Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MÜNCHEN/Opernstudio der Bayerischen Staatsoper: 1. PORTRAITKONZERT

Raritäten für Sopran und Tenor

03.11.2018 | Konzert/Liederabende

Man lernt immer wieder neue, interessante Orte kennen, wenn man für den Merker schreibt: heute Abend beim Portraitkonzert des Opernstudios das Millerzimmer des Künstlerhauses am Lenbachplatz. Die ca.75 Plätze des Saales – Zimmer ist doch ein bisschen untertrieben – sind gut besetzt, wenn sich an diesem nasskalten Abend zwei junge Sänger aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper mit feurigem Gesang vorstellen: Anaïs Mejías und Freddie De Tommaso.

Beide bieten ein sehr interessantes Programm von kompositorischen Raritäten, gespickt mit zwei bis drei bekannteren Stücken. Dank der so launigen wie informativen Moderation von Tobias Truniger, dem Leiter des Opernstudios, kann man auch die hierzulande völlig unbekannten Werke beispielsweise von Heitor Villa-Lobos, und Joaquin Turina genießen ohne mit den Augen am im Programmheft abgedruckten Text zu kleben.

Den Beginn macht Anaïs Mejías mit drei verschiedenen Fassungen von „Gretchen am Spinnrad“. Dass neben Franz Schubert auch Richard Wagner und Giuseppe Verdi dieses Gedicht aus Goethes Faust vertont haben, dürfte den meisten Anwesenden unbekannt gewesenen sein. Mejías charakterisiert das Gretchen in allen drei Liedern mit großen dramatischen Ausbrüchen, was bei der Version von Verdi besser passt, als bei Schubert und Wagner. Sie hat eine schöne, sicher geführte Stimme mit warm timbrierter Tiefe und Mittellage, auf der sie die Spitzentöne mühelos, allerdings nicht ohne Schärfe, aufbaut. Letzteres stört dann ein wenig den Gesamteindruck bei „und, ach, sein Kuss“, Höhepunkt des Liedes bei Schubert wie bei Wagner. Verdi hat eine fast wörtliche Übersetzung ins italienische komponiert. Hier ist diese Stelle in der Mitte der Phrase, so dass die Sängerin die Stimme hier wunderbar aufblühen lassen und dann wieder zurücknehmen kann. Von den drei Gretchen-Liedern liegt ihr dieses am besten, vielleicht weil Verdi hier schon eine Maskenball-Amelia oder eine Troubadour-Leonore anklingen lässt.

Sehr schön gesungen die impressionistisch angehauchten „Quatro Canções de Floresta do Amazonas“ des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos (1887-1959). Mit leicht verschatteter Mittellage trifft Mejías hier den Grundton von Sehnsucht und Traurigkeit, der in diesen Werken steckt. Etwas dramatischer wird es dann wieder bei den „Tres poemas“ des spanischen Komponisten Joaqín Turina (1882 – 1949).

Italienisches und Französisches gibt es nach der Pause, dargeboten von Freddie De Tommaso. Vier Lieder von Francesco Paolo Tosti hat der britische Tenor mit italienischen Wurzeln für den Beginn seines Vortrags ausgesucht. Sie geben ihm die Möglichkeit, seine große Vielseitigkeit im Ausdruck zu präsentieren. Vom ersten Ton an beeindruckt sein baritonal grundierter Tenor. Ein schönes Timbre, ausgeglichen geführte Stimme, Höhensicherheit, Intensität. Am besten gelingen auch hier die dramatischeren Stücke, beispielsweise „Non t’amo piu“. Hier traf er die Stimmfarben für den gekränkten Liebhaber mit beeindruckender Sicherheit. Ebenso bei „Mentia l’avvisi“, ein Frühwerk Puccinis, ein Rezitativ mit Arie, deren Melodie seltsam vertraut klingt: Puccini hat sie als „Donna non vidi mai“ in Manon Lescaut wiederverwendet. Zwei Duparc-Lieder und zwei Lieder von Ernesto de Curtis, darunter auch der Schlager „Torna a Surriento“ runden das Programm ab.

Als Zugabe gibt es im Duett mit beiden Sängern „Non di scordar di me“, hier harmonieren die beiden Stimmen ganz wunderbar. Zwei Spinto-Stimmen von beeindruckender Reife, die sich ohne Zweifel für das dramatische Fach qualifizieren werden.

Pianist und Korrepetitor Alessandro Stefanelli ist mehr als nur Begleiter am Flügel, setzt er doch immer wieder dramatische Akzente, tritt in den Dialog mit den Sängern und stellt vor allem in den Duparc-Liedern sein Instrument als eigenständige Stimme vor, ohne den Sänger in den Hintergrund zu drängen.

Ein sehr erfreulicher Abend, der die Vorfreude auf die nächste Opernproduktion des Opernstudios weckt: ein Doppelabend mit „Mavra“ von Stravinski und „Iolanta“ von Tschaikowsky im April 2019. Dort werden auch Anaïs Mejías und Freddie De Tommaso wieder zu hören sein.

Susanne Kittel-May

 

Diese Seite drucken