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MÜNCHEN / Bayer. Staatsoper – ARABELLA – Zurück zur „Lyrischen Komödie“

20.01.2016 | KRITIKEN, Oper

MÜNCHEN / Bayerische Staatsoper – ARABELLA – Zurück zur „Lyrischen Komödie“ von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss – 19.01.2016

Wunderbar! Die „Lyrischen Komödie“ ist zurück! Nun kann man die geliebte Arabella in Mathias Fischer-Dieskaus attraktiver Treppen-Szenerie erst richtig genießen. 

Andreas Dresens deprimierende Sicht machte das doch recht unterhaltsame Stück zu einer eher tristen Angelegenheit, und dass Arabella den Mandryka nur als Mittel zum Zweck – um aus dem überschuldeten Haushalt zu entfliehen – quasi missbraucht, entsprach in keinster Weise Arabellas Aussagen und Sehnsüchten nach dem „Richtigen“. So wandte sich Arabella im großen Duett immer wieder von Mandryka ab anstatt ihm ins Gesicht zu sehen, vollkommen verfehlt. Schon nach der Premiere (7/15) gab ich der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Sänger-Darsteller bei weiteren Folgen von diesem Konzept lösen würden.

bayerische_staatsoper_arabella_anja_harteros_thomas_j._mayer_c_wilfried_hosl  Dies geschah nun in ganz wunderbarer Weise. Anja Harteros spielte jetzt eine ganz andere, um ihren erwählten Richtigen kämpfende Frau, sodass zwischen ihr und Mandryka Thomas J. Mayer nunmehr absolut packendes Theater stattfindet und man spürt, wie überwältigt beide von ihrer gegenseitigen Anziehungskraft sind.

Thomas J. Mayer vermochte schon bei der Premiere als Mandryka, in dieser so vertrackt anspruchsvollen Bariton-Partie, ganz und gar zu überzeugen. Dies jetzt noch mehr. Es war ein Genuss, seinem virilen, in allen Bereichen mühelos ansprechenden Edelbariton zuzuhören. Seine äußere Attraktivität und sein temperamentvolles Spiel vervollkommneten das fesselnde Rollenportrait.

Dabei wurde es ihm vom Pult aus nicht immer ganz leicht gemacht. Es ist ja wirklich schön, mit Constantin Trinks einen Dirigenten zu haben, der uns wieder üppig füllige Strausswonnen serviert, und vor allem einen, der den herrlichen Schlüsselstellen (Wenn aber das die Folge wär gewesen / Das ist ein Fall von andrer Art) Raum zur Entfaltung gibt (was ich beim Premierendirigenten Philippe Jordan vermisste). Trinks gab hier allerdings so viel Raum, dass der Sänger schon sein komplettes Atemreservoir ausschöpfen musste, aber er gab damit dem Zuhörer auch die Möglichkeit in diesen Phrasen genüsslich zu „baden“.

Anja Harteros‘ Rollenportrait der Arabella überzeugt nun in allen Bereichen, bis in die kleinsten Gesten. Ihr inzwischen riesig gewachsener jugendlich-dramatischer Sopran mit seinen nach wie vor kühlen, etwas harten Höhen (sie „blühen“ einfach nicht) ist kein idealer Strauss-Sopran, so kunstvoll sie ihn auch einsetzt. Ja, wo sind sie nur hin, all diese silbertönenden Stimmen, die einen Strauss so veredelten (wie Popp, Julie Kaufmann, della Casa, Güden, Rothenberger…). Denn auch Hanna-Elisabeth Müller hat eine solche nicht. So hin- und hergerissen man von ihrem Zdenka-Gesamtbild sein mag, bei ihren Schlüsselstellen (u.a. Sein Freund bin ich, sein einziger…) kommen einem leider nicht die Tränen, wie es im optimalsten Fall sein sollte. Und wenn sie des Öfteren mit etwas zu viel Power in die Höhen steigt, werden diese manchmal leicht scharf. Aber wollen wir nicht mosern, die beiden bewegen sich ja dennoch im Spitzenbereich des derzeit Möglichen. – Allerdings, etwas von zu erahnendem Silber konnte man bei der Fiakermilli von Erin Morley entdecken, die ihre halsbrecherischen Koloraturen mit Verve in den Ballsaal schmetterte.

Joseph Kaiser ist als Gesamtpaket ein guter Matteo, auch wenn er ein paar „Cracks“ nicht ganz vermeiden konnte. Strauss muss den Uraufführung-Tenor gehasst haben, dass er dieser Rolle eine so „gemeine“ Tessitura komponiert hat. – Ganz vortrefflich erneut Dean Power als Elemer, mit strahlendem Tenor als schneidiger und einziger ernsthaft in Frage kommender der drei um Arabella werbenden Grafen. Andrea Borghini gab mit geschmeidigem Bariton den Mutter Adelaide vernaschenden Grafen Dominik. Tareq Nazmi als Lamoral gab sich sehr schüchtern. Mit seinem Bass und seinem, wie aus früheren Auftritten bekannt, komischen Talent, könnte er durchaus den Grafen Waldner abgeben. Denn diese Rolle wird missverständlicher- und bedauerlicherweise immer wieder mit Bässen im wohlverdienten Rentenalter besetzt. Diese Rolle hat zwar einige komische Momente, ist aber kein Buffo, sondern ein richtiger Bass. In der vorigen Arabella-Produktion wurde ein stimmloser, nur noch zu Sprechgesang fähiger Herr gnadenlos durchgezogen. Kurt Rydl ist da zwar noch etwas besser, zeigte aber im 1. Akt allerhand „Unkonzentriertheiten“ musikalischer Art. Später, als seine Familie verteidigender Graf, steigerte er sich glücklicherweise. Aber sowohl sein Rollenvorgänger als auch Rydl selbst sehen eher wie der Opa der beiden Schwestern aus. Einen vollwertigen Waldner konnten z. B. Regensburg und Glyndebourne bieten. Am Hause gäbe es diverse Besetzungsalternativen für diese Partie. – Doris Soffel ist dagegen eine prachtvolle Adelaide, die ihr Riesenorgan allerdings ruhig ein wenig im Zaum halten dürfte. Heike Grötzinger komplettierte als Kartenaufschlägerin.

Ob die Regie nochmal überarbeitet wurde, was ungewöhnlich wäre, oder ob die Sänger sich darstellerisch so glücklich von vorgegebenen Fesseln selbst befreit hatten – wie auch immer, dieserart können wir noch viele Jahre mit dieser Arabella glücklich und zufrieden sein.

Doro Zweipfennig

 

Foto: Anja Harteros, Thomas J. Mayer © Wilfried Hösl

 

 

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