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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: DER FREISCHÜTZ. Premiere im Stream gesehen

16.02.2021 | Oper international

 

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Anna Prohaska (Ännchen), Golda Schultz (Agathe). Foto: Bayerische Staatsoper/ Wilfried Hösl

München, Bayerische Staatsoper: Weber: Freischütz        im Stream gesehen am 16.2.2021

Von DIMITRI TSCHERNIAKOV gibt es viele aufregende Arbeiten, etwa seine Deutung des Don Giovanni´s oder der Carmen in Aix aux Provences, seine Zarenbraut in Berlin, sein Schneeflöcklein in Paris, seine Stadt Kitesch in Amsterdam, gekrönt von seinem unübertroffenen Eugen Onegin, der neben Moskau und Paris auch in Wien gerade gezeigt wird.

Immer hat er eine kluge eigene Deutung parat, unvorhergesehen und neu, aber nicht zerstörerisch, sondern im engen Kontext zum Original. So war man gespannt auf seine Sicht auf Weber´s Freischütz, die jetzt an der Bayerischen Staatsoper Online- Premiere hatte.

Und bei aller Bewunderung für den Regisseur sonst, war der Rezensent diesmal sehr enttäuscht.

Es gibt zwar ein neu-gesehenes Konzept: der Probeschuß wird zur unmenschlichen Mutprobe, willkürlich aus der Menge einen Menschen zu erschießen, Samiel und Kaspar sind eins – was sicher nicht ganz neu ist- und im Finale ist Agathe tot, während Kaspar weiterlebt. Ännchen ist eine unnahbare Businessfrau, in Agathe verliebt, fast eine Warrior-Ikone aus einem Computerspiel….

Aber all diese Elemente wirken doch wenig verbunden, auch letztlich nicht überzeugend situativ gespielt. Schon die erste Sprechszene von Erbförster Kuno, der hier ein mondäner Kaufmann ist, wird zum eindimensolnalen Opernsprechtext mit sonor-montotoner Sängerstimmgebung. Überhaupt läßt die Internationalität des Ensembles nur bedingt Sprechszenen zu, oft wird gechattet und man kann im Übertext lesen, was noch gemeint sein soll. Die Wortwahl der neu dazugefügten Texte und der teils original belassenden Dialoge von Friedrich Kind bleiben schroffe Gegensätze. Im kalten Ambiente einer sehr klug gestalteten Hotelhalle bleiben die Figuren und vor allem die Chorsolisten sehr statisch. Die gewissene Eingeforenheit der Menschenmenge wirkt aber eher lähmend als aussagekräftig. Die Protagonisten befreien sich nur monentweise aus dieser Lethargie.

Auch musikalisch vermag der Abend nur mäßig zu überzeugen. Zwar sind alle Sänger gut bei Stimme, dennoch gibt es kaum magische Momente, was auch an der sehr unspezifisch, klangausgedünnten musikalischen Leitung von ANTONELLO MANACORDA und dem zu kleinen Streichersatz liegen mag. Da ist wenig von der Urgewalt zu hören, die Carl Maria von Weber einst intendierte und die große Abgründe eröffnen kann. Das Staatsorchester folgt dieser moderaten Lesart mit schönen einzelinstrumentalen Höhepunkten. Der verkleinerte Staatsopernchor singt gut und ist szenisch unterfordert.

GOLDA SCHULTZ als Agathe besitzt einen unbegrenzten fließenden, warmen Sopran und kann diesen auch zur Geltung bringen. Sie und aber auch ihre Kollegin ANNA PROHASKA als Ännchen schleifen zu oft Töne und Phrasen von unten an und so bleibt die Stilsicherheit für diese früh-romantische Musik dabei auf der Strecke. Prohaskas Stimme sucht inzwischen die dunkel-lyrische, manchmal fast disseusenhafte Farbe, die dem Ännchen nicht sonderlich gut bekommt. Darstellerisch sind beide sehr deutlich gezeichnet, können aber auch da aus ihren eng gesteckten Rollenkorsetts selten ausbrechen.

PAVEL CERNOCHs Tenor überzeugt mit saftiger Tongebung, auch in den oft tiefen Lagen des Max stets wohlklingend. Er muss den zaudernden Versager im Strickpulli spielen, der verständlicherweise vor einem Mord zurückschreckt, und eigentlich dadurch ein  Humanist ist und kein Weichling sein müßte. Sein böser Freund Kaspar wird von KYLE KETELSEN nobel und etwas glatt gesungen. BALINT SZABO tönt als Kuno, MILAN SILJANOV ist ein wacher Kilian und auch TAREQ NAZMI kann als Eremit punkten.

Dass eine spannungsgelandene Atmosphäre nicht aufkommt, liegt sicher am nicht unkomplizierten Sujet. Mit der völligen szenischen Verweigerung, die Naturkräfte, die ständig musikalisch intensiv hereinbrechen, darzustellen, haftet der Inszenierung etwas aseptisch Steriles an. Dieser Stoff läßt sich nicht rein intellektuell erklären.

Freischütz teilt so das Schicksal mit Fidelio: es bleibt szenisch eine fast nie erfüllende Angelegenheit, zu dominant ist die Komposition gegenüber dem Libretto.

Damian Kern

 

 

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