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NANCY/ Opéra national de Lorraine: ARTASERSE von Leo Vinci

05.11.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

NANCY/ :  „ARTASERSE“ Opéra national de Lorraine, 4.11. 2012. Neapolitanische Opera Seria von Leo Vinci: Paradiesvögel im Dreh-Labyrinth von Leiden und Glorie


Max Emanuel Cencic, Franco Fagioli. Foto: Opéra national de Lorraine

 Mut hat sie, die Oper von Nancy und ihr Intendant Laurent Spielmann. In Zeiten von Kunst-Knickertum und fantasielosen Opern-Massenkoproduktionen des ewig Gleichen hievt das schöne Theater Lothringens eine seit Jahrhunderten szenisch nicht mehr gespielte opera seria in einer mehr als gelungenen Inszenierung auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

In exotisch-schönen Bildern aus dem Fundus der Kunstgeschichte (Helmut Stürmer) bietet die letzte Oper des Vielschreibers Leo Vinci (36 Opern sind überliefert) nach einem Libretto des Pietro Metastasio den fünf auf der Bühne versammelten Countertenören allerlei Gelegenheit, ihre geläufige Gurgel zu präsentieren. Wie ihre berühmten Vorgänger, die Kastraten Carestini und Giziello, bieten alle männlichen Sänger der Produktion einen schillernden Fächer an Virtuosität und theatralischen Effekten. Die Handlung des begehrten Libretto, das nicht weniger als 108 mal in Musik gesetzt wurde, dreht sich um ungleiche Liebe, Mord, Verrat, Sohnes- und Königstreue in einem fiktiven Persien im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Und bietet so Anlass für affektgeladene Arien, dramatische Rezitative bis hin zu einer neuen Empfindsamkeit, die tatsächlich zukünftige Wege weist. Einziger Einwand: Zwar hat die Partitur einige unglaubliche Höhepunkte aufzuweisen, es gibt aber auch etliche Längen in den Rezitativen und nicht alle Arien sind gleich inspiriert. Manch echter Opernschlager steht kompositorischem Kunsthandwerk und barocker Konvention gegenüber. Man hätte da für die Bühnenversion ruhig ein wenig kürzen dürfen.

 Die Besetzung, die mit Ausnahme des Artabano von Juan Sancho ident besetzt ist wie die kürzlich erschienene CD-Einspielung, lässt keine Wünsche offen und das Herz jedes Barockmusikfreundes wahrlich höher schlagen. In Leierschwanz und bunten Pfauenfedern üppig gehüllt, streitet das Personal des Stücks um die Suprematie der Schönheit in einer zerfallenden Welt, Ruinen und apokalyptischen Visionen. Spiegel, Labyrinth und Kronleuchter versinnbildlichen das Theater als sinnliche Anstalt. Dem rumänischen Regisseur Silvio Purcarete und seinen Mitstreitern Helmut Stürmer, Jerry Skelton und Cécile Kretschmar ist da ein echter Wurf gelungen. Mit stilvollem Augenzwinkern servieren sie einen rasanten Ablauf im Reigen der sich drehenden Gefühle, Intrigen, Macht- und Mordbegier. Die Oper mit ihrer eigenen Logik des vokalen Lanzenstechens bietet den ironischen Laufsteg der Eitelkeit. Wie in Pasolinis Geometrie der Liebe schlägt das Schicksal seine unentwegte Schneise in den dynamischen Kosmos von wildem Begehren, sich Ab- und Zuwenden, absurde Treue (zur Macht), sich Verlieren und Wiederfinden. Optisch nimmt der Bühnenbildner genial passend Anleihen bei Monsu Desiderio (Die Explosion der Kathedrale), bei Caravaggio (Das Opfer Isaaks) und bei Le Pianese (Zugbrücken).

