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MÜNCHEN/Prinzregententheater: ADELAISA ED ALERAMO von Johann Simon Mayr

09.03.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernrarität in München: „Adelasia ed Aleramo“ von Johann Simon Mayr (Vorstellung: 8. 3. 2013)


Die Titelrollen sangen die beiden Sopranistinnen Jaewon Yun als Adelasia und Frauke Burg als geschundener Aleramo (Foto: A. T. Schaefer)

 Die Bayerische Theaterakademie August Everding bringt im Rahmen ihrer Ausbildung stets unbekannte oder sehr selten gespielte Werke zur Aufführung. Diesmal wurde in Koproduktion mit der Hochschule für Musik und Theater München (Studiengang Musiktheater) die Oper „Adelasia ed Aleramo“ von Johann Simon Mayr im Münchner Prinzregententheater (in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln) dargebracht, die im Jahr 1806 an der Mailänder Scala mit großem Erfolg uraufgeführt und bereits ein Jahr später in Wien gezeigt wurde. Die Münchner Erstaufführung fand 1808 im Cuvilliès-Theater anlässlich der Hochzeit von Caroline von Bayern mit Kronprinz Wilhelm von Württemberg statt.

 Johann Simon Mayr, in Mendorf bei Ingolstadt geboren, wäre heuer 250 Jahre alt geworden. Geprägt von der Wiener Klassik, feierte er als Giovanni Simone Mayr in Italien seine größten Erfolge. Er war in Bergamo Lehrer von Gaetano Donizetti und legte den Grundstein für die weitere Entwicklung der italienischen Oper.

 Das Libretto der zweiaktigen Oper „Adelasia ed Aleramo“, deren Inhalt auf eine Legende basiert, verfasste Luigi Romanelli. Prinzessin Adelasia, die Tochter Kaiser Ottones hat sich in Aleramo verliebt. Da Ottone gegen die nicht standesgemäße Verbindung ist, muss das Paar fliehen. In der Ferne gründen sie eine Familie, bauen sich eine bescheidene Existenz auf und nehmen eine neue Identität an. Als Ottone Jahre später auf einem Feldzug gegen die Sarazenen in dieser Gegend lagert, kommt es zum Wiedersehen. Die Hoffnung, die Familie wieder zusammenzubringen, scheint jedoch aussichtslos, trotz der Bemühungen von Adelasia und ihrer Mutter, Kaiserin Teofania. Inzwischen hat Rambaldo, Ottones Vertrauter, einen Pakt mit den Feinden geschlossen, beschuldigt aber Aleramo des Verrats. Sein Kalkül ist es, auf diesem Weg zuerst Aleramo aus dem Weg zu schaffen, dann Ottones Thron zu besteigen und schließlich Adelasia zur Ehe zu zwingen. Diese hatte ihn vor Jahren abgewiesen und ihm Aleramo vorgezogen. Der perfide Plan scheint aufzugehen, doch Roberto, der Bruder Aleramos deckt ihn auf und entlarvt Rambaldo als Verräter. Dem Glück von Adelasia und Aleramo steht nichts mehr im Wege.

 Regisseur Tilman Knabe kam seinem Ruf, oftmals den Schluss einer Oper zu ändern, auch in München nach. Aleramo entgeht zwar seiner drohenden Hinrichtung, aber am Ende kommt die Nachricht, dass der Feind einen Überraschungsangriff unternimmt – es ist Krieg. Ottone wird eine schusssichere Weste angelegt, was ihn aber nicht rettet, denn Teofania, die kurz davor ihre dominante Weiblichkeit in einer Liebesszene mit Roberto auslebt, lässt ihm die Kehle durchschneiden. Überhaupt strotzt die Inszenierung von blutrünstigen Szenen, grausamer Gewalt und Hinrichtungen (Exekutionen mit Schalldämpfern mit Rücksicht aufs Publikum?).

