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NADIA KRASTEVA: Das Publikum umarmen

29.04.2012 | Sänger

 

 

NADIA KRASTEVA

Das Publikum umarmen

Nadia Krasteva, zehn Jahre lang verlässliches Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, entlässt sich selbst in die Freiheit: Zwischen München und Moskau, Berlin und Zürich, Tokio und Chicago schätzt man sie hoch, die amerikanischen Opernhäuser rufen immer wieder nach ihr. Heuer wird sie in der Arena von Verona, in den darauf folgenden Jahren an der Scala und der Met debutieren. Wien bleibt Wohnsitz und Lieblingsstadt – aber so selbstverständlich wie bisher wird uns die Krasteva an der Staatsoper nicht mehr gehören…

 Von Renate Wagner

 Frau Krasteva, es gibt zwei gute Gründe für dieses Gespräch: Ende Mai gibt es für Sie eine Premiere an der Staatsoper, denn die Sara in „Roberto Devereux“ von Donizetti haben Sie in Wien noch nie gesungen. Und im Oktober sind es genau zehn Jahre, dass sie an der Wiener Staatsoper debutiert haben. Erinnern Sie sich eigentlich noch an diesen „Nabucco“ vom 4. Oktober 2002?

 Natürlich! Es war für mich nicht leicht, erstmals an einem so großen Haus, mit drei, vier Proben, alles war neu für mich, ich war in einer fremden Stadt, sprach noch gar kein Deutsch. Der Druck wurde nur etwas erleichtert, weil ich die Fenena schon in Stara Zagora gesungen hatte, wo ich damals engagiert war. Als Abigail standen in diesen Vorstellungen in Wien erst Eliane Coelho, dann Maria Guleghina auf der Bühne, immerhin!!!

 Wie war es zu diesem Staatsoperndebut einer so jungen Sängerin – Sie waren damals erst 26 – gekommen?

 Vielleicht war es Zufall, vielleicht Bestimmung, ich glaube ja, dass alles einen Grund hat: Jedenfalls war Paul Weigold, der damalige Studienleiter der Staatsoper, wegen des Belvedere-Wettbewerbs in Bulgarien, er hörte mich in Sofia und meinte, ich könnte gute Chancen haben. Er nahm eine Biographie von mir mit – geboren in Sofia, Studien in der Musikakademie von Sofia, Kurse in Rom bei Anita Cerquetti, Bühnendebut 2000 in Stara Zagora, wo ich engagiert war -, und es kam eine Einladung zum Vorsingen nach Wien. Ich bin mit einem relativ lockeren Gefühl hingegangen, denn man hatte mir in Stara Zagora versichert, dass man mich dort sehr gerne behalten bzw. zurücknehmen würde, wenn aus Wien nichts würde. Die Staatsoper bot mir nach dem Vorsingen einen Vorsichts-Vertrag – für erst einmal vier Monate, mit der Option, ihn auf zwei Jahre zu verlängern. Dann habe ich, wie gesagt, als Fenena debutiert, die zwar eine schöne Rolle ist, aber keine, in der man besonders prunken kann oder auffallen würde. Dennoch hat man schon im ersten Monat meinen Vertrag auf die vorgesehenen zwei Jahre ausgedehnt, und seither wurde er immer wieder verlängert, ich war all die Jahre Ensemblemitglied am Haus, ich bin es noch – aber ab nächster Spielzeit werde ich „frei schaffend“ sein. Es ist, glaube ich, an der Zeit.

 Wie ging es in Wien weiter?

 Anfangs war es nicht leicht, ich musste ja erst die Sprache lernen und mich eingewöhnen, mein Mann und meine Tochter waren noch in Bulgarien, bevor sie dann nachgekommen sind. Zuerst musste ich erst einmal alles allein schaffen. Mittlerweile lebe ich mit ihnen in Wien, aber meine Eltern, meine Geschwister sind in Bulgarien, ich habe also zwei Heimaten. An der Staatsoper gab es viele kleine Rollen und auch bald größere, meine erste Carmen habe ich schon 2004 gesungen, da war ich als Cover für die Baltsa angesetzt. Da steht man dann hinter der Bühne, sieht sie bewundernd an und weiß doch, dass man selbst ganz anders sein wird, weil man eben ein anderer Mensch ist. Und man hofft: Einmal bin ich dran. Und das war dann im Mai 2004 immerhin an der Seite von Shicoff der Fall.

 Andere große Rollen waren dann welche?

