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MÜNSTER: BENVENUTO CELLINI von Hector Berlioz. Zwei Päpste am Aschermittwoch. Premiere

16.02.2014 | KRITIKEN, Oper

Berlioz  Benvenuto Cellini. Premiere am 15. Februar 2014. Zwei Päpste am Aschermittwoch

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Copyright: Oliver Berg

 Auf den musikalisch gelungenen „trovatore“ und die  in jeder Hinsicht eindrucksvolle„Weltraum-Zauberflöte“ – beide Produktionen sorgten für ausverkaufte Vorstellungen – folgte im Opernspielplan des Theaters Münster eine echte Rarität,  Hector Berlioz‘ erste Oper „Benvenuto Cellini“ auf  einen Text von Léon de Wailly und Auguste Barbier. Sie stellt dar heitere aber auch von ernstem künstlerischem Schaffensrausch erfüllte Szenen aus der Selbstbiographie des historischen Goldschmieds und Bildhauers Benvenuto Cellini, eines typischen Künstlers der Renaissance, als solcher in viele Händel verwickelt aber auch zeitweise Musikant in der päpstlichen Kapelle. Wohl deshalb hat seine  Vita  bereits Goethe zu einer Übersetzung angeregt.  Nach dem Mißerfolg der Uraufführung der Oper – abgesehen von der Ouvertüre – in Paris wurde  in Weimar unter Franz Liszt im Jahre 1852 eine verkürzte Fassung in drei Akten  aufgeführt.. Dieser Fassung folgte man in Münster. Die  Premiere in der Inszenierung von Aron Stiehl  unter der musikalischen Leitung des neuen ersten Kapellmeisters Stefan Veselka war am vergangen Samstag.

Dieser  Zeitpunkt einige Tage vor Karneval  war insofern gut gewählt, als die Oper zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch im Rom des Jahres 1529 spielt.

Karnevalstreiben beherrscht dann auch den ersten Teil, wenn Cellini als Mönch verkleidet im Trubel seine geliebte Teresa entführen will. Sein Rivale und auch als Goldschmied sein Konkurrent Fieramosca will das verhindern.. Im Streit erschlägt Cellini dessen Diener Pompeo, kann aber bei der plötzlich eintretenden Aschmermittwochs-Dunkelheit entkommen.

Im zweiten Teil muß Cellini eine vom Papst bestellte Statue des Perseus giessen, einmal, weil er zur Bezahlung von Wirtshausschulden schon einen Vorschuß bekommen hat, zum andern, weil der Papst ihm Begnadigung vom Verbrechen des Mordes und der Entführung sowie die Hand von Teresa  versprochen hat, wenn er die Statue innerhalb eines Tages fertigstellt. Als nicht genügend Metall zum Giessen vorhanden ist, zeigt sich Cellini als kompromissloser Künstler, indem er alle bisherigen Arbeiten einschmelzen läßt, damit dieses neue Meisterwerk vollendet werden kann. Es gelingt und das „happy end“ mit Teresa kann kommen, in Münster fuhren beide mit dem Motorrad ins Eheglück. 

Auch sonst wurde die Handlung in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verlegt – sichtbar an den Kostümen und Bühnenbild (beides Simon Holdsworth)  So zeigte die Bühne zunächst Küche und Schlafzimmer mit Blümchentapete und Blick auf den Petersdom von Teresas Vater Balducci, der seine Teresa  mit Cellinis Rivalen Fieramosca verheiraten will. Fieramosca hört versteckt im Duett zwischen Cellini und Teresa mit an,  wann und wo die beiden Teresas Entführung im Trubel des Karnevalsdienstag beschliessen und will auch dort sein. Hier wurde mit  etwas viel Klamauk eine hinlänglich bekannte Komödiensituation vorgeführt,  so versteckte sich etwa Fieramosca im Kühlschrank, in dem versehentlich ein Sprengkörper explodierte, der eigentlich Cellini galt,  und ähnliche überdrehte Spässe gab es mehr.  In der Kneipe im II. Akt mit wurde am langen Tisch wie in Westfalen üblich Bier getrunken, übertrieben waren wiederum  das Klo auf der Bühne mit Benutzern  und der Wirt  als Transvestit verkleidet. Da stimmte auch die Schrift auf der Rückseite der Bühne „Regietheater nein danke“ nicht besonders heiter! .Im Karnevalstreiben des II. Akt wurde die Opernaufführung auf dem Theater zu einer Parodie auf Wagners „Siegfried“ benutzt, mit Cellinis Gehilfen Francesco (Christian-Kai Sander) und Bernardino (Frank Göbel) verkleidet als Siegfried mit Fellkostüm und Schwert und Brünnhilde mit spitzem Brustpanzer. Sogar der „Walkürenritt“ klang an.. Der Drache wurde vom in Münster bekannten Pantomimen Peter Paul beweglich gespielt. Dabei ging etwas unter die Parodie auf Balducci, der als päpstlicher Schatzmeister für seinen Geiz lächerlich gemacht werden sollte.. Das Durcheinander des Karnevals  mit der geplanten Entführung Teresas und dem von Cellini im Zweikampf getöteten Pompeo wurde dann  nicht mit Kanonenschüssen von der Engelsburg sondern mit dem Knall einer Bombe durch Cellinis Gehilfen beendet, passend, um Cellini so die Möglichkeit zur Flucht zu geben.  

