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MÜNSTER: SALOME

19.05.2013 | KRITIKEN, Oper

Münster SALOME. Premiere am 18. Mai 2013


Annette Seiltgen als „Salome“. Foto:  Jochen Quast

 Im katholischen Münster wäre eines der Adventswochenenden passender gewesen für die Aufführung der „Salome“ von Richard Strauss, da in den Evangelien dieser Sonntage von dem Propheten Johannes dem Täufer (Jochanaan) berichtet wird. Die Premiere des „Musikdramas in einem Akt“ nach dem französischen Schauspiel von Oscar Wilde in deutscher Übersetzung von Hedwig Lachmann fand dann ohne liturgischen Anlaß am Pfingstsamstag statt.

Die Rückseite des Bühnenbildes war ausgefüllt durch einen farblich-variablen riesigen Mond, seitlich abgeschlossen durch weisse durchbrochene Wände. Es stammte von Peter Werner, der während der Arbeiten verstarb – „zum Gedenken an ihn“ stand über den Besetzungsangaben im Programmheft. Von ihm stammten auch die wenig aufregenden Kostüme – alle in schwarz bis auf den roten Königsmantel des Herodes, den weissen Pelz der Herodias, die Juden mit Karnevalshütchen und Luftschlangen über ihren Anzügen und das spektakuläre Glitzerkleid der Salome.

Diese Salome von Annette Seiltgen entsprach nun wohl allem, was Oscar Wilde und Richard Strauss sich von der Darstellerin wünschen konnten: Schlank, jung und schön anzusehen, verfügte sie trotzdem über eine makellose hochdramatische Stimme, traf die ff- Spitzentöne, hielt lange Töne ohne falsches Vibrato, sang hörbar pp das hohe gis beim ersten Mal „den Kopf des Jochanaan“, erreichte als früherer Mezzosopran die ganz tiefen Noten etwa gegen Ende das tiefe ges bei „Geheimnis des Todes“ und war textverständlich, soweit das bei dieser extremen Partie überhaupt möglich ist. An ihrem Tanz vor Herodes war sie mit ihrem geschmeidigen Körper auch tanzend beteiligt, den Hauptanteil daran hatten allerdings zwei Balletttänzer als Doubles von Herodes (Armin Biermann) und Jochanaan (Tsutomo Ozeki), die in der Choreographie von Hans Henning Paar wohl Alptraum und Traum Salomes darstellen sollten.

An weiteren Hauptpartien konnte man hören, wie gut im italienischen Fach geübte Stimmen deutsches Repertoire bewältigen können. Adrian Xhema, vorher Cavaradossi, sang Herodes mit kräftiger weitgehend textverständlicher Heldentenorstimme, auch der schnelle, Angst ausdrückende Sprechgesang blieb ohne verschluckte Silben immer Gesang. Gregor Dalal, früher Scarpia, fand mächtige Legatobögen für die frauenfeindlichen Parolen und die Erlösungsversprechen des Jochanaan. Youn-Seong Shim, früher Graf Almaviva im „Barbier“, gestaltete mit lyrischem Tenorschmelz den unglücklich in Salome verliebten Narraboth.

Suzanne McLeod mußte als Herodias nicht sehr sängerfreundlich im Rollstuhl sitzend gegen das Riesenorchester ansingen, aber, erfolgreiche Sängerin in allen Lebens- und Körperlagen, schaffte sie auch dies mit zur dekadenten Rolle passender grosser Stimme. Aufstehen durfte sie erst, als sie nichts mehr zu singen brauchte! Von den kleineren Partien seien hervorgehoben Lisa Wedekind mit klangvoller tiefer Stimme in der Hosenrolle des Pagen, Lukas Schmid, der sich mit machtvollem Baß offenbar beeindruckt durch die Predigten des Jochanaan vom „1. Soldaten“ zum „1. Nazarener“ wandelte. Als „1. Jude“ kehrte Mark Bowman-Hester – unvergessener Mime im legendären „Ring“ – ans Theater Münster zurück und sang zusammen mit den anderen Juden rhythmisch exakt das Streit-Sextett der jüdischen Theologen.

Zum Schluß blieb Herodes mit Salome allein auf der Bühne zurück und ertränkte sie in der Badewanne, in der sie zuvor den Mund des Jochanaan geküßt hatte. Diese Badewanne spielte eine wichtige Rolle in der Inszenierung von Georg Köhl, die auf die Darstellung des ihr selbst unbewußten Wunsches nach selbstloser Liebe abzielte, die Salome auf Jochanaan projezierte. In der Badewanne versteckte sich mehrmals eine Darstellerin der kindlichen Salome (Janis Anna Schritt), nachdem sie zuvor mal mit mal ohne Herodes-Puppe in der Hand über die Bühne geschritten war. Dieser hatte das Mädchen wohl dort mißbraucht.. Wie sehr sich Salome wünschte, selbstlos von einem eher imaginären Joachanaan geliebt zu werden, zeigte sich etwa daran, dass sie bekanntlich sein schwarzes Haar besang, wo er in Wirklichkeit braunen Afro-Look trug, oder dass sie einen Teil der langen Ansprache an seinen abgeschlagenen Kopf sang, ohne diesen anzusehen.

„Nicht bleiben“, so ihre ersten Worte, will Salome am dekadenten Hof des Herodes wo Polizeistaat„sex and crime“ herrschen.. Jochanaan wurde als Staatsgefangener bei seinen Auftritt gleich mit gezogenen Pistolen bedroht. Ganz nebenbei brachte Herodes die Sklavin der Salome (Eva Lillian Thingboe) mal um. Während des Tanzes benutzte er einen ihrer Schleier als Sex-Fetisch, nachher betrachtete er sie nicht nur lüstern, sondern handelte auch danach. Narraboth und der Page hatten wohl auch was miteinander, sogar Herodias im Rollstuhl brauchte trotz Behinderung etwas „Mann“

Entscheidend für das „Musikdrama“ ist aber die Musik, besonders bei einem so differenziert komponierten Orchestersatz wie dem der „Salome“. Das Sinfonieorchester Münster brachte unter Leitung von Fabrizio Ventura all die musikalischen Feinheiten, die harmonischen und rhytmischen Kühnheiten , die Klangfarben der Instrumentation zum Klingen, ohne die Sänger übermässig „zuzudecken“ Schwelgerischen Streicherklang und grosse symphonische Steigerung konnten sie auch hören lassen, etwa im Übergang von der dritten zur vierten Szene und im orgiastischen Schluß von Salomes Tanz

Das Publikum im fast ausverkauften Haus war restlos begeistert, zeigte dies mit verdienten Bravi, lange und stehend Beifall klatschend vor allem für Salome, aber auch für die Sänger der anderen Hauptpartien und das Leitungsteam

Etwas kirchlicher als andernorts geht es in Münster bei einem solch „biblischen Stoff“ aber doch zu. In einer Veranstaltungsreihe „Abends ins Theater – morgens in den Gottesdienst“ wird am 30. Juni in der benachbarten Apostelkirche über „ Salome“ gepredigt.

 Sigi Brockmann

 

 

 

 

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