 Der Regisseur hatte die unselige Idee, das Werk in die Jetztzeit zu verlegen und lässt es in einem umkämpften Gebiet spielen. Möglicherweise meinte er Syrien oder Palästina. Aus Kaiser Ottone wird ein elegant auftretender Machtmensch mit Sonnenbrille, der wie der Chef eines multinationalen Konzerns wirkt und an seiner Seite ein Luxusgeschöpf (Kaiserin Teofania) hat, das stets von zwei „Sekretärinnen“ mit Laptops begleitet wird. Bodyguards und Pressefotografen bevölkern ebenfalls dauernd die Bühne. Auch die Personenführung des Regisseurs war „gewöhnungsbedürftig“, um es harmlos auszudrücken. Ottone lässt er wie einen Besessenen oder vom Wahnsinn Befallenen stets in rasender Geschwindigkeit über die Bühne hetzen und Aleramo als kettenrauchendes (oder haschsüchtiges?), schon vor seinen Folterungen zitterndes Nervenbündel auftreten.

 Passend zu dieser kruden Inszenierung ist die Bühnengestaltung von Wilfried Buchholz. Ein Betonklotz mit einem Gemeinderaum, in dem man während der Ouvertüre die Reste eines Trinkgelages sieht, und einem Schulzimmer, das nach einer Explosion zu einem Lazarett umfunktioniert wird. Unter einer Wanduhr prangte die Aufschrift: „Mors certa, hora incerta“ („Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss“). Die Kostüme von Gisa Kuhn waren hässliche Alltagsgewänder für das Volk und elegante Kleidung für Ottone, Teofania und deren Begleitung, dazu heutige Uniformen für die Soldaten. Für die „Lichtspiele“ (explosionsartige Effekte, Neonröhren etc.) zeichnete Bernd Gatzmaga verantwortlich.

 Dass die Wiederentdeckung der Oper von Johann Simon Mayr dennoch Freude machte, war der hohen musikalischen Qualität der Produktion zu verdanken, zu dem neben dem exzellenten Orchester, das auf historischen Instrumenten spielte, die Studentinnen und Studenten der Bayerischen Theaterakademie und Musikhochschule beitrugen, die allesamt mit hervorragenden sängerischen Leistungen aufwarteten.

 Großartig die beiden Sängerinnen der Titelrollen. Sowohl die Südkoreanerin Jaewon Yun in der Rolle der Adelasia, die mit ihrer lyrischen Sopranstimme und guter Darstellung beeindruckte, wie auch Frauke Burg als Aleramo, die mit ihrem knabenhaften Koloratursopran auch die schwierigsten Stellen ihrer Hosenrolle meisterte und schauspielerisch das Publikum zu begeistern wusste. Was die Regie ihr bei der Arie in der Schlussszene zumutete, war mehr als grenzwertig! Hut ab vor ihrer Glanzleistung.

 Ausdrucksstark agierte auch die Mezzosopranistin Anna-Maria Thoma als Teofania. Von großer Gestalt und mit harten Gesichtszügen ausgestattet, beseelte sie die Rolle der dominanten Gattin von Ottone. Ihn spielte der Schwarzamerikaner Keith B. Stonum (Student der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main) als halb wahnsinnigen Despoten recht eindrucksvoll und mit lyrischer Tenorstimme, die allerdings im zweiten Akt etwas Mühe zu haben schien.

 Rollengerecht besetzt waren auch Rambaldo mit dem griechischen Bassbariton Marios Sarantidis, der den Verräter sehr subtil spielte und sang, und Roberto mit dem in Annaberg-Buchholz geborenen Tenor Bonko Karadjov, der seine Rolle gleichfalls trefflich bewältigte. Die Nebenrolle des Osmano, der am Verrat des Rambaldo beteiligt ist, war mit dem aus Schweinfurt gebürtigen Bariton Jan Nash besetzt.

 Der Hofkapelle München gelang es unter dem ambitionierten Dirigat von Andreas Spering, die anspruchsvolle und wunderbar klingende Partitur des Komponisten, die melodisch-zarte Sequenzen ebenso aufweist wie bombastisch-stürmische, dem Publikum auf famose Art zu vermitteln. Dass die „Geräusche“ auf der Bühne sich des Öfteren störend auswirkten, musste man bei dieser Inszenierung in Kauf nehmen. Und dass so manche Szene nicht mit der Musik harmonierte, störte gewiss den Regisseur, den zur Pause ein Zuschauer verärgert einen „Regie-Berserker“ bezeichnete, am allerwenigsten.

 Das Publikum belohnte am Schluss der Vorstellung die exzellenten Leistungen der Sängerinnen und Sänger mit lang anhaltendem Applaus und vielen „Brava“- und „Bravo“- sowie das Orchester und seinen Dirigenten mit „Bravi“-Rufen.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

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