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NACHTLÄRM

03.09.2012 | FILM/TV

Ab 7. September 2012 in den österreichischen Kinos
NACHTLÄRM
Deutschland, Schweiz  /  2012
Regie: Christoph Schaub
Drehbuch: Martin Suter
Mit: Alexandra Maria Lara, Sebastian Blomberg, Georg Friedrich, Carol Schuler, Andreas Matti und Tiziano Jähde (das fast ewig heulende Baby)

Wer Martin Suter kennt, ihn gerne liest und beobachtet, was er zwischen Buchdeckeln und als Drehbuchautor leistet, der weiß auch, dass seine Arbeiten (wie auch anders) qualitativ höchst unterschiedlich ausfallen. Außerdem gibt es nichts Belastenderes als – etwas Gelungenes in der Vergangenheit. „Giulias Verschwinden“ mit Corinna Harfouch war die Art von  Film, an den man mit Genuß zurückdenkt. Dass die neue Zusammenarbeit des Autors mit Regisseur Christoph Schaub nun deutlich schwächer ausgefallen ist, liegt vielleicht am Erwartungs-Hoch. Trotzdem: Das verrückte Road-Movie auf den nächtlichen Straßen der Schweiz hat neben allen (zu viel!) Klischees doch noch genug Vergnügliches zu bieten.

Ziemlich realistisch ist die Ausgangssituation: Die Ehe von Livia und Marco wäre nicht die erste, die angesichts eines ewig schreienden Babys ins Wanken geriete. Wer selbst je in dieser Situation war, weiß, wie sehr die Nerven nach stundenlanger Brüllberieselung blank liegen, wie sehr man bereit ist, gleich alles in Frage zu stellen. Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg bringen die Verkrampftheit der beiden, ihre Aggression, seine verärgerte Hilflosigkeit sehr gut herüber.

Immerhin haben sie scheinbar eine Lösung, denn Baby-Junior fährt offenbar gerne Auto. Also hinein in die alte Kiste, er hinten auf den Kindersitz, die beiden grollend vorne, und wenn sie so über die Autobahn düsen, ist es zumindest still. Dann kann ihre Peckerei ungehindert weitergehen. Bis sie an die Tankstelle kommen, Livia hineingeht und Marco das Unverzeihliche tut – er springt auch rasch an den Tresen, um sich ein paar Pillen zu kaufen. In solchen Situationen, wo man meint, man sei ja nicht einmal eine Minute weg, ist schon manches Auto gestohlen worden, so auch dieses.

Das eher schäbige Kleinkriminiellen-Pärchen, das man in der Folge kennenlernt, zieht die Kiste der beiden dem ebenfalls gestohlenen Motorrad vor, das sie schon haben – und braust davon. Dass da hinten ein Baby ist, merken sie erst später.

Was nun? Wenn der verzweifelte Vater sich nun den ersten besten Luxuswagen schnappt, der auch unverschlossen da steht, um den vermeintlichen „Entführern“ nachzujagen, und sich dabei am Besitz eines Gangsterbosses vergreift… man kann es sich vorstellen. Und das meiste davon passiert.

Immerhin können Suter und Regisseur Schaub jetzt noch drei weitere Figuren in ihre Geschichte einbringen, die sich in der Folge bloß auf nächtlichen Landstraßen abspielt: ein Road-Movie, wenn es je eines gab, die Komödie des üblichen Aneinander-Vorbei, Pointen, die selten überraschen. Auch nicht, wenn der absolute Rohling sich plötzlich als Baby-sentimental erweist und die anfangs nicht sehr sympathische Trash-Braut dann sogar noch nette Züge gewinnt – dergleichen ist üblich.

Georg Friedrich sollte sich übrigens einmal fragen, warum man immer an ihn denkt, wenn es echte „Kretzn“ zu besetzen gilt, aber zugegeben – er macht sie unvergleichlich gut. Auch Carol Schuler ist ideal als die junge Frau, die man weder als Tochter noch als Schwiegertochter haben möchte, aber Drehbuchautoren lehren uns, dass man genauer hinsehen soll, dann kratzt man schon etwas Widerlichkeit weg und sieht ein bisschen Mensch… Wie das halt so ist.

Andreas Matti als der Mafioso, der auf dem wiederum verlassenen Motorrad des zweiten Pärchens seinem Mercedes nachjagt, in dem das erste Pärchen sein Kind sucht, darf nur eine zarte Parodie des Bösen sein. Am Ende… aber nein, man soll die ohnedies etwas dürftig verstreuten Pointen nicht verraten. Baby Tiziano Jähde brüllt überzeugend, wenn man ihn lässt, lächelt auch babylieb.

Also, kein großer Wurf aus der Schweiz diesmal, aber in den Durchschnitt reiht es sich locker ein, und wenn man die eigenen Ansprüche runterschraubt, ist die Sache bei aller Einförmigkeit, die sich breit macht („Biegen wir rechts oder links ab?“ wird zur ermüdenden Frage), über weite Stellen recht unterhaltsam. Und dass die Moral von der Geschichte lautet: Lieber Gott, das Baby soll schreien, so viel es will, wenn wir es nur wiederhaben! das versteht sich von selbst.

Renate Wagner

 

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