 Im Februar 2003 musste ich erst für die Matinee von „La Favorita“ einspringen, da habe ich die Rolle der Leonora in einer Woche lernen müssen, von Sonntag bis Sonntag alles im Griff haben: Aber wenn es sein muss, entwickelt man ja glücklicherweise einen großen Willen und große Kraft, ein konkretes Ziel zu erreichen. Ich habe die Partie dann sieben Mal gesungen. Wichtig für mich war 2004 die Maria Gesualdo in Schnittkes „Gesualdo“, meine erste Partie in deutscher Sprache! Wunderbar war es auch, 2005 neben der Gruberova die Adalgisa in der „Norma“-Premiere zu singen. Die Ulrica kam schon 2002, drei Jahre später die Giulietta im „Hoffmann“, 2006 die Eboli auf Französisch, 2008 auf Italienisch, 2007 die Marina, 2008 dann die Preziosilla… Ich bin Ioan Holender sehr dankbar für die Chancen, die er mir gegeben hat.

 Aber es gab eben nicht nur große Aufgaben…

 Das Problem, wenn man fest im Ensemble ist, sind die kleinen Rollen – die Walküren, Nornen, Blumenmädchen, Pagen, Schleppenträgerinnen, und wenn dann eine Kollegin im gleichen Stimmfach erkrankt, dann kommt man aus der Oper nicht mehr heraus und ist manchmal bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit erschöpft. Auch muss man dann noch Walküren singen, wenn einen diese Rollen wirklich nicht mehr interessieren. Ein Problem bestand auch darin, dass niemand wusste, wie viele große Angebote internationaler Opernhäuser ich absagen musste, weil ich eben im Ensemble war. Und man hier gar nicht richtig wahrgenommen wurde.

 Aber da war doch der mediale Aufschrei, als Sie 2010 in der „Carmen“, in der Anna Netrebko die Micaela sang, für Elina Garanca eingesprungen sind?

 Und das was gar nicht angenehm für mich. Ich hatte ja Carmen schon in einer ganzen Serie 2007 in Wien gesungen und auch international zwischen Amsterdam und Moskau, ich war ja kein Neuling, aber die Berichterstattung klang so, als wäre es groß erstaunlich, dass man ein Ensemblemitglied neben Weltstars auf die Bühne stellt und ihr sogar erlaubt, für einen anderen Weltstar einzuspringen! Man kann sich vorstellen, mit welchem Selbstbewusstsein man dann auf die Bühne geht. Auch hat man natürlich in den Medienattacken versucht, da irgendwelche Intrigen zu konstruieren und Sänger gegeneinander auszuspielen. Ich kenne Elina Garanca gut, wir haben uns immer gut verstanden, sie war auch Anfängerin hier am Haus, wir sind 2003 als zweite und dritte Dame in der „Zauberflöte“ nebeneinander auf der Bühne gestanden, wir haben beide brav die Meg Page gesungen – sie ist eben nur bald weggegangen, und ich bin geblieben. Und auch Anna Netrebko war eine bezaubernde Kollegin, sie lud mich sofort ein, mit ihr unter Gergejew Carmen in St.Petersburg zu machen, aber ich hatte damals meinen Liederabend in Wien und wollte nicht absagen… Damals begann ich zu zweifeln, ob es richtig ist, immer hier zu bleiben, vor allem, als die Angebote aus dem Ausland immer verlockender wurden. Und es klar ist, dass man weggehen muss, um zuhause – und das ist jetzt für mich doch Wien – neu angesehen und auch geschätzt zu werden.

 Hat die neue Freiheit, die Sie ab nächste Saison wahrnehmen, auch mit der neuen Direktion in Wien zu tun?

 Jeder neue Direktor verändert alles für jeden, auch als langjähriges Ensemblemitglied muss man sich da neu positionieren. Es gibt eine Zeit des Kennenlernens, und es gibt logischerweise viele neue Gesichter, es ist ein bisschen wie ein neuer Arbeitsplatz. Aber ich denke, Dominique Meyer mag mich, und wir haben eine Art Residenzvertrag ausgemacht, ich werde nächste Saison zwei Monate zur Verfügung stehen und wieder die französische Eboli singen, in der Saison darauf dann drei Monate.

 Und im übrigen in der ganzen Welt singen? In München scheint man Sie ja ganz besonders zu schätzen.

