Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MÜNCHEN / 1. Saison-Premiere beim Bayerischen Staatsballett – SINFONIE IN C / IN THE NIGHT / ADAM IS

21.12.2015 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

 

MÜNCHEN / 1. Saison-Premiere beim Bayerischen Staatsballett am 20.12.2015 –

“SINFONIE IN C / IN THE NIGHT / ADAM IS”

01_Sinfonie in C_Lacarra, Dino, Ensemble_©Wilfried Hösl_9C2A1161 kl. SINFONIE IN C / Choreographie – George Balanchine / Musik – Georges Bizet / Einstudierung – Colleen Neary / Bayerisches Staatsorchester – Michael Schmidtsdorff

Zum Werk: Zwei Meisterwerken des klassischen Tanzes stellt dieser Abend eine Uraufführung gegenüber. In Sinfonie in C verbindet sich die jugendliche Genialität des sechzehnjährigen Georges Bizet mit der reifen Meisterschaft George Balanchines. Zu den vier Sätzen der Symphonie choreographiert Balanchine eine Hymne auf den klassischen Tanz. – Der ursprüngliche Titel – Le Palais de Cristal – drückt die Atmosphäre von Glanz, Heiterkeit und blitzender Virtuosität noch plastischer aus als der später festgelegte und bis heute geltende Titel, der die geistige Reinheit und Abstraktheit dieses Tanzfestes in der Sprache der danse d’école hervorhebt. Sinfonie in C wird seit 1975 auch in München getanzt und mit gutem Grund für immer neue Generationen von Tänzern und Publikum zur Premiere.

Die hohe Schule des klassischen Balletts, immer wieder mal gewürzt mit kleinen, in diesem Bereich etwas ungewöhnlichen aber lustigen Knicks im Bein oder Bewegungen der Arme. In Bizets heiterer C-Dur-Sinfonie befindet sich nahezu die gesamte Kompanie auf der Bühne, deren Mittelpunkt in jedem Satz ein Pas-de-deux-Paar bildet. Im 1. Satz bezaubert durch Schönheit und Esprit Ekaterina Petina an der Seite von Erik Murzagaliyev; im 3. wird die stets vor jugendlicher Ausstrahlung strotzende Ivy Amista vom hier hocheleganten Maxim Chashchegorov gepartnert; im 4. hatte es den Anschein als würde  Adam Zvonař etwas mehr Temperament bevorzugen als von seiner Partnerin Daria Sukhorukova geboten war. – Der absolute Höhepunkt jedoch war das Paar des 2. Satzes – Lucia Lacarra und Marlon Dino sind als Adagio-Paar einfach unschlagbar – was für ein Augenblick! Das Gros des Publikums erkannte, welch tänzerisches Juwel ihm da geboten worden war, der Jubel war entsprechend.

07_In the Night_Ensemble_©Wilfried Hösl_5M1A7060 IN THE NIGHT / Choreographie – Jerome Robbins / Musik – Frédéric Chopin / Kostüme – Anthony Dowell / Licht – Jennifer Tipton / Einstudierung – Christine Redpath / Klavier – Maria Babanina

Zum Werk: In the Night steht paradigmatisch für das Werk von Balanchines großem Komplementär, Jerome Robbins. Drei Tänzerpaare und vier Nocturnes von Chopin – das Ballett entführt uns in eine Welt der Empfindungen, führt uns choreographisch immer wieder an die Grenzen des klassischen Tanzes, ohne sie gewaltsam zu überschreiten. Robbins, der Meister des Broadways, ist auch ein Meister höchsten Kunstanspruchs – beides zu vereinen gelingt ihm wie keinem anderen Choreographen des 20. Jahrhunderts.

Drei Paare zeigen die Jahreszeiten der Liebe: Zunächst das sich gerade frisch verliebende Paar, der Frühling, mit Ivy Amista und Javier Amo. Ekaterina Petina und Tigran Mikayelyan verkörperten das Paar in der Mitte des Lebens, den Hochsommer, mit gereifter, zuverlässiger Partnerschaft. Und Lucia Lacarra und Cyril Pierre (etwas steif und sehr reif wirkend) demonstrierten das Suchen nach neuen Wegen, die alte Liebe zu retten und wiederzubeleben, den Spätherbst. *)

10_Adam is_Erik Murzagaliyev, Javoier Amo_©Wilfried Hösl_9C2A0706 ADAM IS – UA Barton (2015) / Choreographie – Aszure Barton / Musik – Curtis Macdonald (vom Band) / Kostüme – Michelle Jank / Bühne/Licht – Burke Brown / Video – Tobin del Cuore

Zum Werk: Aszure Barton kreierte 2014 ihr erstes Werk für das Bayerische Staatsballett (Konzert für Violine und Orchester), eine von der Musik inspirierte Hymne auf die tänzerische und emotionale Kraft des Münchner Ensembles. Im Rahmen dieser Premiere nun wird sie der weiblich dominierten Sinfonie in C ein reines Männerensemble gegenüberstellen, für das der in New York lebende Kanadier Curtis Macdonald die Musik komponierte. Barton gehört zu der jungen Generation von Choreographen, die keine Berührungsängste kennen, sei es gegenüber der klassischen Hochkunst, sei es gegenüber reinem Entertainment. So arbeitet sie für asketische Avantgarde-Unternehmen wie das Baryshnikow Art Center, für klassische und moderne Ensembles wie das American Ballet Theatre oder das Nederlands Dans Theater ebenso wie für den Broadway. Insofern steht sie ganz in der Tradition von Jerome Robbins.

 9 Männer, jeder für sich ein Solist, toben über die Bühne; der Riesenteddy bleibt zunächst in schummrigem Halbdunkel. Zum Teil spektakuläre Soli wechseln mit Kräfte messenden Duos und Gruppen. Irgendwann fängt der Teddy fürchterlich an zu jammern, die Jungs stutzen und gehen ab. Vielleicht der Abschied vom Kind im Manne? Das gegenseitige „Wer-ist-der- Größte“ endet schließlich irgendwann, alle bis auf zwei gehen ab. Und diese Beiden zeigen uns den Höhepunkt dieses an sich heiteren Balletts, einen sehr emotionalen Pas de deux – das Suchen und Finden einer homophilen Partnerschaft. Matej Urban und Jonah Cook tanzen das hinreißend! – Die weiteren Jungs:  Nicola Strada, Shawn Throop, Ilia Sarkisov, Erik Murzagaliyev, Nicholas Losada, Léonard Engel, Javier Amo.

Dieses personalintensive Programm dürfte auch noch in spannenden Alternativbesetzungen von Interesse sein. Für das Adagio-Paar im 1. Teil kann es eine vollwertige (!) Alternative allerdings kaum geben.

Doro Zweipfennig

 

Alle Fotos © Wilfried Hösl

Foto 1 –  Sinfonie in C – Das Adagio-Paar  > Lacarra, Dino

Foto 2 – In the Night – Amista, Pierre, Mikayelyan, Amo, Lacarra, Petina

Foto 3 –  Adam is – der berühmte Riesenteddy, unten Murzagaliyev

 

 

*) Der letzte Pas de deux aus“In the Night“ ist mir von Maria Eichwald und Kirill Melnikov noch in bester Erinnerung >  https://www.youtube.com/watch?v=4JYN6lZZ8CM

 

 

 

Diese Seite drucken