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MOSKAU/ Dresden UFA Kristallpalast/ Bolschoi-Ballett im Kino: DIE KAMELIENDAME – Ballett von John Neumeier

07.12.2015 | Ballett/Tanz

Live aus dem Bolschoi Theater Moskau: “DIE KAMELIENDAME“ – BALLETT VON JOHN NEUMEIER – 6.12. 2015

Live aus Moskau und in perfektem HD und glasklarem Surround Sound präsentierte das Moskauer Bolschoi Theater über mehr als 1,6 Tausend km hinweg auch im Dresdner UFA Kristallpalast mit seiner angenehmen Atmosphäre „Die Kameliendame“ nach Alexandre Dumas‘ d. J. Roman „La dame aux camélias“ als ca. 3stündiges Ballett mit einem Prolog und 3 Akten in der sehr eindrucksvollen Choreografie von John Neumeier, die weltweit schon Premiere hatte, u. a. in Stuttgart (Uraufführung 1978), München, Berlin, Kopenhagen, Dresden, St. Petersburg und Wien. 2014 wurde es von der Ballett-Compagnie des Bolschoi-Theaters Moskau einstudiert.

Die Musik ist den Klavierkompositionen Frédérik Chopins entnommen und je nach Handlungs-Situation geschickt zusammengestellt. Im 1. Akt wurde das „2. Klavierkonzert f Moll“ (op. 21) live aus dem Orchestergraben vom Bolschoi Theater Orchestra unter der Leitung von Pawel Sorokin beigesteuert. Ansonsten wird das Geschehen mit Préludes, Walzern, Ballade, „Grand Polnaise“, „Grand Fantaisie“ sowie Sätzen aus Sonaten, Nocturnes usw. von einem Pianisten an einem, seitlich auf der Bühne aufgestellten, Flügel untermalt.

Die Handlung wird in Rückblenden aufgerollt. Sie beginnt mit dem Ende der Geschichte im „Prolog“, der die zur Auktion angebotenen Gegenstände in der luxuriösen Pariser Wohnung der verstorbenen Kurtisane Marguerite Gautier (Swetlana Zakharowa) zeigt. Möbelpacker tragen die kostbaren Möbel von der Bühne. Nur ihre Haushälterin Nanina (Anna Antropowa) trauert, die anderen „Besucher“ taxieren ungerührt die Gegenstände nach ihrem Wert für sie persönlich, darunter Monsieur Duval (Andrei Merkuriew), der Vater Armands, des Geliebten Marguerites (Edwin Rewazow), der hereinstürzt und in Reue und Rührung in Anbetracht einiger Erinnerungsstücke überwältigt zusammenbricht.

Später wird die Handlung immer wieder durch solche Rückblenden unterbrochen, um das Leben der bezaubernden, von der Pariser High Society gefeierten, Kurtisane Revue passieren zu lassen, zuletzt, wenn Armand in Marguerites Tagebuch liest, immer wieder auch begleitet von dargestellten seelischen Zusammenbrüchen von Marguerite und ihm.

Trotz tragischer Vorgänge werden im Prolog die (früher üblichen) kleinen witzigen „Zwischenfälle“ und Missgeschicke in das Geschehen eingeflochten, möglicherweise, um dem Moskauer Publikum aller Bevölkerungsschichten Rechnung zu tragen – andere Länder, andere Gepflogenheiten und Erwartungen.

Dazu dürfte auch die überreiche Ausstattung an Kostümen gehören. Man leistete sich nicht nur sehr prachtvolle Kostüme in Anlehnung an die Zeit, in der die Handlung spielt (Mitte 19. Jh.), sondern immer wieder neue, nicht nur für jeden Akt, sondern auch noch  innerhalb eines Aktes – ein großes „Ausstattungs“-Ballett, bei dem die Bühne dann jedoch mit relativ sparsamer, aber sinnvoller Dekoration auskommt. Mit (sehr) wenig „Interieur“ auf großer Bühne wird die jeweilige Situation treffend dargestellt und ergänzt. Zwei verschnörkelte Korbsessel und ein Tischchen genügen, um das einfache, wenn auch nicht gerade anspruchslos-bescheidene Leben auf dem Lande zu charakterisieren, oder ein Kronleuchter, später drei, um die Atmosphäre verschiedener Ballsäle zu assoziieren, dazwischen durchsichtige Zwischenvorhänge als Zeitraffer.

