Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MÜNCHEN/Gärtnerplatztheater im Cuvilliestheater: LA CENERENTOLA – Premiere

05.11.2015 | Allgemein, Oper
Dandinis Auftritt als Ludwig II

Dandinis Auftritt als König Ludwig II


Gärtnerplatztheater München – LA CENERENTOLA  (4.November 2015, Premiere)

 

Vor genau 150 Jahren, am 4.November 1865, wurde in der Münchner Isarvorstadt am Gärtnerplatz ein Theater als „Actien-Volkstheater“ eröffnet – das heutige Staatstheater am Gärtnerplatz. „Der Zudrang des Publikums war ein massenhafter und war das bis in seine obersten Räume glänzend erleuchtete prachtvolle Haus bis zum Erdrücken voll“ heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Das Haus war als bürgerliches Theater als Gegenpol zu den Hoftheatern gedacht und sollte sich von diesen auch durch das Repertoire unterscheiden. Ein Konzept, das sich bis in die Gegenwart durchziehen sollte. Operette und (vor allem deutsche) Spieloper bildeten den Schwerpunkt des Repertoires; das erste Musical wurde hier 1956 aufgeführt und immer wieder konnte das Haus mit Ur- und Erstaufführungen künstlerische Erfolge verbuchen. Heute ist das Staatstheater am Gärtnerplatz eines von drei Bayrischen Staatstheatern und das zweite Opernhaus der Stadt. Seit 2012 leitet Josef Ernst Köpplinger das Haus und nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass das Gärtnerplatztheater stark an Profil und künstlerischer Qualität gewonnen hat.

Mit einer nachmittäglichen Geburtstagsparty am Gärtnerplatz und einer Premiere am Abend wurde das Jubiläum gestern gefeiert. Die Tatsache, dass sich die Generalsanierung des Hauses verzögert hat und die für den Geburtstag geplante Wiedereröffnung um ein Jahr verschoben wurde und daher weiterhin alle möglichen Orte in München bespielt werden müssen, tat der guten Stimmung keinen Abbruch. 

Das unter Köpplinger zu Recht gewachsene Selbstbewusstsein stellt das Gärtnerplatztheater mit seiner Premiere am Jubiläumsabend, wanderungsbedingt diesmal wieder im Cuvilliestheater, einmal mehr unter Beweis. Stand doch „La Cenerentola“ noch vor nicht langer Zeit in der legendären Inszenierung von Jean Pierre Ponnelle am Spielplan der Staatsoper. Doch das Risiko hat sich gelohnt und die Neuproduktion wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.

Brigitte Fassbaender hat sich dem Münchner Publikum mit „Don Pasquale“ 2012 als Regisseurin vorgestellt und inszeniert jetzt, beinahe auf den Tag drei Jahre später, im selben Haus „La Cenerentola“, bei sie erstmals vor 25 Jahren in Coburg und später auch in Wiesbaden und Innsbruck Regie geführt hat. Die ehemalige Sängerin weiß, was ein Regisseur von den Sängern erwarten und verlangen kann, ohne sie zu überfordern. Da werden keine Kopfstände gefordert und es muss auch niemand ein Rad schlagen, dafür gibt es eine Fülle von Ideen. Der Opernbesucher muss sich wohl daran gewöhnen, dass Vorspiele inszeniert werden. Aber wenn Fassbaender den Chor als Touristengruppe von Alidoro als Tourguide durch die Küche von Don Magnificos altem Schloss führen lässt – man ahnt, dass der einstige Glanz nur mühsam erhalten werden kann -, dann hat das Charme. Vor allem auch dann, wenn ein paar Touristen verstört vor dem Ofen stehen bleiben, in dem Cenerentola liegen muss. Wenn Don Magnifico beinahe nackt unter der Brause steht und seine Auftrittsarie singt und dann seine Badeente streichelt, ist das gerade noch nicht zu viel des Guten. Aber die Idee, Don Ramiro – echt und verkleidet durch Dandini –  als König Ludwig II. mit einer Projektion von Neuschwanstein im Hintergrund (und beim ersten Auftritt von Wagnerklängen begleitet) auftreten zu lassen, ruft beim Premierenpublikum spontanen Szenenapplaus hervor. Getoppt wird das nur durch die Brautszene, in der Cenerentola geführt von Alidoro als Kopie von Sisi auftritt und Don Ramiros Ankunft in einem Kahn Lohengrin zitiert. Es ist eine Vielzahl von mehr oder weniger subtilen Gags, die die Regisseurin dem Publikum bietet; manchmal an der Grenze zum Slapstick, wenn etwa die bösen Schwestern zuletzt als Nonnen kostümiert sind, aber nie in Peinlichkeit abgleitend. Wollte man wirklich beckmessern, dann wegen der Kellermeister Szene, die zu sehr an „die bösen Buben in der Schule“ erinnert. Für das zweckmäßige und die Handlung unterstützende Bühnenbild und die teils farbenprächtigen Kostüme zeichnet Dietrich von Grebmer verantwortlich.

Diana Haller und Arthur Espirtu

Diana Haller und Arthur Espiritu

Auch musikalisch lässt der spritzig vergnügliche Abend keine Wünsche offen. In der Titelpartie überzeugt Diana Haller mit geläufigen Koloraturen und Spielfreude. Mit  dieser musikalisch vor allem in Stuttgart beheimateten Sängerin ist dem Gärtnerplatz ein wahrhaft glückliches Engagement gelungen, das mit großem Beifall belohnt wurde. Ihr in sie verliebter Prinz ist Arthur Espiritu, der den überaus positiven Eindruck als Elvino in „La sonnambula“ an diesem Abend bestätigen kann. Höhensicher und mit leichter Stimme singt er nach kurzer Anfangsirritation eine der schwierigsten Rossinirollen mit Aplomb und ruft berechtigte Jubelstürme hervor. Marco Filippo Romano,  hier schon als Don Pasquale positiv aufgefallen, ist beinahe eine Idealbesetzung für den Don Magnifico. Spielfreudig und bestens bei Stimme führt er das Trio der tiefen Stimmen an und beweist, dass in der übernächsten Generation nach Taddei oder Montarsollo würdige Nachfolger heranwachsen. Vittorio Prato ist vor allem als falscher Prinz ein mehr als bloß achtbarer Dandini, bei dem ich mir allerdings mehr Bassvolumen wünschen würde; István Kovács (Alidoro) zieht schönstimmig im Hintergrund die Fäden. Rollengerecht zickig und kratzbürstig spielenund singen Mercedes Arcuri (Clorinda) und Dorothea Spilger (Tisbe) die beiden bösen Schwestern. Dass beide vom Stimmtimbre durchaus ähnlich sind, passt natürlich zum Schwesternbild, bietet für mich (sehr subjektiv betrachtet !) aber keinen wirklich positiven Effekt. 

Hervorragend einstudiert spielt und singt der Herrenchor des Gärtnerplatztheaters (Chorleitung: Felix Meybier); die passende Italianitá liefert das Orchester des Staatstheater am Gärtnerplatz unter der sängerfreundlichen Leitung von Michael Brandstätter.  

Mit dieser Produktion, eine echte Alternative zur Ponnelle-Inszenierung im Nationaltheater, lieferte sich das Gärtnerplatztheater das vielleicht schönste Geburtstagsgeschenk selbst. Gratulation dazu und ad multos annos.      

Michael Koling
Fotos: Christian POGO Zach

 

Diese Seite drucken