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Copyright: Oliver Berg

Nach der Pause wurde handlungsgemäß alles ernster, Cellinis Werkstatt ein grauer Fabrikraum, an dessen Rückwand eine Rollade hochgezogen werden konnte. Während bei der Uraufführung ein Papst auf der Bühne verboten war, kamen durch diese gleich zwei Päpste in die Werkstatt, einmal der regierende Papst, der  durchaus Verständnis für die Künstlernatur Cellinis und seine Marotten hatte, und  ein früherer Papst, dem dieses Verständnis offenbar fehlte. Um diesen kümmerte sich ein  Monsignore und hielt Verbindung zwischen beiden. Wohl jeder im Publikum wußte, wer gemeint war, auch ohne daß der ältere Papst mit zitternder Hand eine bayrische Flagge wedelnd gezeigt wurde – letzteres überschritt vielleicht die Grenze des guten Geschmacks.

Betreffend Sängerdarsteller waren die Hauptrollen hervorragend besetzt. Adrian Xhema als Cellini glänzte stimmlich und darstellerisch besonders, als er zum Schluß  für die Vollendung seines Kunstwerks sogar den Tod in Kauf nehmen wollte. Seine Bravourarie im Stil der Entstehungszeit „Sur les monts les plus sauvages“ (Über die wilden Berge)  mit ausdrucksvollem legato und scheinbar unangestrengt  getroffenen Spitzentönen  rief Szenenaplaus hervor. Ausserdem war sein Französisch am besten von allen zu verstehen.  Sara Daldoss Rossi als Teresa überzeugte gleich im I. Akt mit ihrer Cavatine  „Entre l’amour et le devoir“ (Zwischen Liebe und Gehorsam zum Vater) ganz p und legato beginnend und dann folgten die perlend und geschmeidig gesungenen Koloraturen ,in denen sie erkennt, mit siebzehn Jahren hätte doch die Liebe Vorrang. Dabei musste sie noch Bio-Gemüse schälen.

Lisa Wedekind in der Hosenrolle von Cellinis Gehilfen Ascanio sang und spielte passend burschikos. Ihre Arie im III. Akt mit dem  Stimmungwechsel zwischen „Tra, la la“ und „mon àme est triste“ (Meine Seele ist traurig) zeigte großartig den meisterhaft zwiespältigen Charakter dieses Liedes, an dessen Ende sie sich fast umgebracht hätte.. Das nachfolgende Gebet zusammen mit Teresa „Sainte Vierge“ (Heilige Jungfrau) mit dem Mönchschor von ausserhalb des Zuschauerraums war reiner Wohlklang.

Juan Fernando Gutiérrez als Cellinis Rivale Fieramosca spielte witzig den ewigen Verlierer, er wird für den Eindringling in Teresas Schlafzimmer und für den Mörder Pompeos gehalten und muß auf Befehl des Papstes auch noch Cellini beim Guß der Perseusstatue helfen. Bei seiner grossen Arie „Qui pourrait me résister“ (wer könnte mir widerstehen) war das Orchester etwas laut für seinen Kavaliersbariton.. Statt des Degens schwang  er dabei den Pinsel und malte in überholter Manier das Bild eines röhrenden Hirsches –  als der Vergangenheit verpflichteter  Künstler sollte er wohl so eine Art Beckmesser darstellen.

Mit mächtiger Gestalt und Stimme bis in die tiefsten Tiefen hinein war Lukas Schmid  die passende Verkörperung des amtierenden Papstes wie auch des Halunken Pompeo. Diese stimmliche Durchschlagskraft und Tiefe fehlte dem Balducci von Plamen Hidjov.

Die grossen Anforderungen ihrer Partien bewältigten  Chor und Extrachor (Einstudierung Inna Batyuk) sehr eindrucksvoll,  insbesondere in der schwierigen Karnevalsszene, deshalb war der Chor  dort wohl mit Blick zum Dirigenten neben und nicht vor die Bühne auf dem Theater platziert worden. Der Herrenchor hatte zusätzlichen Einsatz als Goldschmiede-Gehilfen Cellinis.

Das Sinfonieorchester Münster wurde zum ersten Mal vom neuen Kapellmeister Stefan Veselka dirigiert. Bereits in der erfreulicherweise bei geschlossenem Vorhang  gespielten Ouvertüre kamen die rhythmischen Finessen, die Delikatessen der Instrumentierung, aber auch der hymnische Bläserklang  gelungen zum Ausdruck. Angesichts der schwierigen Ensemble- und Chorpassagen hatte er die Leitung  der Premiere gut im Griff.

Dies empfand wohl auch das Publikum im fast ausverkauften Haus, denn es gab häufigen Zwischenapplaus und langen Schlußapplaus auch für Orchester, Dirigenten und das Leitungsteam mit verdienten Bravos vor allem für Adrian Xhema und Sara Daldoss Rossi in den Hauptrollen

Wenn in dieser aufwendigen Produktion  immer wieder Wagner zitiert wurde – die in der Werkstatt Cellinis vorhandene Büste wurde mit allem anderen Mobiliar für das Giessen der Perseus – Statue  verbrannt – und wenn der gesamte Chor im Zuschauerraum platziert  zum Schluß „Heil den Meister-Goldschmieden“ (Honneurs aux maitres ciseleurs!) hymnisch sang,  ergibt sich die Frage, ob vielleicht demnächst zu Karneval Wagners Faschingsoper „Das Liebesverbot“ geplant ist.

 Sigi Brockmann 17. Februar 2014

 

 

 

 

 

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