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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: MEFISTOFELE

30.10.2015 | Allgemein, Oper

München: Bayerische Staatsoper: „MEFISTOFELE“ von Arrigo Boito, 29.10.2015

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Bühnentotale. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Mit einer Münchner Erstaufführung eröffnete die Bayerische Staatsoperden Premierenreigen der Saison 2015/2016: „Mefistofele“ von Arrigo Boito hat erst knapp 150 Jahre nach seiner Uraufführung 1868 seinen Weg nach München gefunden. Auch für die Sänger und  den Regisseur war es die erste Beschäftigung mit diesem Werk, so dass sowohl Mitwirkende als auch das Publikum das Stück neu für sich entdecken konnten. Boito verarbeitet in seiner Oper Szenen aus Goethes Faust I und II, verändert die literarische Vorlage aber entscheidend, indem er die Figur des Mephisto an Stelle des Faust zum Zentrum des Geschehens macht. Regisseur Roland Schwab lässt die Oper in albtraumhafter Atmosphäre spielen. Der schwarze Bühnenraum ist an den Seiten von konkav gewölbten Gerüsten begrenzt. Auf dem Boden liegen und stehen verstreut einzelne Gegenstände, wie Stühle, ein Tisch, ein Sofa oder eine verbogene Posaune. Die Hölle hat von der Welt bereits vollständig Besitz ergriffen, auch Faust wird von Anfang an von ihr und Mephisto beherrscht. So zieht Mephisto Faust bereits im Prolog an einer Kette aus der Versenkung und treibt fortan sein Spiel mit ihm. Einer Versuchung bedarf es nicht mehr. Gott und der Himmel sind aus dieser Welt bereits vollständig verschwunden. Nach dem Prolog beginnt Fausts Höllenritt, zunächst mit einem grotesk morbiden Oktoberfest an Stelle des Osterspaziergangs.Es folgt eine surreale Begegnung mit Margherita und schließlich eine wilde Walpurgisnacht, in der Faust sich zunächst zu einer Vergewaltigung Margheritas hinreißen lässt und schließlich von allen Höllengeistern, die Mephisto aufbieten kann, heimgesucht wird. Der vierte Akt spielt in einem Altersheim mit Helena als Pflegerin. Faust kann Erlösung nicht durch Gott, sondern nur in der Demenz finden. Ein äußerst pessimistisches und verstörendes Weltbild.

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Rene Pape, Joseph Calleja. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Himmlisches kommt in dieser Produktion nur in der Musik und im Gesang vor. Vor allem Joseph Calleja in der Rolle des Faust bringt mit seiner leuchtenden, klangvollen und farbenreichen Stimme Licht und Wärme in die verstörende Atmosphäre. Er singt seine Arien wunderschön phrasiert mit weich fließenden Bögen und mühelosen Höhen. Ein vollendeter Genuss, ihm zuzuhören! René Pape gestaltet die anspruchsvolle Titelpartie musikalisch souverän und beeindruckt mit seiner sonoren, frei strömenden Bassstimme, mit der er auch extreme Lagen ohne Schwierigkeiten meistert. Darstellerisch blieb seine Leistung etwas hinter den Erwartungen zurück. Sein Mephisto war zwar lässig elegant, aber nicht die schaurig-faszinierende, schillernde Persönlichkeit, die die Szene vollständig beherrscht. Die Übermacht des Bösen wurde eher durch die äußere Atmosphäre kreiert als durch seine schauspielerische Leistung.Dies mag aber auch am Regiekonzept gelegen haben. Die weiblichen Solorollen sind in dieser Oper vergleichsweise klein. Dennoch zog Kristine Opolais als Margherita das Publikum durch ihr emotionales, anrührendes Spiel in ihren Bann. Sie bot die stärkste darstellerische Leistung des Abends. Musikalisch überzeugte sie vor allem in der dramatischen Todesszene. In den lyrischeren Szenen klang ihre Stimme an diesem Abend etwas hart. Karine Babajanyan sang die Helena mit kräftigem, ziemlich vibratoreichen Sopran. Die übrigen Solorollen waren mit HeikeGrötzinger (Martha), Andrea Borghini (Wagner), Rachel Wilson (Pantalis) und Joshua Owen Mills (Neréo) adäquat besetzt.

Dirigent Omer Meir Wellberund das Bayerische Staatsorchester brachten alle Facetten der vielschichtigen Partitur von düster fahl bis auftrumpfend und schwelgerisch zum Ausdruck. Mit seinen großen, fast schon tänzerischen Gesten dirigierte Wellber so begeistert, dass er manchmal das richtige Maß vergaß und das Orchester zu laut klingen ließ. Dadurch hatten es die Sänger an manchen Stellen schwer, gegen die gewaltigen Klangwogen anzusingen.

Insgesamt ist der Münchner „Mefistofele“ eine interessante und spannende Produktion und in dieser Besetzung der beiden männlichen Hauptrollen ein musikalischer Hochgenuss.

Gisela Schmöger

 

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