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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: TAGEBUCH EINES VERSCHOLLENEN von Leos Janacek. „Montagsstück“ als Stream

09.02.2021 | Oper international

Leos Janaceks „Tagebuch eines Verschollenen“ am 8. 2. 2021 in der Bayerischen Staatsoper/MÜNCHEN

Loslösung von den Zwängen

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Pavol Breslik. Foto: Bayerische Staatsoper

 Das in den Jahren 1917 bis 1919 entstandene „Tagebuch eines Verschollenen“ von Leos Janacek ist zwar ein ungewöhnlicher Liedzyklus, aber noch mehr fast schon eine kleine Oper. Der Text geht auf den Dichter Ozef Kalda zurück. Ein Jahr später schrieb der 62jährige Janacek unter dem Eindruck seiner Liebe zu der sehr viel jüngeren Kamila Stösslova die Vertonung dieses Textes. Der Liederzyklus handelt von der Liebe des wohlhabenden Bauernsohns Janicek zur Zigeunerin Zefka. Er weigert sich, die von seinem Vater ausgesuchte Braut zu heiraten. Als Zefka schwanger wird, löst er sich endgültig von den Zwängen der Gesellschaft und beginnt mit seiner Geliebten ein neues Leben in der Natur. Einige Tage später werden in seiner Kammer Aufzeichnungen mit kleinen Gedichten entdeckt, die sein Geheimnis offenbaren. In der szenischen Einrichtung von Friederike Blum konzentriert  sich das seltsame Geschehen ganz auf den Protagonisten, der von Pavol Breslik voller Emotion und mit geradezu wilder Leidenschaft dargestellt wird. Man spürt, wie der Komponist sich hier selbst höchst suggestiv verkörpert. Diese Monologe und Dialoge sind von bewegenden Naturschilderungen erfüllt, die an Janaceks Oper „Das schlaue Füchslein“ denken lassen. Sprechmotive ergänzen ausdrucksvolle metrische und rhythmische Vorgaben, die die teilweise gewaltig ausufernden Gesangslinien prägen.

Folkloristische Effekte werden bei dieser Aufführung nicht nur vom eruptiv agierenden Pianisten Robert Pechanec facettenreich ausgekostet, sondern auch von Daria Proszek (Mezzosopran) und den drei Frauenstimmen Sarah Gilford, Mirjam Mesak und Yajie Zhang präzis herausgearbeitet. Auch szenisch wird hier deutlich, wie die unendlich traurige und unsichere Liebe eines Mannes schließlich zu dessen endgültigem Verschwinden führt: „Leb denn wohl, Heimatland“. Der Tenor Pavol Breslik beweist bei den einzelnen Szenen „Ich traf eine junge Zigeunerin“, „Ist sie noch immer da“, „Wie der Glühwürmchen Spiel“ oder „Sei willkommen, Jan“ seine erstaunliche gesangliche Wandlungsfähigkeit. Naturalismus, die Stimmen des Waldes und der Tonfall des Dialektes prägen sehr stark diese Interpretation. Der Pianist Robert Pechanec unterstreicht ebenfalls die kraftvolle und kühne Rhythmik der Komposition, eigenwillige Harmonik und Melodik blitzen leuchtkräftig hervor. Zunächst sitzt Pavol Breslik vor einem Tisch, auf dem eine große Pflanze steht, deren Gräser er allmählich ausreisst. Später steht und tanzt er wie wild auf diesem Tisch. Zuletzt verlässt er die Bühne und stürmt in den Zuschauerraum des Opernhauses, steigt über die einzelnen Sitzreihen hinweg, während ganz oben ein goldenes Fenster leuchtet: „Leb denn wohl, Heimatland“. Musikalisch in besonderer Weise reizvoll ist die Nummer X: „Gott dort oben, sag, warum nur“. Hier agieren Alt, drei Frauenstimmen und Klavier in scheinbar sphärenhaften Höhen. Dabei triumphiert die Loslösung von den Zwängen auch musikalisch: Der Realismus der Melodik gewinnt an Intensität. Und auch die ostinatohafte Verwendung von Melodiefloskeln zeigt Präsenz. Der Sprachrhythmus entspricht der kleinmotivischen Deklamation. Seelen- und Naturstimmungen korrespondieren mit einer lyrischen Tonsprache, die sich dramatisch steigern kann. Auch hier bleibt Janaceks Lieblingstonart Des-Dur ganz versteckt spürbar. Gerade die letzte Szene „Leb denn wohl, Heimatland“ wirkt wie eine große Befreiung aus der manchmal allzu plakativ dargestellten bürgerlichen Enge. 

Alexander Walther      

 

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