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MÜNSTER: ANYTHING GOES – musikalischer Swing zu opulenter Bühnen-Show

01.03.2015 | Allgemein, Operette/Musical

Theater Münster C.  Porter „Anything goes“ Premiere am 28. Februar 2015 – musikalischer Swing zu opulenter Bühnen-Show

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Foto: Oliver Berg

Für Musiktheater mit englischem Titel übernimmt zum zweiten Mal seit letzter Spielzeit in Münster  Intendant Ulrich Peters selbst  die Inszenierung. Szenisch und musikalisch sehr geglückt war „The Rake`s Progress“ von Strawinsky. Von der neoklassizistischen Nachempfindung barocker Oper wechselte er nun zum swingenden Broadway-Musical der 1930-er Jahre,  zur „Musical Comedy“ von Cole Porter „Anything goes“, auf Deutsch vielleicht „Alles läßt man durchgehen“ Gleich sechs Autoren erarbeiteten zusammen oder nacheinander den Text, es wurde die deutsche Übersetzung der Dialoge von Christian Severin und der Gesangstexte von Lida Winiewicz und Hartmut H. Forche gewählt – bei schnellen Songs verstand man allerdings auch den deutschen Text nur zum Teil!  Unter der musikalischen Leitung von Stefan Veselka fand am letzten Samstag die umjubelte Premiere statt.

Die Handlung spielt die Doppelbödigkeit der US-Gesellschaft karikierend an Bord eines Luxus-Passagierdampfers mit dem Namen SS „America“ auf der Reise von New York nach London. Dessen Vorderdeck mit grossem Schornstein im Hintergrund war denn auch nach der Bar zu Beginn das für dieses Musical übliche Bühnenbild. Das Verschieben einer vorderen Wand ermöglichte Einblick in dahinter befindliche Räume, etwa Kabinen. Für das Sündenbekenntnis der Reno wurde statt des Schornsteins  ein goldener Hintergrund an einen Sektentempel erinnernd projeziert. (Bühne Bernd Franke).  Dazu waren  die prächtigen bunten Kostüme von Götz Lanzelot Fischer   die passende optische Ergänzung – einmal nicht die in der Oper häufig zu sehenden Alltagsklamotten!  Die Matrosenanzüge der Besatzung sollten maritime Flair hinzufügen.

Fast alle der vielen  Passagiere  haben eine zweifelhafte Vergangenheit, reisen unter falschem Namen oder wechseln diesen samt Kostüm im Laufe der Handlung – das Stück wäre einige Wochen zuvor zu Karneval  passender gewesen! Trotzdem finden nach turbulenter und nicht besonders glaubwürdiger Handlung die Hauptpersonen in bis kurz vor  Schluß nicht vorhersehbarer Konstellation zu drei happy-end-Paaren zusammen.

Aber nicht die verworrene Handlung, die teils witzigen, teils platten Dialoge oder auch Klamauk machten den Reiz des Abends aus sondern die Darstellung der populären Musiknummern als Revival einer zur Entstehungszeit des Musicals passenden Revue.. Dazu hatte Hausherr Ulrich Peters keinen Aufwand gescheut, vier Gäste, grosse Teile des Schauspielensembles, eine Opernsängerin, der Opernchor und das Tanztheater für den Steptanz traten auf – der Besetzungszettel nannte mehr als fünfundzwanzig Mitwirkende, alle sich bewegend in der Choreographie von Stefan Haufe.

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Foto: Oliver Berg

Star des Abends in der Rolle der Reno Sweeney war Marysol Ximénez-Carillo. Stimmlich, darstellerisch und tanzend erfüllte sie mit den populären Songs alle Erwartungen an die Rolle zwischen früherer Nachtklubsängerin und jetziger nicht ganz ernst zu nehmender Predigerin. So wurde ihr Sündenbekenntnis „Blow Gabriel blow“ mit ihren Girls zur grossen Show und nach etwas zögerlichem Beginn nahm die Vorstellung   mit ihrem „I get a kick out of you“

