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MY SWEET PEPPERLAND

03.12.2014 | FILM/TV

FilmPlakat My Sweet Pepperland

MY SWEET PEPPERLAND
Im Rahmen der Kurdischen Filmwoche
Frankreich, Deutschland, „Kurdistan“ / 2013 
Drehbuch und Regie: Hiner Saleem
Mit: Golshifteh Farahani, Korkmaz Arslan

Es bedarf immer wieder großer und kleiner Festivals, um Filme von nicht zentral gelegenen Regionen in den Fokus allgemeinen Interesses zu rücken. Der Kurde Hiner Saleem, geboren im Irak, wandte sich nach Europa und hat hier seine Beziehungen: Sein Film „My Sweet Pepperland“ wurde von Deutschland und Frankreich sowie von „Kurdistan“ finanziert, das ebenso noch wishful thinking ist wie etwa „Palästina“. Nichtsdestoweniger gibt es eine länderübergreifende Region, in der Kurden weitgehende Selbstbestimmung genießen – und dort geht es, wie uns Hiner Saleem als Drehbuchautor und Regisseur zeigen will, zu wie im Wilden Westen. Was vielleicht ein paar Zuschauer hoffnungsvoll ins Kino zieht, aber der Sache nicht unbedingt gut tut. Immerhin, der Film war in Cannes erfolgreich und ist das „Aushängeschild“ der Kurdischen Filmtage, die vom 4. bis 9. Dezember in Wien stattfinden.

Wenn ein Film mit einer Hinrichtung beginnt, die gleicherweise brutal ist, wie sie schaurig komische Züge trägt und einem den Magen umdreht, ist man gar nicht sicher, dass man dies wirklich sehen will. Aber die Eröffnung erfüllt einen dramaturgischen Zweck – genau so angewidert wie der Kinozuschauer ist der Held des Films, Baran (Korkmaz Arslan hat das markige, starke Männergesicht für diese Art von Rollen), der meint, man solle nach dem Sieg über Saddam Hussein nicht mit derselben Brutalität verfahren wie zuvor. Quasi um sich aus der Schusslinie zu nehmen, begibt sich der Ex- Peschmerga in eine Randregion – ohne zu ahnen, dass er hier erst richtig in besagte Schusslinie kommt. Er geht in ein ziemliches Elendsdorf im Eck zwischen Irak, Iran und der Türkei – dort, wo dann über weite Strecken keine Autos mehr fahren und man auf die guten, alten Pferde umsteigen muss – , und möchte hier den Job des Sheriffs ausüben. In dieses Dorf kommt auch, um gleich das „Love Interest“ zu bieten, auch die 27jährige Intellektuelle Govend (Golshifteh Farahani, sehr, sehr hübsch), die ihrem Vater und den zahlreichen Brüdern, die sie zwangsverheiraten wollen, die Stirn bietet und lieber als Lehrerin für die Kinder am Ende der Welt fungiert…

Und nun beginnt, vom Regisseur selbst mit Bildzitaten und zahllosen thematischen Referenzen spürbar angestrebt, von Sound umwabert, der „Western“. Gut, die Landschaft mag stimmen, das „wilde Kurdistan“, über das wir bei Karl May gelesen haben, ist eine Western-Landschaft, und ein heutige Dorf zwar nicht so pittoresk wie die einstigen Holzhäuser samt Saloon, sondern eher trauriger Einheitsbeton, aber zumindest die sozialen Strukturen stimmen: Der Dorfkaiser (Tarik Akreyi spielt diesen Aziz Aga mit der nötigen Souveränität), der gewohnheitsmäßig über alles bestimmt, die Menschen, den Handel, den Schmuggel von Waffen und Alkohol, das Verbrechen (wie es die „Paten“ eben überall so an sich haben), nimmt selbstverständlich an, dass der neue Sheriff in seinem Sinn funktioniert und dass die unerwünschte Lehrerin (unverschämt, dass eine Frau es wagt, sich in die Männerwelt zu drängen) sich tunlichst wieder entfernt… Die „Ehre“, die ein praktisches Männer-Konstrukt ist, wird oft im Mund geführt.

Nun, das Western-Prinzip besteht ja darin, dass der unerschrockene Einzelne wacker gegen die böse Gewaltherrschaft steht, und das geschieht auch hier – und die Heldin muß immer wieder tragisch schauen und Tränen in den Augen haben. Aber dass die beiden „Fortschrittlichen“ sich natürlich finden, ist keine Frage. Die Dorfbewohner ducken sich hingegen unter dem Druck der Macht, niemand will dem Sheriff helfen, bis er dann am Ende das Gesetz ein bisschen weit auslegt und „aufräumt“.

Dazu rauscht die Musik bei jeder Gelegenheit auf, und nur ganz selten spricht diese ganz glatt bediente Western-Dramaturgie die ganz speziellen kurdischen Probleme an (etwa, dass sie ja auch aus verschiedenen Ländern stammen, aus dem Irak, der Türkei, aus Syrien, dass der Iran ein Land ist, nach dem sie sich ausrichten… und wie viele Risse da durch „ein Volk“ gehen, das sich im speziellen Fall dann seiner Einheit gar nicht so sicher ist).

Wer Filme dieser Art ansieht, um wirklich etwas über die Länder, aus denen sie kommen, zu erfahren, bekommt hier viele sehr kitschige Bilder geliefert und wird mit der Erkenntnis heimgeschickt, dass es in Kurdistan noch zugeht wie im Wilden Westen. Dann werden sie tatsächlich noch erkleckliche Zeit brauchen, bis da ein funktionierender autonomer Staat auf Rechtsgrundlage entsteht. Vielleicht ist das die Botschaft?

Renate Wagner

 

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