristig ein und  erstellt seither die Bühnenbilder. Für die technische Leitung und für die Beleuchtung zeichneten Bernhard Kugler und Mario Liesler verantwortlich, für die Korrepetition Su-Jin Kim. Die Produktionsassistenz hatte Annette Vladar inne.

Das elfköpfige Kammerorchester bestand aus Mitgliedern des Orchesters des Akademischen Orchesterverbandes München, die musikalische Leitung hatte wieder Alois Rottenaicher inne, der schon seit mehr als 20 Jahren der musikalische Leiter der Neuburger Kammeroper ist. Es gelang ihm wunderbar, die reizvolle Partitur des Komponisten in allen Facetten und Nuancen  wiederzugeben. Schon die Ouvertüren der beiden Einakter fanden begeisterte Zustimmung beim Publikum, das den Sängerinnen und Sängern immer wieder Szenenapplaus spendete und am Schluss der etwa zweistündigen Vorstellung minutenlang applaudierte. Man darf gespannt sein, welche Raritäten das Ehepaar Annette und Horst Vladar den interessierten Opernbesuchern im nächsten Jahr bieten wird.

 

Udo Pacolt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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