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MOLIÈRE AUF DEM FAHRRAD

14.04.2014 | FILM/TV

FilmPlakat Moliere auf dem Fahrrad

Ab 18. April 2014 in den österreichischen Kinos
MOLIÈRE AUF DEM FAHRRAD
Alceste à bicyclette / Frankreich /  2013
Regie: Philippe Le Guay
Mit: Fabrice Luchini, Lambert Wilson, Maya Sansa u.a.

Das ist nicht Theater auf dem Theater, sondern Theater im Kino, wenn man auch nur am Ende kurz tatsächlich eine „Theaterszene“ sieht. Aber es geht um Schauspieler, es geht um Molière, es geht um die französische Sprache – und all das ist einfach hinreißend, wenn man Sinn dafür hat und von vornherein ein wenig weiß, worum es geht. Wenn nicht, wird man vor dem Duett / Duell, das sich zwei große Schauspieler liefern, möglicherweise stehen wie der Blinde vor der Farbe…

Zwei Schauspieler also, einstige Kollegen und Theaterstars. Der eine, Gauthier (Lambert Wilson mit hinreißender „Schöner Mann“-Attitüde) ist zum Fernsehen gegangen, verdient unglaublich viel Geld mit einer Doktor-Serie, ist berühmt wie nie – und sehnt sich an das Theater zurück.

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Der andere, Serge (der absolut großartige, wie eine Zwiebel zahllose Schichten seines Charakters abschälende Fabrice Luchini) hat, aus welchen nie genau genannten Gründen auch immer, das Theater hinter sich gelassen und lebt in einem eher schäbigen Haus auf der Île de Ré (in der Nähe von La Rochelle, einsam genug). Dort fließt das Leben langsam und man bewegt sich – obwohl es Autos gibt – eher mit dem Fahrrad fort.

Nun, Gauthier kommt zu Serge mit dem Angebot, mit ihm in Molières „Misanthrope“ zu spielen, wobei gleich zu Beginn ein Missverständnis herrscht: Serge nimmt selbstverständlich an, er wurde die Titelrolle des Menschenfeindes, den Alceste, spielen, aber „Star“ Gauthier  hat den natürlich für sich selbst vorgesehen und wollte Serge nur als Philinte („eine wichtige Nebenrolle!“) an seiner Seite.

Schauspieler untereinander: Eifersucht, künstlerische Rivalität, Positionskämpfe, Neid, Täuschung, Verstellung, Misstrauen, das Einander-Belauern – alles ist da. So sehr Serge danach gelüstet, wieder auf der Bühne zu stehen, gibt er sich doch „hard to get“: Erste Bedingung, sie spielen abwechselnd den Alceste und den Philinte. Zweite Bedingung: Sie proben lange, bevor Serge sich entschließen will. Wobei sich natürlich herausstellt, wie nahe die „Menschenfeindlichkeit“ des Alceste ihm persönlich ist – dass hier ein Stück quasi die eigene Befindlichkeit abhandelt. (Und dass gerade der Misanthrope in seiner Psychologie des Selbstgerechten eines von Molières aktuellsten Stücken ist, wird hier auch völlig klar.)

Aber es geht noch um mehr – es geht um die Heiligkeit der französischen Sprache und des französischen Dramas. Man sollte diesen Film um jeden Preis in der Originalfassung sehen (es gibt ihn mit deutschen Untertiteln), um wirklich zu genießen, wie diese beiden Männer mit der Sprache Molières umgehen, wie sie ihr bis ins Detail von Betonungen, von Sinnfragen nachgehen…

Da man die Intensität dieser Theaterarbeit allein nicht aushielte, gibt es Alltagsszenen, und die Rivalität flammt natürlich auch auf, als eine schöne Italienerin (Maya Sansa) auf der Insel von beiden umschwärmt wird – und, cherchez la femme, da bricht es dann auch auseinander. Und Fabrice Luchini, der diesen Film als Drehbuchautor mitverantwortet, geht mit der Figur die er spielt, gar nicht nobel um – hinreißend die Szene, wie Serge den Kollegen hintergründig für dessen Arzt-Serie, um die er ihn wahrscheinlich ja doch beneidet, verhöhnt…

Fabrice Luchini, die selbst auf der Île de Ré wohnt und, wie es heißt, den Molière’schen Misanthrope jederzeit auswendig rezitieren kann, hat sich mit diesem Film, den Philippe Le Guay mit hinreißendem Humor und infernalischer Vielschichtigkeit inszeniert hat, selbst ein Geschenk gemacht. Aber Theaterfreunden in der ganzen Welt ebenso.

Renate Wagner

 

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