 Ich habe dort schon früher gesungen, die Suzuki und die Eboli, dann kam die Fremde Fürstin in der „Rusalka“, und man wollte mich unbedingt für die Maddalena in einer Neuinszenierung des „Rigoletto“ haben. Ich habe ehrlich gesagt, dass diese Rolle mich eigentlich nicht mehr interessiert, aber man hat mir unwiderstehliche Bedingungen geboten, also mache ich es im Dezember 2012, zumal dort dann auch die Preziosilla in einer neuen „Macht des Schicksals“ vorgesehen ist. Aber man holt mich auch immer wieder nach Berlin, und ich habe mich ganz besonders gefreut, als Ian Campbell, der Direktor der San Diego Opera, auf mich zukam und mich eingeladen hat, bei ihm im Februar 2013 meine erste Dalila zu singen. Er hat gemeint, er habe mich lange beobachtet und immer so gut gefunden, und so bietet er mir diese Rolle an der Seite von Clifton Forbis an. Und das beweist mir, dass man auch ohne großen Medienrummel, einfach mit ehrlicher Arbeit, weiterkommen kann.

 Sie singen die Italiener, die Franzosen, die Slawen, und kürzlich haben Sie Wagners Venus gesungen – da fehlen nur noch Mozart und Strauss. Kennen Sie keine Fachgrenzen?

 Nein, Fachgrenzen mag ich nicht, ich singe ja auch Lieder, ich bin vom Charakter her eine vielschichtige Person und möchte das auch auf der Bühne zu zeigen. Die Venus in Tokio, wo ich früher schon gesungen habe – übrigens den „Roberto Devereux“, der jetzt an der Staatsoper kommt, dort konzertant auch mit Gruberova und Bros – , war sehr interessant. Manchmal sieht man sich eine Partitur an und schüttelt den Kopf, das wäre schwierig, die Venus etwa, weil sie sehr hoch liegt: Und dann nimmt man die Rolle her und es haut ganz unglaublich hin, als wäre es für Dich geschrieben, mit der richtigen Technik ist das zu machen. Ich habe ja auch in einem Konzert „La mamma morta“ gesungen, was eine reine Sopranarie ist, und mich wohl gefühlt. Ich könnte mir in der Zukunft andere Wagner-Rollen vorstellen, aber man hat auch wegen eines Octavian angefragt. Das muss man überlegen. Allerdings will ich wirklich Mezzo bleiben, die Stimme ist so eingestellt, ich habe die Tiefe, ich bin wohl von Natur dazu bestimmt.

 Also weiterhin die Amneris, die Sie schon gesungen haben – allerdings nie in Wien?

 Nein, nur einmal beim Festkonzert „50 Jahre Staatsoper“ 2005, den Nilakt mit Violeta Urmana, die eine wunderbare Kollegin ist. Wir hatten jetzt auch in Paris bei der „Macht des Schicksals“ so viel Spaß miteinander. Die Amneris habe ich in Varna und Zürich gesungen und damit werde ich voraussichtlich, wenn die Termine klappen, an der Mailänder Scala debutieren. Sie wird auch in Berlin und hoffentlich in Wien kommen – die neue Direktion hatte sie mir schon angeboten, aber die Termine haben sich mit der Carmen in Chicago überschnitten. Die Carmen ist die Rolle, nach der man mich am meisten fragt – und nach der Eboli.

 Wenn Ihre heute 15jährige Tochter Simona erklären würde, sie wolle Opernsängerin werden – würden  Sie dann auch: Bloß nicht! sagen wie die meisten Sänger?

 Das verstehe ich eigentlich nicht. Opernsänger ist ein so positiver Beruf, er bereichert die Seele. Simona singt gerne, derzeit Pop und Rock, ich weiß nicht, ob sie in Zukunft Interesse an der Oper haben wird. Aber wenn ja, dann werde ich alles tun, ihr dabei zu helfen. Doch es ist natürlich ihre Entscheidung. Und sie erlebt ja am eigenen Leib, was der Beruf mit sich bringt, wenn ich immer wochenlang allein in einer fremden Stadt bin. Allerdings sehe mich sehr gern in den Städten um, in denen ich gastiere, und man kann so viel tun – skypen und Rollen lernen und lesen und ins Kino gehen und sich mit Leuten unterhalten, in Paris gab es etwa viele Bulgarinnen im Chor, das war sehr nett, mit ihnen zusammen zu sein.

 Sind Sie eigentlich ehrgeizig?

 Nicht in dem Sinn, dass ich die Erste, Einzige und Berühmteste sein muss. Ich möchte schöne Sachen an schönen Orten singen und meinen schönen Beruf ausüben. Da stehen und singen – das tut einfach gut. Man kann seine Freude daran haben und sie weitergeben. Ich denke, das wichtigste im Leben ist, ein guter Mensch zu sein, glücklich zu sein, in innerer Harmonie zu leben und sich nicht wegen der Karriere verrückt zu machen. Ich mache alles mit sehr viel Herz, und wenn ich auf die Bühne gehe, möchte ich nicht technische Meisterschaft zelebrieren, sondern mit meinem Gesang das Publikum umarmen…

 

 

 

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