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MÜNCHEN/ Gärtnerplatztheater im Prinzregententheater: LA SONNAMBULA. Premiere

09.10.2015 | Oper

München, Gärtnerplatztheater: LA SONNAMBULA (Premiere, 8.10.2015)

 Als Somnambulismus oder auch Somnambulie, vom lateinischen somnus und ambulare abgeleitet, bezeichnet einen Zustand, bei dem Schlafende ohne aufzuwachen das Bett verlassen, umher gehen und teilweise auch Tätigkeiten verrichten. Es handelt sich um einen eigenartigen Dämmerzustand und dauert zumeist nur kurze Zeit. Meist haben Schlafwandler geöffnete Augen und einen starren Gesichtsausdruck.

Man kann davon ausgehen, dass die auf den 1784 erstmals publizierten Beschreibungen dieser Schlafstörung durch Marquis de Puységur basierenden Forschungen auch Eugène Scribe bekannt war, auf dessen Vaudeville-Komödie „La somnambule“ von 1819 das von Felice Romani für Vincenzo Bellini verfasste Libretto für „La sonnambula“ beruht. Bellini war 1830 vom Herzog Litta von Mailand mit einer Opernkomposition beauftragt worden. Da aber Donizetti im selben Jahr in Mailand einen historischen Stoff als Oper zur erfolgreichen Premiere bringen wollte, änderten Bellini und sein Librettist Romani ihren ursprünglichen Plan, Victor Hugos Drama „Hernani“ als Oper zu vertonen. Erst Jahre später sollte sich Giuseppe Verdi dieses Sujets annehmen. Statt eines historischen Dramas wählten sie eine idyllische glücklich endende Dorfgeschichte aus den schweizer Alpen. Da aber Bellini für „Hernani“ bereits mit der Komposition begonnen hatte, verwendete er die Musik für „La sonnambula“. Die Premiere am 6.März 1831 wurde zu einem Triumph für den Komponisten. Nach den Worten von Michael Glinka, der der Uraufführung beiwohnte, sollen sowohl die Sänger (unter ihnen die legendäre Giuditta Pasta) als auch das Publikum von der Musik zu Tränen gerührt gewesen sein.

Mit „La sonnambula“ eröffnete das Gärtnerplatztheater gestern Donnerstag, 8.Oktober, den Premierenreigen der aktuellen Saison, in die auch das 150-jährige Jubiläum der Institution fällt (4.November). Da sich die Renovierung des Hauses am Gärtnerplatz verzögert, müssen weiterhin geeignete Spielplätze in ganz München gefunden werden. Für die erste Premiere konnte das mit seinem Saal dem Festspielhaus von Bayreuth nachempfundene Prinzregententheater gewonnen werden.

Die nicht wirklich logische und verworrene Handlung – Amina und Elvino wollen heiraten; die geplante Hochzeit wird aber zunächst abgesagt, weil die schlafwandelnde Amina sich in das Gemach des Grafen Rodolfo verirrt; im letzten Moment stellt sich die Unschuld Aminas heraus und die Oper findet zu einem positiven Ende – einem heutigen Publikum glaubwürdig zu erzählen, ohne ins Lächerliche abzugleiten, ist eine Herausforderung für jeden Regisseur. Am Gärtnerplatztheater stellt sich Michael Sturminger dieser Aufgabe und gibt damit sein Debut in München. Unterstützt von Renate Martin und Andreas Donhauser (Bühne und Kostüme) gelingt ihm die heikle Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne. Man könnte beinahe von einer traditionellen Inszenierung sprechen, gäbe es da nicht immer wieder eine gläserne Puppenstube für die Zimmer, in denen sich wesentliche Szenen abspielen und die dem Chor zahlreiche Aufstellmöglichkeiten rundherum ermöglicht. (leider ist die Bühnenmaschinerie zu laut, wenn dieses Gestaltungsmittel vom Bühnenhintergrund nach vorne geschoben wird) ; ein Requisit, das der reisende Opernfreund schon in verschiedensten Inszenierungen erlebt hat. Den Bühnenhintergrund bildet ein Prospekt, der an die Bilder von Caspar David Friedrich erinnert und durch stimmige Projektionen –zB. ein fließender Gebirgsbach im ersten Bild – stimmig ergänzt wird. Der Realismus wird durch wechselnde Versatzstücke wie Tische, Sesseln oder Bett optimiert. Nahezu historisch getreu sind auch die Kostüme; wer jemals ein Dorffest in der Schweiz erlebt oder zumindest im TV gesehen hat, wird viele Details wieder erkennen. Die Traditionalisten hätten ihre Freude.

