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MÜCHEN/ Philharmonie am Gasteig: Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

21.03.2021 | Konzert/Liederabende

Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gasteig

Zuneigung zu jedem Instrument

Sir Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks via 3sat im Gasteig am 20.3.2021/MÜNCHEN

Gemeinsam mit der tschechischen Mezzosopranistin Magdalena Kozena (die zugleich seine Ehefrau ist) gestaltete Sir Simon Rattle zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eine sehr berührende Interpretation der fünf Lieder nach  Friedrich Rückert von Gustav Mahler. Das motivische Werden erreichte dabei eine herausragende  Qualität und mystische Strahlkraft. Die Kraft der von Mahler selbst so bezeichneten „gelebten Musik“ kam dabei vor allem auch angesichts Magdalena Kozenas einfühlsamem Gesang zum Vorschein. Die stimmlichen Klangschattierungen erreichten immer wieder eine ganz erstaunliche Tragweite und akustische Prägnanz. Die einzelnen Sätze „Blicke mir nicht in die Lieder“, „Liebst du um Schönheit“, „Um Mitternacht“, „Ich atmet‘ einen linden Duft“ und „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ besaßen einen überwältigenden Klangradius. Mahler bezeichnete die Gedichte Rückerts sogar als „Lyrik aus erster Hand“ – und dies merkt man der  großen Intensität und Reife der Komposition auch an. Eine enorme klangliche Differenzierung machte sich bei dieser suggestiven Wiedergabe bemerkbar, deren dynamische Tiefen voll ausgelotet wurden. Melodie- und Klangwellen bewegten den Hörer sogleich bei „Ich atmet‘ einen Lindenduft“. Die fast sphärenhaft aufsteigenden Klangwelten wurden hier ausgezeichnet herausgearbeitet. Als rührendes Liebeslied erschien „Liebst du um Schönheit“, das Mahler in der ersten Ehezeit für seine Frau Alma schrieb. Das Adagietto der  fünften Sinfonie Mahlers lässt hier grüßen. Den stärksten Eindruck hinterließ dann „Um Mitternacht“, wo sich  vor allem Bläser, Pauken und Harfe machtvoll behaupteten. Magdalena Kozena fand für dieses Lied eine besondere Ausdruckskraft und bewegende Emphase, die sich immer mehr steigerte. Der prachtvolle Choral erschien am Schluss überaus erhaben und mitreissend. Manche Klangmischung ließ bereits an die magische Eigenart der Tonsprache Schönbergs denken. Magdalena Kozena ließ die traumhaft gleitenden Melodien mit ihrer schlanken Mezzosopranstimme in facettenreicher Weise lebendig werden. Danach folgte dann Maurice Ravels Suite „Ma Mere L’Oie“ in der Ballettfassung. Hier erwies sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einmal mehr als hervorragender Klangkörper, der auch die Ironie dieser Komposition „Meine Mutter, die Gans“ voll erfasste. Die reizenden Themen im zauberhaften Klanggewand konnten sich voll entfalten. In freien Intervallen behauptete sich hier der erste Satz als „Pavane für Dornröschen“, während der zweite Satz fast satirisch und ironisch vom kleinen Däumling erzählte. Sir Simon Rattle bewies dabei als Dirigent seine besondere Zuneigung zu jedem Instrument, wobei er auch die geheimnisvollen thematischen Verbindungen mit dem sensibel musizierenden Orchester ausgezeichnet herausarbeitete. Im dritten Satz faszinierten die Girlanden und Arabesken und erzählten überaus virtuos von Laideronette, der Kaiserin der Pagoden, zu deren Bad die Pagoden und Pagodinnen ausgelassen sangen und spielten. Der vierte Satz erzählte in fulminanter Weise von Le Belle et la Bete – die Geschichte der Schönen, die durch ihre Liebe ein verzaubertes Tier zu erlösen vermag. Höhepunkt dieser Interpretation war zuletzt das machtvolle Finale, das als „Feengarten“ mit einer gewaltigen dynamischen Steigerung aufwartete. Hier erreichte der Ravelsche Klangkomsos eine  neue, überragende Dimension. Anklänge an die orientalische Musik, an die Barockwerke von Couperin und Rameau oder das explosive spanische Kolorit waren hier immer wieder herauszuhören. Auf die weitere Zusammenarbeit Rattles mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks darf man gespannt sein.    

Alexander Walther

 

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