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MITTWOCH, 2. JÄNNER 2019

01.01.2019 | Allgemein, Tageskommentar

 
Foto: Thomas Prochazka

WO MUSIKFREUNDE DAS NEUE JAHR BEGINNEN:
MIT DEM „PIEFKE UND SEINER BAND“

Ich habe, wie die meisten von uns, das Neujahrskonzert nur im Fernsehen gesehen – und war positiv überrascht. Nicht, dass ich Christian Thielemann die Wiener Musik nicht zugetraut hätte (ich traue ihm, im positiven Sinn, alles zu), aber das war doch besonders schön und locker und manchmal geradezu zärtlich umspielt („Sphärenklänge“ wirklich als solche). Und doch, wenn das nicht so pompös klingt, voll spürbarem Gestaltungswillen. Gleicherweise für die Sträuße und Kollegen, wie für das Publikum gedacht. Wenn man innerlich so richtig mitswingt, dann ist doch der Zweck erreicht? Also, ich persönlich war mit dem Piefke (liebevoll gemeint!) und „seiner Band“ (Thielemann’sche Selbstdefinition) hoch zufrieden! Nicht immer bewahrheiten sich Voraussagen, aber in meinen Augen und Ohren war dieses Neujahrskonzert wirklich ein besonders, wie versprochen.

Aber wir haben auch eine Kritik, Thomas Prochazka war in der Voraufführung am 31. am Abend, weil er meint, da sei die Stimmung nicht so verkrampft wie bei der Fernsehaufzeichnung: Er spürt, wie zu erwarten, jedem Detail nach und findet manches, das nicht passt und das ein weniger geschulter Hörer glücklich-dankbar entgegen nimmt. Immerhin kommt er zu dem Resümee:

Dieses Silvesterkonzert von Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker: ein lang er­war­tetes, ein viel­versprechendes Debut. Möge nicht zuviel Zeit verstreichen, bis man wieder für die Aufführung von Werken der Strauß-Familie zusammenfindet. (Es darf ruhig ein Abonnement- oder Sonderkonzert sein. Man ist ja nicht wählerisch.)

P.S. In einem Artikel der Kleinen Zeitung wird wieder einmal Kulturpolitik gemacht. Aber vielleicht hat der Autor nicht so Unrecht, wenn er über Thielemann schreibt:

Bei den Wiener Orchestermusikern steht er hoch im Kurs, man darf davon ausgehen, dass nicht wenige von ihnen gern Thielemann ab 2020 als Musikdirektor der Staatsoper (wo die Philharmoniker ihrem „Brotberuf“ nachgehen) gesehen hätten, und nicht Philippe Jordan.

Tja, ich fürchte, für manche richtige Entscheidung ist es mittlerweile zu spät…

DER NÄCHSTE, BITTE

Nach dem Neujahrskonzert wird traditionsgemäß verkündet, wer das Konzert im Jahr darauf leiten wird, und weil wir in Wien und auf solche Sachen neugierig sind, ist das immer eine wichtige Information. Wie viele Leute müssen jetzt ein paar Hunderter verloren geben, weil sie so fest auf Philippe Jordan gesetzt haben? Aber es ist Andris Nelsons, der 40jährige Lette. Gefördert von seinem Landsmann Mariss Jansons, hat er Chefposten in Riga, Birmingham, Boston und Leipzig bekleidet. Derzeit ein erster Name am Klassik-Himmel. Darunter müssen es die Philharmoniker auch nicht tun. Wie trickreich diese Entscheidung ist… dazu werden sich die Kommentatoren schon noch äußern.

„DIE FLEDERMAUS“ FUNKTIONIERT IMMER

Keine nennenswerten Novitäten, aber bewährt „Altes“ (Fally, Eröd und – wie oft eigentlich noch? – Simonischek) hatte die Staatsopern-„Fledermaus“ zu Silvester aufzuweisen, die in der immer brauchbaren Opulenz der Schenk’schen Inszenierung selten ihre Wirkung verfehlt. Manfred A. Schmid resümiert folglich:

Die glänzende Laune auf der Bühne überträgt sich mühelos auf das Publikum. Rundum regiert an diesem Abend Heiterkeit. Und daran ist natürlich nicht der Champagner schuld, sondern eine gediegene Aufführung, die den Übergang vom alten in das neue Jahr gut gelaunt gelingen lässt. Da man aber beim Lachen, was wissenschaftlich erwiesen ist, rund 300 Bauchmuskeln aktiviert und zudem sein Immunsystem stärkt und Ängste und Schmerzen bekämpft, dient diese Aufführung vortrefflich der Volksgesundheit und sollte eigentlich zur Prophylaxe zum Jahresanfang jedem Wiener – besser noch: jedem Österreicher – ärztlich verschrieben werden.