Traditionell ist auch die Personenführung. Der Versuchung, das Stück psychologisch zu hinterfragen und den rasanten Sympathiewechsel der Dorfbewohner von Amina zu Lisa und wieder zurück zu hinterfragen, weicht der Regisseur gekonnt aus. Es sind quasi „natürliche“ Reaktionen, die die einzelnen Personen spielen. Einzig in Lisas großer Szene vor ihrer herbeigesehnten Hochzeit wechselt die Figur von der leidenden Figur zum Triumph. Und auch der ausgezeichnete Chor (Chorleitung: Felix Meybier) war leider zumeist sehr statisch.

Dirigent Marco Comin hat sich für eine ungekürzte, kritisch revidierte Fassung entschieden. Man hört unbekannte Takte und Giuseppe Verdis Kommentar über die Musik – „melodie lunghe, lunghe, lunghe“ wird so verständlich. Stimmig ist auch die Lösung, Teile der Musik beim Eröffnungschor von der Bühnenmusik im Hintergrund spielen zu lassen. Dass das Orchester in den begeisterten Schlussapplaus eingeschlossen war, ist mehr als verständlich; perfekte Italianita kam aus dem Orchestergraben.

Gesungen wird, in der Originalsprache, zumeist auf hohem Niveau. Marcus Wandl, im „Hauptberuf“ im Chor des Gärtnerplatztheater singend, gibt einen rollendeckenden Notar; Martin Hausberg ist als Alessio szenisch präsent und lässt mit schönen Tönen aufhorchen. Und auch die Teresa, auf der Bühne zu einem matronenhaften Gehabe verpflichtet (was in der Realität der Sängerin in keiner Weise entspricht), liegt bei Anna Agathonos in guter Kehle. Ein tatsächlich junger Graf Rodolfo ist Maxim Kuzmin-Karavaev. Der in Moskau ausgebildete Sänger kann bereits auf eine internationale Karriere und die Zusammenarbeit mit bedeutenden Dirigenten verweisen. Noch ist er kein wirklicher basso profondo, dazu fehlt ihm noch das Alter und die stimmliche Reife, aber in ihm wächst ein künftiger „echter“ Bass mit Volumen und Tiefe heran. Die Intrigantin Lisa singt die aus der Ukraine stammende und in Salzburg und Wien ausgebildete Maria Nazarova, die demnächst auch an der Wiener Staatsoper als Barbarina zu hören sein wird. Zickig gegenüber Alessio und nicht einmal scheinbar freundlich gegenüber Amina mischt sie sich immer wieder unter das Volk, als wolle sie sich in der Menge verstecken. Beinahe naiv spielt sie im Duett mit Rodolfo, ehe sie als kurzfristige Braut im Hochzeitskleid auch stimmlich brillieren kann. Der Opernfreund sollte diese junge Dame im Auge behalten.

Mittelpunkt und Höhepunkte des Abends bilden das Liebespaar Elvino und Amina. Arthur Espiritu, Herzog in „Rigoletto“ im vergangenen Sommer in Klosterneuburg und am Gärtnerplatztheater demnächst auch in „La Cenerentola“ zu hören, ist – darf man das als Mann sagen ? – optisch nicht unbedingt das Traumbild eines latin lover. Bei den bombensicheren Höhen über die er verfügt, muss das aber auch nicht der Fall sein. Anfänglich sichtlich nervös, zeigt er sich im Laufe des Abends als stimmschöner und stimmsicherer Belcantist, der auch an so genannten ersten Häusern gute Figur machen würde. Die von Bellini verlangten großen Bögen gelingen ihm mühelos, die gefürchteten Höhen singt er ungestemmt und mit voller Stimme. An seiner Seite gestaltet Jennifer O`Loughlin die Titelpartie mit Bravour. Es ist ihre erste Belcantopartie – das Haus ermöglicht ihr jene Rollen, die ihrer stimmlichen Entwicklung entsprechen und die ihr früheres Stammhaus nicht ins Repertoire nimmt – und gleichzeitig Abschied von manch einer Rolle, mit der man sie in Wien kannte. Große Schuhe sind es, die prominente Sängerinnen in der Rolle der Amina hinterlassen haben, aber dieser Abend lässt auch kritische Besucher nicht zweifeln, dass O`Loughlin in diese Schuhe hineinwachsen kann. Die scheinbar unendlichen mit Verzierungen gespickten Melodiebögen singt sie beinahe unangestrengt und krönt das Finale mit einem fulminanten Schlusston. Kleine Unreinheiten werden mit mehr Routine im neuen Stimmfach schnell vergehen.

Das applausfreudige Publikum spendete nicht nur begeisterten Szenenapplaus – gelegentlich auch in Arien hinein -; Jubel, vor allem für Lisa und das Liebespaar, und Getrampel am Ende des Premierenabends bezeugen einen uneingeschränkten Erfolg dieser Neuproduktion.

 

Michael Koling

 

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