Bei der tänzerischen Umsetzung des Librettos, das ebenfalls von Neumeier stammt, stehen keine extrem schwierigen Figurenkombinationen  im Mittelpunkt, sondern die psychologische Durchdringung der Handlung. Die Elemente des Tanzes werden vor allem in den Dienst eines bewegenden Ausdrucks der emotionsgeladenen Geschichte gestellt. Viel Spitze, viel Ausdruck, enorme Leichtigkeit der Körperbewegungen und die Mimik, die bei einer Live-Übertragung ungleich besser zur Geltung kommt als im Theater, sind die Grundpfeiler der Realisierung. Mit den üblichen Elementen wie verschiedene Varianten auf Spitze, Drehungen und Hebefiguren im schnellen Wechsel, gepaart mit eleganter Körperhaltung, Charme und viel Ausdruck, wird hier eine berührende Balletthandlung in Erinnerungen, Träumen, Visionen und Spiegelungen erzählt. Schöne gedrehte Hebefiguren, bei denen die Tänzerin wie in einer Momentaufnahme einer bestimmten Haltung stehenbleibt, bilden die tänzerischen Höhepunkte.

Es wird sehr viel Wert auf besondere „Beinarbeit“ gelegt. Tanz, Musik, Mimik und Ausdruck bilden eine Einheit. Mit einem krassen Missklang auf dem Flügel bricht Vater Duval in das Geschehen ein – ein kurzer Moment in Übereinstimmung zwischen Musik und Handlung, und doch so nachhaltig.

Anders als in Verdis Oper „La Traviata“, die ebenfalls nach dem Roman entstand, bezieht Neumeier in seinem Libretto auch das Liebespaar Manon Lescaut und Des Gieux aus dem Roman des Abbé Prévost bzw. den beiden „Manon“-Opern mit ein, wie eine Parallele zu dem Schicksal der schönen Kurtisane Marguerite Gauthier, die in dieser unauslöschlichen Treue dieser beiden Liebenden wehmütig ihre eigene Sehnsucht sieht, eine Seelenverwandtschaft und doch anders als in ihrem eigenen Leben – zwei Frauen, die sich zwar nach einem Leben in Luxus sehnen, aber auch nicht auf ehrliche Liebe verzichten wollen und schließlich liebend zugrunde gehen.

Wie eindrucksvoll das von den Tanzenden umgesetzt wurde, kann man kaum beschreiben, man muss es gesehen haben, wie Marguerite kurz vor ihrem Tod noch einmal den Verlockungen des Faschings folgen will und sich wie in einer Vision in einem anderen Liebespaar, dem von Manon Lescaut (Anna Tikhomirowa) und Des Grieux (Semjon Tschudin), in Erinnerung an ihre schönste Zeit selbst sieht, sich mit der jungen Frau identifiziert (optisch mit ihr verschmilzt), beim Entfliehen des Paares deren Hand ergreift, um die Situation festzuhalten, weil sie nicht loslassen will und kann, von ihr ein Stück mitgeschleift wird und letztendlich doch loslassen muss und am Boden liegend zurückbleibt – tot, wobei die Beleuchtung ein Übriges tut.

Es gab viele gute und sehr gute Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer. Besonders ausdrucksstark gestaltete aber Swetlana Zakharowa die Rolle der Marguerite Gautier. Die sich immer im Brennpunkt des Geschehens befindet und durch ihre ausdrucksstarken tänzerischen Bewegungen und ihre Mimik, die so vieles ausdrücken kann, nicht nur glaubwürdig erschien, sondern auch stark berührte. Selbst ihr Äußeres war den überlieferten Darstellungen der historischen Kurtisane, die für den Roman Pate stand, nachgestaltet.

Ingrid Gerk

 

 

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