   Fahrt auf.  Die kam noch mehr mit  ihrem  Duo-Partner bei „You are the top“, dem Bill Crocker von  Nathanael Schaer, schauspielerisch ein Tausendsassa, der alle Rollen zwischen blindem Passagier, Seemann, Schwerverbrecher, angestelltem Börsenmakler und Liebhaber auch stimmlich sogar im Dialekt gekonnt ausfüllte..Verliebt ist er aber nicht in Ren,o, sondern in die Debütantin Hope Harcourt. Diese dargestellt von Corinna Ellwanger übernahm die lyrischen und auch melancholischen Songs, so etwa im Duett mit Crocker „All through the night“ (Die ganze Nacht hindurch). Ganz großartig spielte aus dem Schauspielensemble Christoph Rinke den naiven, aber doch eingebildeten reichen Lord Oakleigh, der passenderweise zum Schluß bei Reno landet. Sein Solo „Der Zigeuner in mir“ (the gypsy in me) zeigte, wie gut ein Schauspieler auch singen kann. Als reicher Lord sollte er durch Heirat mit Hope eigentlich deren Mutter, der Witwe Evangeline Harcourt, aus finanziellen Schwierigkeiten helfen. Diese wurde gespielt wie üblich mit grosser Bühnenpräsenz  von Suzanne McLeod, die in ihrem  Song an ihre Tochter „I concentrate on you“ – „Ich sorge für Dich“ (aus „Porter´s „Broadway Melody) doch hören ließ, daß  eine Opernsängerin Töne ganz anders formt als Musical-Sängerinnen, vor allem ohne das für diese fast übliche Vibrato auf hohen Tönen, allerdings müssen die auch dabei tanzen!

Erlöst aus ihren finanziellen Schwierigkeiten wurde sie dann durch Heirat mit dem erst kurz vor der Pleite stehenden, dann durch überraschende Kurssteigerung seiner Aktien wieder reichen Börsenspekulanten  Elisha Whitney (Gerhard Mohr). Er war aber nicht Makler wie im Programmheft vermerkt, sondern Spekulant (in den USA spec genannt), Makler beziehen  Provision, verdienen also nur am Umsatz, nicht an Kursbewegungen!

Wie bei fast allen Songs erntete auch Katharina Schutza mit ihrem Song an die Männer „Buddy beware“ (Junge pass auf) Zwischenapplaus. Sie war die Braut des meistgesuchten Gangsters Moonface Martin, (Aurel Bereuter) der als Prediger mit zwei  vom Kartenspiel und Trunksucht nicht zu bekehrenden Chinesen reist. Sein Song aus dem Australischem Busch im Gefängnis gesungen beeindruckte unter anderem durch die Nachahmung der Vogelstimme.

Alle anderen der vielen Partien waren rollendeckend besetzt. Die Mitglieder des Opernchors in der Einstudierung von Inna Batyuk hatten keine so grossen Gesangsaufgaben,  mußten aber die Mitglieder des Tanztheaters nachahmend sich im Steptanz versuchen..

Stefan Veselka als musikalischer Leiter des Geschehens ist durch seine Herkunft eigentlich auf böhmische Musik geprägt, hier verstand er es aber im Laufe der Vorstellung immer besser, das Orchester zu swingendem Big Band- oder auch reduziertem Combo – Sound zu animieren und die geschickte Instrumentation hörbar zu machen. Dafür war das Orchester durch Tasteninstrumente (Daniel Klein), durch Gitarre und umfangreiches Schlagzeug ergänzt. Letzteres glänzte besonders bei rhythmisch schwierigen Stellen, etwa den Vogelstimmen im Lied von Australischen Busch. Hervorzuheben sind auch die Soli von Trompete und Geige.

Nach der abschliessenden Wiederholung von „Anything goes“ von allen Mitwirkenden unter Konfettiregen gesungen zeigte das Publikum im fast ausverkauften Haus seine Begeisterung durch mehr als 10-minütigen Applaus für alle Mitwirkenden und das Leitungsteam mit Pfiffen, Bravorufen, auch mit dem unvermeidlichen rhythmischen Klatschen und Aufstehen besonders in den ersten Reihen.

Zum Schluß meint auch der Kritiker„Anything goes“!

 Sigi Brockmann  1. März 2015

 

 

 

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