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NAPOLI/Teatro San Carlo/ Opera Festival: CAVALLERIA RUSTICANA und MADAMA BUTTERFLY

21.07.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

NAPOLI/TEATRO SAN CARLO/ SAN CARLO OPERA FESTIVAL : CAVALLERIA RUSTICANA und MADAMA BUTTERFLY am 19. und 20.7.2014

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Cavalleria rusticana. Santuzza mit Bobo. Foto: Festival San Carlo

 Eines der ältesten und schönsten Opernhäuser Europas, das Teatro San Carlo in Neapel, trotzt seinen aktuellen(finanziellen) Schwierigkeiten mit einer optimistischen Vorwärts-Strategie: seit heuer steht auch das neue sommerliche San Carlo Opera Festival am Programm.

Außer dem Ballett „Zorbas der Grieche“ konnte man jetzt – was Opern betrifft – bei der ersten Ausgabe die immergrünen Klassiker “ Cavalleria Rusticana“ und “ Madama Butterfly “ sehen.

Beide Produktionen waren dem italienischen Avantgarde- Regisseur Pippo Delbono, der sich durch ein sehr eigenständiges, „authentisches“ und sozial engagiertes Theater einen Namen gemacht hat, anvertraut worden.

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Sehr statisch: Cavalleria rusticana“. Foto: Festival San Carlo

In der „Cavalleria“ sehen wir ein in „pompeianischem Rot“ gehaltenes Einheitsbühnenbild (Nicola Rubertelli), das auf den ersten Blick durchaus eindrücklich ist.

Dann tritt Pippo, der (ebenso wie George Tabori oder Tadeusz Kantor) in seinen Inszenierungen immer auch selbst irgendwie mitwirkt, vor das Publikum und erzählt von seinen persönlichen Oster- Erinnerungen. Anschließend läuft er auf die Bühne und schließt in eiligem Tempo alle offenstehenden Türen.

Daraufhin beginnt die „echte“ Oper – und die sieht aus wie bei einer Stellprobe in einem Provinzstadttheater.

Denn „die Extreme berühren sich“ wie so oft …und in diesem Fall kreißt der Berg der Avantgarde die graue Maus des Sich-Einfach- Hinstellens und frontal an der Rampe mit unverwandten Blick Direkt-Ins-Publikum-Singens.

Für die einzige spezielle Note sorgt Delbonos fast 80 jähriger taubstummer Lieblingsdarsteller Bobò, dessen gelegentliche schleppende Auftritte in wechselnder Gewandung (zb. als kreuztragender Ministrant) – ob man will oder nicht – herzergreifend sind.

In der “ Butterfly “ ist es dann ein ziemlich scheußlicher weiß-gräulicher Einheitsbühnenbildraum, in dem der große Türen-auf-und-Türenzumacher Pippo Delbono eigenhändigst Türen auf und Türen zu macht .

Sonst passiert nicht viel…außer-sie wissen schon- an die Rampe gehen, an der Rampe stehen, sich an der Rampe hinsetzen und hinlegen … und mit unverwandten Blick auf den Dirigenten frontal ins Publikum zu singen.

Ja, wenn wenigstens ordentlich gesungen würde !

Aber in der Cavalleria retten sich maximal die comprimari(Giovanni Lanza als Madre, Angelo Veccia als Alfio und Asude Karayavuz als Lola), während „Eisberg“Anna Pirozzi (Santuzza) und „Tenörchen“ Rafal Davila (Turiddu) erschreckend inadäquat bleiben.

Jedenfalls sorgt hier immerhin Jordi Bernàcer durch seine historisch-kritische Lektüre der Partitur, die er durch viel pianissimo und mezza-voce von vertrautem Kitsch befreit, für interessante Hörerlebnisse.

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Madama Butterfly“. Foto: Festival San Carlo

Aus Nicola Luisottis Butterfly-Interpretation wurde man sich allerdings nicht klug. Erschwerend hinzu kam, das die doch so sehr Cio-Cio-San erprobte Raffaella Angeletti nach der Pause – zumindest in der Vorstellung, der wir beiwohnten- plötzlich (aus welchen Gründen auch immer: Streit mit dem Dirigenten? Streit mit dem Regisseur ?? Beides mehr als vorstellbar !) in einen Singstreik einzutreten schien und nahezu nur noch Spitzentöne absonderte).

Erfreulich zumindest der ansehnliche Vincenzo Constanzo (Pinkerton) und die ungewöhnlich junge Anna Pennisi (Suzuki).

Tja, was soll man dazu sagen. Cavalleria und Butterfly gelten nicht zu Unrecht als unverwüstliche Meisterwerke.

Beim 1.San Carlo Opera Festival hat man jedoch ziemlich viel versucht, um sie zumindest zu – beschädigen.

 

Robert Quitta, Neapel

 

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