Hätte Anton Cupak, dem es übrigens besser geht und mit dem ich am Telefon am Neujahrstag schon herzlich gelacht habe, diese „Fledermaus“ zwecke rapider Gesundung besuchen können! Aber er bleibt noch ein paar Tage im Spital, Beiträge und Mitteilungen für kurze Zeit am besten umweglos an Renate Wagner direkt.

2019: JUBILÄEN

Bei den Jahresregenten gibt es solche und solche. Es gibt „krumme“ Jahrestage – nur was auf einen Hunderter endet oder höchstens noch auf einen Fünfziger, ist wirklich wertvoll. Und die Betroffenen dürfen auch nicht aus der zweiten Reihe kommen, um international wahrgenommen zu werden. Und irgendwie „juicy“ sollen sie auch sein – Luther oder Marx waren als Jahresregenten ja trockene Gesellen, da hatten wir Musikfreunde es 2013 mit Wagner und Verdi schon besser.

Also: 2019. Den 450. Todestag von Pieter Bruegel haben wir hier in Wien, mit der Ausstellung im Kunsthistorischen, schon auf die erlesenste Art vorgefeiert. Aber die Kunstszene hat heuer noch zwei „Hits“, die nicht zu übertreffen sein werden: Am 2. Mai jährt sich der 500. Todestag von Leonardo da Vinci und am 4. Oktober der 350. Todestag von Rembrandt. Das wird dann jenen Ausstellungstourismus in Gang setzen, dem wir Wiener verdanken, dass Wien über Weihnachten und Neujahr noch überfluteter war als sonst… Na, ich kann mir Schlimmeres vorstellen als Leute, die unbedingt Bruegel und Monet sehen wollen!

Für Musikfreunde heißt der Jahresregent Jacques Offenbach, dessen 200. Geburtstag sich am 20. Juni jährt. Und wir wollen auch eine wichtige Frau nicht vergessen, die gleichfalls ihren 200er feiert: Clara Schumann (13. September), die ihre „Rollen“ als Künstlerin, Gattin, Mutter, Freundin (von Brahms) nicht leicht, aber doch bewundernswert unter einen Hut brachte.

Als Bruder Wieland 100 wurde, gab es einige Bücher über ihn – ich hoffe, beim 100er von Wolfgang Wagner (30. August) werden nicht die alten Vorurteile wiedergekäut. Das war ein echter Theaterfuchs – und live ein fränkisches Original, wie man es sich nur wünschen konnte. Bei dieser Gelegenheit kann man sich wieder den Kopf über die Zukunft von Bayreuth zerbrechen, da den Wagners ja die Familienmitglieder mit Führungskompetenz ausgehen – und der „Grüne Hügel“ meines Erachtens ein ganz, ganz anderer sein wird, wenn er nicht mehr in Familienhand ruht. Na ja, Nike Wagner wäre ja gleich mit der Idee gekommen, „Wozzck“ dort zu spielen… was soll man sagen?

In der Literatur ist für die Deutschen wohl Theodor Fontane (200. Geburtstag, aber erst am 30. Dezember, also in einem Jahr) der König, und andere Schwergewichte kommen aus der Politik – Queen Victoria (200. Geburtstag am 24. Mai), aus der Forschung – Alexander von Humboldt (250. Geburtstag am 14. September) oder aus der Welt der Berge – Edmund Hillary (100. Geburtstag am 20. Juli).

Ich denke, da wird jeder Kulturfreund jemanden finden, der ihn interessiert.

So, und dass wir alle irgendwann im Laufe des Jahres nach Tirol müssen, ist klar: Dort wird nämlich der 500. Todestag von Kaiser Maximilian I. mit ungeheurem Aufwand gefeiert: Irgendeines der 330 Events wird man sicher erwischen – vielleicht werden es 365, dann gibt es jeden Tag eines…

P.S.  DIE BESSERWISSERIN

Sorry, aber das kann ich der Münze Österreich nicht durchgehen lassen. Sie wirbt mit folgendem Text für ihr neuestes Produkt:

Die neue Silber-Unze mit dem ungewöhnlichen Nominal von 1,50 Euro ist dem Habsburger Kaiser Leopold V. gewidmet. Dies ist kein Zufall. Vor 825 Jahren gründete Leopold V. anhand einer gigantischen Menge Silber Österreichs Münzprägestätte. So setzte er den Grundstein für jenen Weltruhm, den Österreichs Münzen heute genießen.

Liebe Leute, wer einen Habsburger Kaiser (da gab es nur zweimal einen Leopold) nicht von einem Babenberger-Herzog unterscheiden kann, hat im Geschichtsunterricht wirklich nicht aufgepasst!

Renate Wagner

 

 

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