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MÖRBISCH/ Seebühne: „DAS LAND DES LÄCHELNS“. Derniere

24.08.2019 | Operette/Musical

Mörbisch / Seebühne: “DAS LAND DES LÄCHELNS“ – 23.8.2019

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„Es lächelt der See, er ladet zum Bade …“, der Neusiedler-See leider nicht, schon wegen des vieles Schilfes, aber er lädt zu einem großen Operettenabend auf der größten Open-Air-Operettenbühne ein. Am Abend vor der Dernière „lächelte“ auch der Himmel zu Franz Lehárs anderswo nicht allzu oft gespielter Operette „Das Land des Lächelns“ mit den eingängigen Melodien, die bei guter Ausführung „zünden“. An diesem Abend ging sie zum vorletzten Mal über die Bühne, aber keiner der Ausführenden „baden“.

Nach der traditionellen Ansprache, jetzt von Intendant Peter Edelmann in seiner zweiten Amtszeit, „schockte“ bei der Ouvertüre zunächst eine schlechte Tontechnik, die jedoch allmählich besser wurde (oder man hatte sich daran gewöhnt). Trotzdem dachte man wehmütig an die schönen Zeiten, als die Musik noch aus dem „Orchestergraben im See“ kam und wie „original“ wahrgenommen wurde, während sie jetzt aus einem entfernten Raum erklingt und nicht viel mehr Eindruck als eine gute „Konserve“ macht, obwohl das Festival-Orchester unter Thomas Rösner bei genauem Hinhören doch gewissenhaft und klangschön musizierte.

Für den guten optischen Eindruck sorgte das Bühnenbild von Walter Vogelweider mit einem großen, schon weithin sichtbaren Bogen aus Metall und Versatzstücken, die entlang einer „Flaniermeile“ a la Prater um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit allerlei kurzweiligen Vergnügungs-„Etablissements“ (nicht nur im engeren Sinne) stehen, einschließlich einer „Drachenbahn“, die später durch eine 180°-Drehung zum riesigen Drachenkopf, der auch zum chinesischen Herrscherpalast mit steiler Treppe und mit den übrigen Versatzstücken zum überdimensionalen, aus Teilen zusammengesetzten Riesendrachen mutiert, um flüchtig betrachtet, chinesisches Ambiente und Atmosphäre zu assoziieren – wie man sich eben China in der Operette so vorstellt.

Zuvor wird aber ein typischer Operetten-Wintergarten im Jugendstil in die Flaniermeile hineingeschoben, in dem die adligen Personen mehr natürlich als vornehm agieren. Da dieser Wintergarten nicht die gesamte Bühne einnimmt, hält auch der Zuschauer etwas Abstand zur herkömmlichen Operetten-Ausstattung, die jetzt in den Verruf des „Kitschigen“ gekommen ist, hier aber wie mit spitzem Pinsel gemalt und keineswegs „plüschig“ oder verstaubt erscheint. Konservativ muss nicht immer schlecht sein. Hier war typisches Operetten-Ambiente geschickt in eine gegenwärtige Sichtweise integriert, die mit Abstand und Anstand auf Vergangenheit und Gegenwart blicken ließ.

Regisseur Leonard Prinsloo, der auch für die Choreografie verantwortlich zeichnet, schuf einen flüssigen und schlüssigen Handlungsablauf mit vielen Einfällen und Effekten, mit buntem Treiben, reichlich Ballett und talentierten jungen Luftakrobaten. Schließlich ist es ein alter Brauch, bei Operetten mit viel Ballett und allerlei „Einlagen“ dem Publikum noch näher zu kommen, das die Ränge fast bis auf den letzten Platz füllte.

Die Kostüme von Christof Cremer, von elegant (Lisa) und traditionell (Graf Lichtenstein), bis neckisch (Mi) und ständig wechselnde, farbige Durchscheinbild-Einblendungen mit Mustern und Blumen auf und neben dem großen Bogen sorgten in schnellem Wechsel für Abwechslung (und auch etwas Unruhe) und erhöhten die Spannung. Mit einbezogen wurde auch ein Stück vom See, um daraus Fontänen sprudeln zu lassen.