 Traumbesetzung: Philippe Jaroussky ist dieser persische Königsspross Artaserse, dessen Vater Xerxes vom Chef der königlichen Garde Artabane (Charaktertenor Juan Sancho mit etwas spitzen Höhen) getötet wird. Die Rolle liegt dem französischen Wunderknaben stimmlich und von der Tessitura her sehr gut. Sein Spiel hat jedoch etwas unfreiwillig Komisches (Bewegungsregie des japanischen Kabuki Theaters), was aber nicht weiter stört, da man sich voll eines herzerfrischenden Travestiespektakels erfreuen darf, wie das damals im Neapel des 18. Jhdts. auf Opernbühnen so üblich war. Seinem Freund Arbace, Sohn des Artabane, wird der ganze Mordzirkus (nach Xerxes muss auch der Königsohn Darius über die Klinge springen) in die Schuhe geschoben, weil er sich weigert, seinen Vater zu belasten, der die Morde aus Machtgier und um seinen Sohn auf den Thron zu hieven, begangen hat. Gesungen wird dieser Arbace vom Argentinier Franco Fagioli. Dieses Gesangsphänomen muss man gehört haben. Die zu Recht bekannteste Nummer des Stücks, die Carestini-Arie „Vo solcando un mar crudele“, wird von ihm unnachahmlicher technischer Meisterschaft fabulös interpretiert. Die geschmeidige Stimme, rund und in allen Lagen ausgeglichen, hat nach oben hin keine Grenzen. Das Timbre ist wie Vanillecreme mit Honig, sein schauspielerisches Talent flagrant. Voila: Da ist sie, die neue Generation der Countertenöre, der auch „die Semira“ (Tochter des Artabano, verliebt in Artaserse) des in München lebenden Rumänen Valer Barna Sabadus angehört. Ähnlich wie der zuvor genannte Stimmakrobat Fagioli verfügt der junge Künstler über eine im Raum gut tragende Stimme. Die absolute Natürlichkeit und Schönheit seines Tons und Vortrags zeigen, dass die Kunst der Countertenöre längst fest im Repertoire der (Barock)Oper etabliert ist.

 


Max Emanuel Cencic. Foto: Opéra national de Lorraine

 Experimente wie diese Aufführung können nur gelingen, wenn wirklich alle Rollen mit bis zur Selbstverleugnung gehender Eigenironie von einer Riege bunter Paradiesvögel zur Ergötzung des Publikums treffsicher gestaltet werden. Zentral ist hier Max Emanuel Cencic, der Spiritus Rektor der Produktion und Aufführung, zu nennen, der zu seinem eigenen Vergnügen in die weibliche Rolle der Medane, Schwester des Artaserse und in Arbace verliebt, schlüpft. Auf der Bühne ist er eine Art „Renata Scotto unter den Countertenor-Diven“. Köstlich unbeherrscht und dramatisch „camp“ seine in den Raum gefegten Rachearien, tief berührend das Duett mit Arbace im 3. Akt „Quando finisce o dei! la vostra crudelta?“, dem eigentlichen musikalischen Höhepunkt der Partitur. Welch Wechselklang der Stimmen: man würde sich sofort eine Raritäten Duett CD mit den beiden wünschen! Der Musikkritiker neben mir (der sonst kaum geklatscht hat) hat sich fast heiser geschrien vor lauter Bravi nach diesem Duett. Der zweite Bösewicht, Megeabise, wird vom jungen russischen Counter Yuryi Mynenko gesungen. Trotz kleinerer Rolle kann der sympathische Newcomer mit seinem kernig-männlichen Alt das Publikum verzaubern. Auf weiteres darf man sich gespannt freuen.

 Die Oper in Nancy kann aber nicht nur mit sechs hervorragenden Solisten aufwarten, sondern mit dem Concerto Köln unter Diego Fasolis auch mit einem renommierten Orchester, umsichtig geleitet von einem engagierten, präzisen Dirigenten. Mit Elan und Verve stürzt sich Fasolis in das Abenteuer des musikalisch unbefahrenen Wassers. Mit Erfolg. Da ihm das Publikum aber zu wenig animiert scheint, bittet er es nach dem 2. Akt vielleicht wegen allgemeiner Sonntagnachmittags-Erschöpfung um aktive Unterstützung für die Künstler. Eine eher ungewöhnliche Aktion. Die Erschöpfung ist auch nicht ganz unverständlich bei einer insgesamt beinahe vierstündigen Aufführung. Dem Schlussjubel tat das freilich keinen Abbruch.

 Dem Vernehmen nach soll die schöne Produktion, die szenisch bedauerlicherweise nur fünfmal zu sehen ist, von der (französischen) Presse zur Opernproduktion des Jahres gekürt werden. Das hat sie auch verdient, nicht aber nach fünf Vorführungen wieder vom Spielplan zu verschwinden. Mut auf ihr Intendanten und Impresarios. So eine gekonnte Symbiose von höchster musikalischer und szenischer Einheit werdet ihr so bald nicht wieder serviert bekommen.

 Ingobert Waltenberger

 

 

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