Am Ende sorgte wie immer ein großes Feuerwerk für den pompösen Abschluss, und die Melodien klangen nach, wofür an diesem Abend vor allem Sophia Brommer mit ihrem schönen, sicher geführten Sopran, als Lisa, die verwöhnte und in den chinesischen Prinzen Sou–Chong wegen seiner exotischen Erscheinung und in Bescheidenheit versteckter glühender Leidenschaft verliebte Tochter des Grafen Ferdinand Lichtenfels sorgte, dem Benno Schollum mit Operetten-Noblesse und lockerem Wohlwollen Leben einhauchte.

Dem um sie werbenden und ihr schließlich am Ende in der Misere beistehende Graf Gustav von Pottenstein (Gustl) verlieh Maximilian Mayer Stimme und Gestalt und hatte mit witzigen Gags, die keineswegs „abgestanden“ wirkten, die Sympathie des Publikums auf seiner Seite. Nur bei seiner angebeteten Lisa blitzt er vorerst ab.

Laut Handlung war sein „Konkurrent“, der chinesische Prinz erfolgreicher, jedoch der Sänger-Darsteller desselben, der koreanische Tenor Won Whi Choi, der zwar mit seiner fernöstlichen Herkunft äußerlich perfekt in die Rolle passte und quasi „sich selbst“ spielen konnte, erschien gesanglich für diese Partie schon wegen der Tessitura nicht ganz so glücklich. Beim Wechsel in die jeweiligen Lagen stieß er auf einige Probleme, und seine Diktion war – im Gegensatz zu den anderen Akteuren – weniger überzeugend. An andere Tenöre wie Piotr Beczała, zu dessen Glanzarien u. a. auch die des Prinzen („Dein ist mein ganzes Herz“) gehört, durfte man da gar nicht erst nicht denken!

Wegen der, von seinem sittenstrengen Onkel Tschang (Koichi Okugawa) angemahnten traditionsverpflichteten Verheiratung mit vier Mandschu-Mädchen, in die der Prinz widerwillig, aber aus Staatsraison einwilligt, will ihm und dem Land seine geliebte Ehefrau Lisa mit fliegenden Fahnen und der Hilfe ihres diesbezüglich wesentlich bescheideneren Freundes Gustl, entfliehen, wovon sie auch Mi, die kleine, brave und doch pfiffige Schwester des Prinzen, nicht zurückhalten kann, dargestellt von Katerina von Bennigsen mit passendem Operettensopran als flotte, kleine betuliche Chinesin mit Trippelschrittchen und naiv jungfräulichem Verständnis und Sympathie für die beiden Fluchtwilligen. Die Flucht misslingt und wird – wie bei Mozarts „Entführung aus dem Serail“ – vom großzügigen fremden Herrscher toleriert und abgesegnet. Der Prinz leidet still für sich allein nach der Devise „immer nur lächeln, wie‘s drinnen aussieht, geht niemand was an“´- auch eine Weisheit.

Als besonderes Schmankerl hatte Festivalgründer und Alt-Intendant Harald Serafin die Rolle des „Ober-Eunuchen“ übernommen und produzierte sich ausgiebig mit stellenweise leiser Stimme, witzigen Bemerkungen und „Gesang“, wobei mehrmals sein Name fiel, den ohnehin jeder kennt. Dem Publikum machte es großen Spaß.

Wenn mancher so manches auch als „Längen“ empfunden haben mag, beispielsweise zweimal eine ähnliche punkvolle chinesische Hochzeitszeremonie (mit Lisa und später mit den vier chinesischen „Pflicht“-Frauen) usw. und man sich die Handlung noch etwas gestraffter und brisanter hätte vorstellen können, war es doch unter dem Gesichtspunkt einer leichteren Sommerkost, auch wenn es sich um eine dramatische Operette mit tragischem Ausgang handelt, ein entspannter Abend, bei dem die optischen und akustischen Eindrücke ineinanderfließend ein geschlossenes Ganzes ergaben, wobei auch das Wetter und die Landschaft mitspielten und das Publikum zufrieden das Festspielgelände verließ, noch leise die eingängigen Melodien summend.

Ingrid Gerk

 

 

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